Dienstag, 21. Januar 2014

In Memoriam Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. LL.M. (Harvard) Christian Kirchner (1944-2014). Ein Text von Dr. Karen Horn und ein Videomitschnitt einer Open Europe Berlin Veranstaltung letztes Jahr

Christian Kirchner, Kuratoriumsmitglied und Freund von Open Europe Berlin, angemessen zu würdigen, fällt mir auch heute noch schwer (hier mein erster Versuch gestern Abend).

Ich möchte deshalb aus der Laudatio von Dr. Karen Horn zitieren, anlässlich der Verleihung der Hayek-Medaille der F.A. von Hayek Gesellschaft letztes Jahr (den ganzen Text finden Sie hier).

Christian Kirchner ist in Potsdam geboren; die Familie stammt ursprünglich aus dem Hessischen; aufgewachsen aber ist er in Augsburg. Nach dem Abitur absolvierte er erst einmal eine Banklehre, bevor er dann in Tübingen, Frankfurt, in Harvard und am M.I.T. Rechtswissenschaft und Volkswirtschaftslehre studierte. Dem Abschluss als Master in Legibus (LL.M.) in Harvard folgte die juristische Promotion, eine Lehrtätigkeit im Fach Wirtschaftsrecht sowie das Studium der japanischen Sprache und Kultur an der Universität Frankfurt. Dann sprang irgendwie auch noch eine ökonomische Promotion heraus. Aufenthalte als Gastforscher und Lehrstuhlvertreter überbrückten die Habilitationsphase, die ihm ansonsten wohl langweilig geworden wäre; 1984 erging die Berufung auf den ersten Lehrstuhl am Fachbereich Rechtswissenschaften in Hannover. 1993 wechselte Kirchner nach Berlin und wurde dort halbwegs sesshaft. Halbwegs – denn immer wieder reiste er als Gastprofessor und Berater ins Ausland – nach Japan, Vietnam, Korea, China, Amerika, Brasilien, Israel und so weiter; ich kann sie unmöglich alle im Detail aufzählen. Eine Dauereinrichtung wurde die Lehrtätigkeit an der Universität Sankt Gallen im Rahmen des dortigen Master-Programms in Law and Economics. Die Schweizer verliehen ihm im Mai 2010 auch die Ehrendoktorwürde.

Kurz nach seiner Emeritierung im vergangenen Frühjahr, die allerdings wie im Falle seines Kollegen und Sparringspartners Beat Blankart nicht etwa mit einer Beendigung seiner Lehrtätigkeit einherging, berief das renommierte Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik Christian Kirchner in seinen Vorstand. Nun hat er also nicht nur ein Büro in der Kommode Unter den Linden, sondern auch noch eines am Pariser Platz, am Brandenburger Tor.

Bei Kirchner erschlägt einen im positiven Sinne aber nicht nur die Menge, sondern auch die Vielfalt seines Tuns allein schon in der Form, wie sie in der Bezeichnung seines früheren Lehrstuhls an der Humboldt-Universität zu Berlin zu Tage tritt. Er war dort bis zur Emeritierung im vergangenen Jahr Inhaber des Lehrstuhls für „Deutsches, Europäisches und Internationales Zivil- und Wirtschaftsrecht und Institutionenökonomik“ an der Juristischen Fakultät und an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät. In der Zeitung füllt allein das schon gut und gerne mehr als drei Zeilen. Und inhaltlich sind das eigentlich sieben Lehrstühle in einem. Die damit einhergehende thematische Fülle macht sich natürlich in Kirchners Publikationen bemerkbar, in den wissenschaftlichen ebenso wie in den vielen kraftvollen und glasklaren publizistischen Aufsätzen, die sich an die breitere Öffentlichkeit richten.

Wissenschaftlich ist Christian Kirchner vor allem und naheliegenderweise ein Pionier der Law and Economics, also der ökonomischen Analyse oder Theorie des Rechts – einer beide Disziplinen verzahnenden Forschungsrichtung, die mit Methoden der modernen Wirtschaftswissenschaften zur Beantwortung rechtlicher Fragestellungen sowohl auf der Ebene der Normsetzung als auch auf der Ebene der Normanwendung beitragen soll. Bisher ist Law and Economics vor allem für Ökonomen ein beliebtes Feld, die Juristen tun sich damit noch etwas schwer – aber Kirchner dürfte als inspirierender, mit seiner Begeisterung ansteckender akademischer Lehrer auch daran etwas geändert haben.

Im einzelnen reichen seine Themen vom Wettbewerbs- und Kartellrecht, der sektorspezifischen Regulierung insbesondere in Netzindustrien wie der Bahn, aber auch der Finanzmärkte, dem Unternehmens- und Gesellschaftsrecht, dem Konzernrecht und dem Bilanzrecht bis hin zur Corporate Governance und der Wirtschaftsethik.
[...]


Allen Schriften Christian Kirchners ist eigen, dass sie eine grundsätzliche Betrachtung, die auch in den seriösen Feuilletons der Republik ihren Platz hätte, falls es die noch gibt, mit einer knallharten, knochentrockenen, wenn nötig auch ziemlich technischen Sachanalyse verbindet – und aus alle dem ergibt sich am Ende ein klares, seriöses Urteil. Da ist in dem einen Satz noch von Ethik und katholischer Soziallehre die Rede und auf der nächsten Seite schon von internationalem Informationsaustausch der Steuerbehörden, von hybriden Konzernstrukturen, Trennbankensystem und kalter Sozialisierung.

Bei Kirchner muss man nicht lange suchen nach unerbittlichen Schlussfolgerungen wie der, dass die EZB jenseits der Legalität gehandelt hat, indem sie im Winter 2012 anfing, griechische Staatsanleihen zu kaufen. Oder dass die Rettungsschirme für Griechenland eine Fehlkonstruktion darstellen und zum Scheitern verurteilt sind. Oder dass, ich zitiere, „gesellschaftliche Ordnungen, die das Prädikat ,freiheitlich’ verdienen sollen, (nicht) versuchen, ihre Bürger zu erziehen, sondern sich sanktionsbewehrter Regelungen bedienen (Institutionen).“ Es ist diese analytische wie ordnungspolitische Klarheit, die wir an Ihnen bewundern, lieber Herr Kirchner, und für die wir Sie heute auszeichnen möchten. Wir lernen immer wieder viel und gern von Ihnen und hoffen, dass Sie uns – wie auch die breite Öffentlichkeit – noch lange mit Ihren Einsichten beschenken werden“.

Diese Hoffnung hat sich nun leider nicht erfüllt. Christian Kirchner wird uns fehlen. Sehr. In Erinnerung bleiben werden mir (MW) nicht nur seine Arbeiten, sondern auch seine Persönlichkeit, nicht nur sein scharfer Intellekt, sondern auch seine direkte Hilfsbereitschaft, sein unglaublicher Anekdotenreichtum und sein verschmitzter Humor.

Besonders Kirchners klare juristische Analyse des Status Quo der Europäischen Verfassung, sein Herausarbeiten eines konstitutionenökonomischen Dilemmas Europäischer Integration und sein Vorschlag für ein flexibles Europa hat auch unsere Arbeit bei Open Europe Berlin inspiriert. Vor ziemlich genau einem Jahr haben wir (Open Europe Berlin) mit ihm und Charles Beat Blankart an der Humboldt Universität Berlin eine europapolitische Konferenz veranstaltet. Hier ist sein Beitrag zur Podiumsdiskussion.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen