Dienstag, 25. Juni 2013

Die japanischen Lehren für die europäische Krise. Von Gunther Schnabl


Während sich in Japan Ministerpräsident Abe dem letzten Kraftakt zuwendet, das Land aus der nun mehr 20 Jahre anhaltenden wirtschaftlichen Stagnation zu reißen, ist Europa hinsichtlich der richtigen Krisentherapie zerstrittener denn je. Die Länder im Süden der Europäischen Währungsunion drängen auf eine expansivere Geld- und Finanzpolitik. Hingegen ist für Deutschland das Zinsniveau bereits zu tief. Viele in Deutschland fürchten um den Wert ihrer Ersparnisse. Was ist die richtige wirtschaftspolitische Therapie?



Europa könnte von Japan lernen, weil Japan lange vor Europa einen Boom-und-Krisen-Zyklus auf den Aktien- und Immobilienmärkten durchlaufen hat und damit seit dem Platzen der Blase zu Beginn der 90er Jahre ausreichend Erfahrungen sammeln konnte. Nachdem die japanische Staatsverschuldung auf ca. 240% des BIP gestiegen ist und der Leitzins seit 1999 bei Null verharrt, lassen sich drei wichtige Schlussfolgerungen ziehen:

Erstens, die Annahme von Keynes, dass bei einem niedrigen Zins nur eine schuldenfinanzierte Finanzpolitik die Nachfrage nachhaltig beleben kann, gilt nicht. Zwar ist seit 1990 die japanische Staatsverschuldung deutlich angestiegen, das reale Bruttoinlandsprodukt aber kaum. Vielmehr wurden private Investitionen durch Staatsnachfrage ersetzt, ohne dass (bzw. sodass keine) nachhaltige(n) Wachstumsimpulse geschaffen wurden.

Zweitens wirkt die Flutung der Geld- und Kreditmärkte mit (fast) kostenloser Liquidität zwar kurzfristig stabilisierend auf den Finanzsektor. Die Strategie ist langfristig aber nicht wachstumsfördernd, weil die Allokationsfunktion des Zinses ausgesetzt wird, die die Finanzierung von renditeträchtigen Investitionen von der Finanzierung von Investitionen mit geringer erwarteter Rendite trennt. In Japan sind sogenannte Zombie-Banken entstanden, die am Tropf der Zentralbank hängen und es scheuen, die Kreditvergabe an eigentlich bankrotte Unternehmen einzustellen. Banken- und Unternehmenssektor wurden damit schrittweise quasi verstaatlicht.

Drittens reicht eine Rekapitalisierung der Banken bei Beibehaltung der expansiven Geld- und Finanzpolitik nicht aus, um Kreditvergabe und Wachstum wieder zu beleben. Die Banken werden die vom Staat neu zugeführte Liquidität tendenziell dazu verwenden die Anleihen zu kaufen, die der Staat zur Finanzierung der Rekapitalisierung ausgibt. Das Ziel, durch die Rekapitalisierung die Kreditvergabe des Bankensektors an den privaten Sektor zu beleben, wird nicht erreicht. Generell wurde in Japan durch die Niedrigzinspolitik in Kombination mit steigender Staatsverschuldung die Kreditvergabe an den privaten Sektor durch Kreditvergabe an den Staat substituiert.

Es ist aus dieser Sicht nicht überraschend, dass das Land der aufgehenden Sonne seit mehr als 20 Jahren stagniert. Man würde sich wünschen, dass Europa ein ähnliches Schicksal erspart bleibt. Dazu müssten jedoch gleichzeitig drei Politikziele umgesetzt werden: (1) Rückführung der öffentlichen Kreditaufnahme, (2) Ausstieg aus der Niedrigzinspolitik und (3) Rekapitalisierung der Banken. Da dies einer politischen Herkulesaufgabe gleichkommt, deuten die Zeichen in Richtung Japan.

In den Krisenstaaten der Europäischen Währungsunion werden wohl die großzügigen Liquiditätsspritzen an die notleidenden Banken fortgesetzt werden, was der Entwicklung in Japan seit dem Platzen der Blasen gleichkommt. In Deutschland schwimmen die Banken hingegen in Liquidität, so dass sich ähnliche Strukturmerkmale wie in Japan zu Beginn der Blase zeigen. Die Transaktionen auf den Immobilien- und Aktienmärken nehmen bei schnell steigenden Preisen zu. Platzen die Blasen eines Tages, dann wäre der deutsche Widerstand gegen eine weiterhin sehr expansive Geldpolitik der Europäischen Zentralbank gebrochen. Ganz Europa würde Japan in die lang anhaltende Stagnation folgen.

Literatur:

Prof. Dr. Gunther Schnabl ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Leipzig.




1 Kommentar:

  1. Carl Christian von Weizsäcker3. Juli 2013 um 12:55

    Herr Schnabl hat den Kern des Problems überhaupt nicht verstanden. Die niedrigen Zinsen in Japan sind ja nicht einfach Folge einer "falschen" Geldpoltik der Zentralbank. Vielmehr ist es die hohe private Spartätigkeit verbunden mit einer geringen privaten Investitionsneigung, die die Zentralbank zwingt, zwecks Stabilisierung der Gesamtnachfrage den Zins niedrig zu halten. Schnabl will zurück in eine geistige Welt vor Keynes. Wie der Erfinder des Begriffs "Balance Sheet Depression", der Chefökononom der Nomura Bank Richard Koo überzeugend dargelegt hat, hatte Japan gar keine andere Wahl als den Kurs einzuschlagen, den es eingeschlagen hat. Die Abenomics ist damit der richtige Weg: Abwertung des Yen durch den Versuch, den Circulus Vitiosus der Deflation durch eine noch agressivere Geldpolitik und Defizitpolitik zu durchbrechen.
    Würde Abe den Empfehlungen von Schnabl folgen und die Steuern massiv erhöhen, um das Staatsdefizit zu beenden, würden die privaten Investitionen in Japan weiter zurückgehen, weil die Unternehmen wegen mangelnder Nachfrage erst recht nicht mehr investieren würden. Es käme zu einer massiven Deflationskrise. Die Yen-Abwertung durch agressive Geldpolitik dient genau dazu, die Wettbwerbsfähigkeit der japanischen Industrie zu erhöhen und sie damit zu Investitionen anzureizen.
    Carl Christian von Weizsäcker

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