Montag, 20. Januar 2014

Open Europe Berlin trauert um sein Kuratoriumsmitglied Prof. Dr. jur. Dr. rer. pol. Dr. h.c. Christian Kirchner, LL.M. (Harvard). Von Michael Wohlgemuth

Die Nachricht erreichte uns heute völlig unerwartet. Christian Kirchner, unser Kuratoriumsmitglied und Freund, ist gestorben.

Er war ein Ordnungstheoretiker und -praktiker allerersten Ranges. Als Inhaber des „Lehrstuhls für deutsches, europäisches und internationales Zivil- und Wirtschaftsrecht und für Institutionenökonomik“ an der Berliner Humboldt Universität hat Kirchner wie kein Zweiter die Idee der Staatswissenschaften, der Forschungs- und Lehrgemeinschaft von Juristen und Ökonomen, verwirklicht – und das in einer Person, als gleichzeitig in verschiedensten Rechtsgebieten versierter Jurist und enorm gebildeter Ökonom.

Für einen ordentlichen Nachruf fehlen mir im Moment die Worte. Allein die enormen akademischen Verdienste von Christian Kirchner aufzuschreiben, bedürfte es einer Zusammenarbeit seiner Kollegen in Harvard, Frankfurt, Tokio, Hannover, Shanghai, St. Gallen, Berlin – um nur einige Universitäten zu nennen, an denen er maßgeblich gewirkt hat. 



Ich muss es für heute Abend bei kleinen Anmerkungen zu einem großen Leben belassen:

Ich kenne Christian Kirchner schon seit meinem Studium als Experten und modernen Entwickler des interdisziplinären  Forschungsprogramms der „Freiburger Schule“. Über das Max-Planck-Institut in Jena und das Walter Eucken Institut in Freiburg ergaben sich viele weitere und inspirierende  Kontakte.

Ich fand es schon damals schier unglaublich, wie jemand etwa im Wettbewerbsrecht (und gleichzeitig der Wettbewerbstheorie), im Staatsrecht (und gleichzeitig der Verfassungsökonomik), im Steuerrecht (und gleichzeitig der Finanzwissenschaft) so viel – nein: so viel mehr – wissen konnte als die jeweiligen Experten in ihrer jeweiligen Wissenschaft (mich natürlich stets und unbedingt eingeschlossen). Dazu kamen dann auch noch Einsichten der Moralphilosophie, Ideengeschichte und Theologie, die mir zuvor verborgen blieben.  

Und dann kam der stets vitale und fröhliche Christian Kirchner zu unseren Treffen in Berlin auch immer mit dem Fahrrad – wo mir die S-Bahn von gleicher Distanz bequemer erschien. Als ich vorletztes Jahr Christian Kirchner fragte, ob er für mein neues Abenteuer „Open Europe Berlin“ als Berater tätig werden wolle, sagte er nur: „herzlich gerne“ – nachdem er versichert war, dass wir weder von der EU noch von Lobby-Gruppen finanziert werden.

Und Christian Kirchner hat uns seitdem vor Ort in Berlin nicht nur viele wertvolle Ideen geschenkt, sondern auch ebenso wertvolle Kontakte. Im November 2013  trafen wir uns zuletzt, um kommende Projekte von Open Europe Berlin gemeinsam zu planen. Unsere Ideen waren (unter anderem): ein Insolvenzrecht für Staaten der EU, moral harazrd in der Bankenunion (s. hierzu etwa), Regeln für (statt: gegen) einen Steuerwettbewerb in der EU und das Problem der Vertragsänderungen in der EU.

Christian Kirchner war nicht nur ein intellektueller „renaissance man“, wie man ihn in Deutschland nur mehr selten finden wird. Er war auch einer, der die Bringschuld des Juristen und Ökonomen eingelöst hat: sinnvolle Reformen wissenschaftlich zu begründen und juristisch zu ermöglichen. Gerade auch in Europa.

Wir hatten noch so viel gemeinsam vor. Jetzt müssen wir es ohne Christian Kirchner schaffen. 

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