Dienstag, 18. Juni 2013

Ist der Film gut oder ist er französisch? Von Clemens Schäfer

Die Vorbereitung der für Außenhandel verantwortlichen Minister für das G8 Treffen am 17. und 18. Juni in Nordirland wurden Freitagnacht nach 12-stündiger Verhandlung beendet. Es war den Ministern möglich, nahezu keine Ausnahmen in das Verhandlungsmandat für eine „Transatlantic Trade and Investment Partnership“ (TTIP) mit aufzunehmen - bis auf Frankreichs „Exception culturelle“.

Es handelt sich dabei um eine von Frankreich erstmals 1986 erhobene Forderung, den audiovisuellen Markt aus dem Handelsabkommen „General Agreement on Tarif and Trade“ (GATT) auszunehmen. Im Jahre 1994 wurde dies auch verabschiedet. Das führte dazu, dass Frankreich durch Steuern, Quotierung, Substitutionen und Steueranreize die eigene Filmindustrie fördern kann.

Zurückgeführt werden kann das u. a. auf die französische Mentalität, die wirtschaftspolitische Einstellung der Autoritäten sowie die Geschichte des Landes. Frankreich war schon unter Jean-Baptiste Colbert ein stark protektionistisches Land. Colbert stand vor der gewaltigen Aufgabe, die Finanzen des maroden französischen Staates im 17. Jahrhundert zu stabilisieren. Er ging von den damals gängigen Grundlagen des Merkantilismus aus, dass Außenhandel ein Nullsummenspiel sei. Sein erklärtes Ziel war es, die Exporte zu erhöhen und die Importe zu reduzieren. Um das zu erreichen, wurde ein Ausfuhrverbot von Gold erlassen, Einfuhrverbote verschiedener Güter, sowie genaue Vorschriften zur Herstellung von Produkten. Diese protektionistische Denkweise scheint aufgrund ihrer Erfolge unter Colbert im Gedächtnis der Franzosen geblieben zu sein. 

Während Frankreich in den folgenden 150 Jahren ihre Außen- und Handelspolitik eigenständig betrieb, geriet diese durch Bündnis Bildungen wie die EU oder der Internationalen Handelsorganisation (ITO) im 21. Jahrhundert ins Wanken. Nachdem viele Handelsbarrieren von Frankreich durch Verträge aufgelöst wurden, zeigte Frankreich 1986 Widerstand. Vielleicht aus Furcht vor dem HHMMS („Harvard and Hollywood, McDonalds and Microsoft Syndrome“) oder aus Stolz auf die eigene Kultur. In der Uruguay-Runde gelang es Frankreich, den audiovisuellen Markt aus dem Handelsabkommen „General Agreement on Tarif and Trade“(GATT) herauszunehmen. Damit konnte die französische Regierung ihren eigenen Kulturmarkt im Bereich des Films, der Musik, sowie Radio und Fernsehen beliebig Verzerren. Das führte zu einem Gesamtumsatz der französischen Filmindustrie von 10,5 Mrd. Euro (2009) und einem Anteil von 35,5% an den in Frankreich verkauften Filmtickets. Der US-amerikanische Anteile belief sich auf 49,7% (2009). Im Vergleich zu der Größe des Landes und zu anderen europäischen Ländern (z. B. entfielen in Deutschland 65% der verkauften Filmtickets auf US-amerikanische Produktionen und 34,4% EU Produktionen, 2009) kann die französische Filmindustrie als überdurchschnittlich erfolgreich betrachtet werden. Frankreich besitzt damit die größte Filmindustrie in Europa und die zweitgrößte weltweit. 

