Dienstag, 20. Mai 2014

Das Angebot der Industrie: Europäisches Drohnen-Projekt ohne übliche Industriepolitik. Von Christian Dominik Heinz

Airbus Defence and Space, Dassault Aviation und Alenia Aermacchi wollen zusammen das Projekt "Male 2020", einer Drohne auf der ILA in Berlin vorstellen. Die Industrie geht damit der Politik voraus, die noch immer zögerlich und unentschlossen gegenüber der Entwicklung einer Drohne in Europa ist.

Überraschend dabei ist, dass sich dieses multinationale Konsortium für eine europäische Drohne ohne industriepolitischen Überbau der Länder formiert, d.h. ohne Regierungskonsultationen oder Regierungsbeschlüsse, um künstlich Arbeitsplätze zu fördern. Die Arbeitsteilung kommt damit ohne jene politische Einflussnahmen zustande, die Fähigkeit, Preis und Risiko für ein Industriekonsortium verzerren. Da über Beschaffungsprogramme bisher Industriepolitik betrieben worden ist, litten die Projekte an adäquater Realisierbarkeit der zahlreichen Kundenwünsche und Effizienz. Die Anforderungen sollen nun in der Definitionsphase direkt mit den Kunden bestimmt werden.

Die Industrie trägt selbst damit zur Vorbeugung einer ausufernden technologischen Abhängigkeit bei, die droht, wenn weitere Entwicklungszeit verloren geht, wie beim Eurohawk-Debakel schon ersichtlich war. Für das zum Eurohawk gehörende Aufklärungssystem konnte bis heute zum Beispiel kein Ersatzflieger gefunden werden. Auch beinhaltet das Vorhaben die Lösung der bisherigen Zulassungsprobleme. Eine europäische Eigenentwicklung kann die Zertifizierungskriterien zur europaweiten Zulassung von Anfang an einbinden. Schwierigkeiten nationaler Zulassungen und Mängel fremder, unzureichend zugänglicher Auskünfte eines Imports werden vermieden.

Emotionales Thema

In der Öffentlichkeit gibt es indes keine sachliche Debatte, wie militärisch sinnvoll Drohnen sind. Allein das Abschreckungspotenzial, das Drohnen in der Terrorismusbekämpfung auch in den entlegensten Gebieten haben oder die Erfolge im Libyen-Einsatz mit Drohnen zeigen gute Erfahrungen mit ihren Möglichkeiten. Popularität als Maßstab anzusetzen zeugt dagegen oft von Ignoranz der Einsatzanforderungen bei der Bundeswehr oder Frontex, der europäischen Grenzschutzagentur, die ebenso auf die Leistungsmerkmale von Drohnen angewiesen ist, wenn sie mit langer Zeitdauer große Seegebiete durch weitreichende Aufklärungssensorik (optisch, mit Infrarot oder durch abbildende Radarsysteme/SAR) überwachen will. Drohnen können auch Leben retten – etwa, wenn havarierte Flüchtlingsboote gesichtet werden.

Gerade für die Verteidigungsministerin von der Leyen darf die Popularität nicht ausschlaggebend für die Beurteilung des militärischen Bedarfs sein und Drohnen einfach in Rekurs auf Emotionen diskreditiert werden, wie sie es zuletzt getan hat. Dahinter verbergen sich im Grunde falsche Vorstellungen. Mit Drohnen wird in der Öffentlichkeit durch die Medien das Bild von Computerspielen suggeriert. Als ob der Pilot in eine virtuelle Welt versetzt wird, die er mit der Realität verwechselt und somit gewissenlos agiert wird wie bei Ego-Shootern, weil er nicht selbst im Einsatzgebiet ist. Prinz Harry hat mit einem solch laxen Vergleich seiner Afghanistan-Einsatzerfahrung in der Öffentlichkeit zu Recht Empörung hervorgerufen. Er hat damit sicherlich nicht diese Vorbehalte gemeint. Vielmehr hat er wohl die Einsatzmöglichkeiten und den Bedienkomfort des Kampfhubschraubers „Apache“ hervorheben wollen.

