Dienstag, 13. August 2013

Erfolgsmodell Kleinstaaterei? Von Christoph Heuermann

Denkt man an den Geschichtsunterricht zurück, hat man unweigerlich die Zollschranken vor Augen. Ein Schlagbaum als Sinnbild der deutschen Kleinstaaterei, die in Zeiten von Schengen als überholt betrachtet wird. Schlimmer noch, man wird das Bild nicht los, dass die Kleinstaaterei die wirtschaftliche Entwicklung Europas verhindert habe: der Händler vor dem Schlagbaum muss unverrichteter Dinge wieder nach Hause fahren.



Mögen  Zölle freilich hinderlich gewesen sein, so ist die Kleinstaaterei doch wesentlich positiver zu betrachten. Eine Tatsache jedoch, die es im Zeitalter des wissenschaftlichen Positivismus schwer hatte, der Daten aggregiert, dabei aber konkrete Interdependenzen vernachlässigt. Mittlerweile jedoch hat sich das Blatt gewendet: immer mehr Historiker und Ökonomen neigen dem „institutionellen“ Ansatz zu, der der Kleinstaaterei eine bemerkenswert positive Rolle in der wirtschaftlichen Entwicklung Europas zubilligt.

Dass marxistische Theorien, die allzu oft von Ausbeutung zulasten Kolonien ausgehen falsch liegen, scheint mittlerweile Konsens zu sein. Trotzdem hält sich hartnäckig der Glauben, dass etwa das Gold Südamerikas Spanien reich gemacht hatte. Das Gegenteil ist der Fall: die Goldschwemme zerstörte die Wirtschaftsstruktur völlig und sorgte für den raschen Niedergang Spaniens in den folgenden Jahrhunderten, was sich durch die unsichere Eigentumsrechtssituation, ausgelöst durch Enteignungen von Juden und Mauren, noch verstärkte.

Der Grund dafür, warum das Pro-Kopf Einkommen gerade in Europa über einen langen Zeitraum kontinuierlich anstieg, ist hingegen in der relativ geringen politischen Beschränkung zu finden, die sich in radikaler Dezentralisation und Wettbewerb untereinander –  Kleinstaaterei eben – äußerte. Militarismus und monarchische Willkür mögen dies an mancher Stelle gedämpft haben, doch waren die Bedingungen für Unternehmertum über lange Zeit grundsätzlich stabil. Wichtigster Faktor dabei war die Sicherung von Eigentumsrechten. Laut David Landes wurden Steuern z.B.  meist von seitens der Steuerpflichtigen selbst beaufsichtigten Vertretern erhoben, was soziale Kontrolle und Erpressungsmöglichkeiten erheblich erschwerte.

Überhaupt war Repression schwer möglich. Wer etwas zu befürchten hatte, konnte oft innerhalb einer Stunde die Landesgrenzen verlassen. Fürsten, die enteigneten und Handel verhinderten, konnten zusehen, wie sich ihre Konkurrenten an einer besseren wirtschaftlichen Entwicklung erfreuten. Macht war verstreut statt zentralisiert, was die Ausweitung des Rechtsstaates begünstigte. Wie DouglasNorth (1981) zeigte,  boten nun klarer definierte Eigentumsrechte die Möglichkeit, mehr von Investitionen zu profitieren, was zur Entstehung einer neuen, unabhängigen Händlerschicht führte. Dies alles sorgte in einem langen Zeitraum von mehreren hundert Jahren für stetigen Wohlstandszuwachs, gleichzeitig aber auch zur Blüte von Kultur und Wissenschaft. Das große Kapital des deutschen Fürstentums Weimar waren etwa seine Dichter und Denker, da es militärisch den es umgebenen größeren Staaten nicht gewachsen war. So schrieb etwa Goethe zur 1828 zur Kleinstaaterei: „Wodurch ist Deutschland groß als durch eine bewundernswürdige Volkskultur, die alle Teile des Reichs gleichmäßig durchdrungen hat. Sind es aber nicht die einzelnen Fürstensitze, von denen sie ausgeht und welche ihre Träger und Pfleger sind? – Gesetzt, wir hätten in Deutschland seit Jahrhunderten nur die beiden Residenzstädte Wien und Berlin, oder gar nur eine, da möchte ich doch sehen, wie es um die deutsche Kultur stände, ja auch um einen überall verbreiteten Wohlstand, der mit der Kultur Hand in Hand geht!“ (JohannPeter Eckerman: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens -Kapitel 287)

Natürlich gab es Unterschiede in Europa. Nachdem sich etwa die Niederlande aus spanischen Händen befreiten, waren sie alles andere als unterentwickelt. Wie Ralph Raico  treffend schreibt: Sie schuldeten ihre Freiheit dem dezentralen Staatensystem Europas und wuchsen dann auch selbst als  dezentral organisiertes Land hervor, ohne König und Hof, ein „kopfloses Commonwealth“ das sichere Eigentumsrechte mit Rechtsherrschaft, religiöser Toleranz und intellektueller Freiheit, und einem Grad an Wohlstand verband, den man als frühes modernes Wirtschaftswunder bezeichnen kann.“ Russland hingegen ist als Gegenbeispiel anzuführen. Schon lange vor der Oktoberrevolution galt im  Russischen Zarenreich die Maxime eines unbeschränkten Staates. Florierende Hansestädte wie Nowgorod wurden zerstört, der Adel war abhängig vom Staat und Rechts-, Eigentums- und Personensicherheit nicht gewährleistet.

Was können wir in der heutigen Zeit daraus lernen? Einerseits lernen wir daraus, dass in den unterentwickelten Ländern der Welt vor allem stabile Rahmenbedingungen herrschen müssen, um eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung zu ermöglichen. Klar definierte und gesicherte Eigentumsrechte, eingebettet in einem in seiner Macht beschränkten Rechtsstaat, sind der Schlüssel dazu. Andererseits sollten wir uns im Zeitalter des EU-Zentralismus darauf besinnen, was Europa groß gemacht hat. Nicht die Einfalt der Monarchen, sondern die Vielfalt der Nationen. Nur ein buntes, offenes Europa kann dafür sorgen, dass unser Kontinent auch in Zukunft lebenswert bleibt.

Christoph Heuermann studiert Politik- und Verwaltungswissenschaften an der Universität Konstanz 

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