Das bringt ein starkes Angebot an lokalen/nationalen Filmen in den französischen Kinos mit sich. Dies wird maßgeblich durch die französische Filmförderung mit verursacht. Die Filmförderung entwickelte sich seit dem Jahre 1946 mit der Gründung des Centre national de Cinématographie. Zum einen treibt dieses Institut eine verpflichtende Abgabe (Kinokarten 11% des Preises, 5,5% des Umsatzes der TV-Kanäle) von den Filmverwertern ein und leitet die Gelder zu 85% an Produzenten weiter. Zum anderen sind die französischen Fernsehkanäle verpflichtet in Produktionen zu investieren, durch Rechteankauf oder Koproduktionen. Außerdem vergibt die Sofica eine Art Kinokasseneinnahmen-Gewinnvorschuss. Als weitere Sicherheit für Produzenten und Investoren auf dem audiovisuellen Markt in Frankreich kommt hinzu, dass die Fernsehsender Quotengesetzen unterliegen. Wenigstens 60% der Zeit muss mit europäischen Filmen gefüllt werden und mindestens 40 % mit französischen

Das Radio ist genauso betroffen und unterliegt der gleichen protektionistischen Politik wie der Film. Die Regeln sind strikt und umfassend. Die Sendezeitenquotierungen sind gleich denen beim Fernsehen. Hinzu kommt, dass von dem Quotenanteil der französischen Produktionen die Hälfte vom Gesetzgeber deklarierte Neuheiten sein müssen. Eine Neuheit ist ein Künstler, wenn er noch nicht zwei Mal über 100 000 CDs verkauft hat. Das führte in Frankreich zu verschiedenen u. U. positiven Effekten. Der Handel mit Musik-Labels stieg um 100% an, und einheimischen Künstlern wurde zum Erfolg verholfen.

In der Vergangenheit hat Frankreich versucht, seine protektionistische Politik im audiovisuellen Markt auf andere Länder auszuweiten. Die UNESCO verabschiedete 2005 die Erklärung über die kulturelle Vielfalt. Diese Erklärung wurde hauptsächlich von Frankreich und Kanada vorangetrieben. Sie kann als eine Art Substitution der „Exception culturelle“ gesehen werden. 

Auf dem internationalen audiovisuellen Markt wird ersichtlich, dass es wenig konkurrenzfähige/überlebensfähige Filmindustrien neben Hollywood gibt. Die Angst einer Überflutung von Hollywood Produkten ist nicht allein in Frankreich bekannt. Kanada beispielsweise unterstützte Frankreich in vielen seiner Vorhaben zum Schutz der eigenen Kultur. Auch wenn Kanada eine ersichtlich schwächere Filmindustrie besitzt, lediglich 2,8% der Kinofilme in Kanada kommen aus eigener Produktion.

Dass die französische Filmbranche zu einem viel zu hohen Prozentsatz, für eine marktwirtschaftlich agierende Branche, vom Staat abhängt ist, war bereits in den 1990er Jahren ersichtlich. Die Darsteller konnten hohe Honorare verlangen; Alain Delon erhielt rund 2,3 Millionen Mark für eine Hauptrolle in einem Film, der nur 80 000 Zuschauer ins Kino lockte. Und die Budgets wurden künstlich aufgebläht, um mehr Subventionen nutzen zu können. Durch dieses marktmissachtende Verhalten der französischen Filmbranche kam vermutlich der Satz zustande: „Ist der Film gut oder ist er französisch?“ 

Letzten Freitag sah sich die französische Regierung wieder mit einem Angriff auf ihren audiovisuellen Markt konfrontiert. Angela Merkel forderte ein uneingeschränktes Freihandelszonenabkommen zum Verhandlungsstart, um zu vermeiden, dass die USA Forderungen nach weiteren Ausnahmen stellen könnten (z. B. die Agrarbranche). Frankreich stemmt sich mit all seiner Macht dagegen. Frankreich besitzt durch das Vetorecht die Macht, das gesamte Abkommen stoppen zu können. Mit dem Wissen gestärkt, dass Irland seine Ratspräsidentschaft mit einem erfolgreichen Vertragsabschluss krönen will, und die Mehrheit der anderen EU Mitglieder sich nach dem Wachstumsschub sehnen, den die Freihandelszone generieren dürfte, konnte Frankreich seine agile Filmbranche wohl wieder vor dem freien Markt retten.

Clemens Schäfer ist Praktikant bei Open Europe Berlin.

Kommentare:

  1. "American film and television is subsidized via state tax credits. The states where the production is filmed provide a large percentage of the total production spend back as a tax credit meaning the more production companies spend the greater their subsidy. This is done to attract film and television to economies around the country."

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  2. Thanks for your comment. This is exactly why the film industry, like agriculture, should not be off the table. If both sides are protectionist, disarmament talks make most sense.

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