Framing

In der Auseinandersetzung mit der Drohnen-Technologie ist folgende Frage entscheidend: Erkennt der Pilot die Konsequenzen seines Handelns richtig auch wenn er nicht direkt in der Umgebung seines Handeln eingebunden ist? Das berührt das zentrale Thema des Psychologen und Nobelpreisträgers Daniel Kahneman: Welchen Einfluss üben die „Umstände“ („frames“)  auf das Denken, Urteilen und Entscheiden aus? Intuitiv wird nur mit der Anwesenheit der Person die notwendige Sensibilität gegenüber den Konsequenzen des Handelns erwartet. In sicherer Distanz sind Personen leichtfertiger auf die „Trigger-Happiness“ aus. Der Pilot will einfach nur schnell seinen Auftrag erfüllen, wie der Spieler Punkte sammeln will. Sein Denken wird zu unzulässiger Einfachheit verleitet. Wenn aber die Einsatzbedingungen wie Stress, Angst und Entscheidungsdruck der Soldaten berücksichtigt werden, dann kann auch das Gegenteil unterstellt werden. In sicherer Distanz außerhalb der Gefahrensituation kommt der Pilot zu einer nüchternen Beurteilung der Lage und daher zu der angemessen Entscheidung. Innerhalb der Gefahrensituation kommt es schneller zu Kurzschlusshandlungen. Die Abwägung, welcher Entscheidungsprozess der beiden Ausgangsbedingungen für die Komplexität der Konsequenzen besser ist, muss in der gesellschaftlichen Debatte berücksichtigt werden, die die Verteidigungsministerin erst abwarten will. Dieses Niveau ist in der Öffentlichkeit aber längst nicht erreicht. Alles was mit Verteidigungstechnik und Sicherheitspolitik in Zusammenhang steht, ist notwendig unpopulär. Von dort aus wird kein Fortschritt in der Debatte kommen. Doch kann sich der Staat nicht deswegen vor solchen Aufgaben entziehen.

Die Industrie muss mit den Streitkräften zusammen zum richtigen Schluss für oder gegen Drohnen kommen und der Politik ein Angebot machen, was möglich ist und was nicht. Den Marktwert einer Technologie erkennen ist richtig verstandenes Unternehmertum. Denn es ist absehbar, dass die Politik den Bedarf zu spät erkennt und einfach vor Entscheidungen in einer unausgereiften Debatte zurückschreckt. Der Maßstab der „Unbehaglichkeit“ der Verteidigungsministerin lässt das befürchten.

Zukunftsprojekte in der Kritik

Aber hoffentlich verhält es sich nicht wieder so wie beim Atomausstieg, dass sich der gesellschaftspolitische Gegenwind in Bezug auf den Bereich der Verteidigungstechnik in der Sicherheitspolitik so verselbstständigt und verschärft, dass die Politik nur noch einen gegebenen Anlass braucht, um quasi über Nacht die Industrie zu übergehen, obwohl anderes vereinbart wurde (Laufzeitverlängerung). Aber das kann nicht heißen, dass die Industrie deswegen im Voraus alle Zukunftsprojekte ad acta legt. Aber sollen die Äußerungen der Bundesministerin von der Leyen in diese Richtung einer „Debatte“ verstanden werden, dass dies drohen kann? Die Industrie musste reagieren. Aber das am letzten Donnerstag vorgelegte Angebot von Bernhard Gerwert (CEO von Airbus Defence and Space) wurde schon merkwürdigerweise dementiert. Die „Debatte“ wird nicht aufgenommen – ist sie doch nur politische Rhetorik? Vielleicht ist schon längst eine Entscheidung gefallen, die nur noch nicht kommuniziert ist, weil es noch keinen medial wirksamen Anlass gegeben hat. Schlägt hier wieder die Planifikation ohne Berücksichtigung der Industrie oder Einbindung der Kunden wie bei der Energiewende oder der Übernahmeschlacht um Alstom zu? Von der Leyen will selbst um ein Angebot bitten und nicht auf den Informationsvorsprung der Anbieter auf dem Markt hören. Das kann nur teure Planwirtschaft werden, deren Versagen am Ende  sicher wieder den Unternehmen angelastet wird.

Auch nicht zu vergessen ist, dass Transportflüge und Paketauslieferungen in Zukunft wahrscheinlich mit der Drohnen-Technologie operieren. Aber das ist wieder ein industriepolitisches Argument, das nichtsdestoweniger interessant ist. Die Menschen scheinen die Zukunft heute schon aufzugeben, wenn sie alle Investitionen in teure Medikamente, Elektromobilität, Energiewende oder eben der Drohnen-Entwicklung aufgrund von irgendwelchen Risiken in Hinsicht auf Preis, Realisierbarkeit oder Unwägbarkeiten scheuen. Leidliche Großprojekte und nicht die Neuentwicklungen an sich (Smartphones, Hybrid-Fahrzeuge, etc.) machen zu pessimistisch gegenüber den Technologien für Morgen. Von daher ist die Eigeninitiative der Industrie gegenüber der trägen Politik begrüßenswert.

Christian Dominik Heinz ist Daytrader und beschäftigt sich u.a. mit der Rolle der Luft- und Raumfahrt in der Industriegeschichte Deutschlands. Man kann ihm auf Facebook und unter @PhiloHeinz folgen. 

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