Mittwoch, 6. März 2013

„Tatort Euro“ – zum neuen Buch von Joachim Starbatty. Von Michael Wohlgemuth

Tatort Euro“ - das ist ein Buch eines leidenschaftlichen Europäers.

Joachim Starbatty ist dabei weder kollektivistischer "Bannerträger" noch apokalyptischer "Bedenkenträger". Er läuft weder der inhaltsleeren Parole „mehr Europa!“ hinterher, noch prophezeit er den „Untergang des Abendlandes“.


Deshalb passt er auch perfekt ins Kuratorium von OpenEurope Berlin – der neuen Denkwerkstatt in Berlin, die sich für Ordnungspolitik in Europa einsetzt. Das war‘s jetzt aber auch schon mit der geliehenen Eigenwerbung.

Hier geht es um Joachim Starbatty: Er kämpft (wie wir) nicht für eine Tonnenideologie des „mehr“ oder „weniger“, sondern für ein anderes, besseres Europa, oder in den Worten von Walter Eucken: für „eine menschenwürdige und funktionsfähige Wirtschaftsordnung“ in Europa.

Ist das nun ein weiteres „populärwissenschaftliches“ Buch zur Euro-Krise? Nicht, wenn man darunter eine krude Mischung von „populistisch“ und „akademisch“ versteht. Das Buch ist wissenschaftlich fundiert, jede Quelle ist akribisch dokumentiert. Jede dahinterliegende Theorie (von Lenin über Keynes bis Friedman und Hayek) ist vom Ideenhistoriker Starbatty längst gelesen und verstanden und nicht erst jüngst „gegoogelt“.

Übrigens finden sich über Keynes als Warner vor schleichender Enteignung durch Inflation oder über deutsche Gewerkschaften als "Hüter der Geldwertstabilität" genug Hinweise darauf, dass es Joachim Starbatty auf das Argument ankommt; und nicht auf Ideologie!

Das Buch ist gleichzeitig extrem gut lesbar – für den „interessierten Laien“ ebenso wie für den an echten Problemen interessierten Fachmann. Und der Titel „Tatort Euro“ ist auch gut gewählt: es liest sich in Teilen wie ein Krimi.

Die Tatorte sind u.a.: Berlin, Maastricht, Paris, Karlsruhe, Brüssel, Athen, Frankfurt. In detektivischer Kleinarbeit hat Starbatty den jeweiligen Tathergang rekonstruiert: Wer war wann warum wo und hat was gesagt und getan? Und er gibt sich nicht mit den offiziellen Zeugenaussagen zufrieden – er sucht das dahinterstehende Motiv. Aus all dem entwickelt er aber keine „Verschwörungstheorie“ – auch wenn sich die vielleicht besser populistisch verkaufen würde. Starbatty ist Ökonom und damit versiert in der Theorie der „ungewollten Nebenwirkungen“ – dem Fluch der gut gewollten Tat.

„Tatort Euro“ ist gleichzeitig auch ein persönliches, in Teilen autobiografisches Buch. Starbatty ist Zeitzeuge. Als Lehrstuhlassistent und Fraktionsreferent hat er schon mit Alfred Müller-Armack und Ludwig Erhard über Themen wie „Stabilität in Europa“ diskutiert. Und so schreibt er auch an einer Stelle in seinem Buch:
Der Stoff dieses Buches, das Projekt »Europa«, hat mich seit Studententagen begleitet, erfreut und erfüllt, erstaunt, bewegt und aufgeregt. Nun macht es mich besorgt.“
Und dafür gibt es wirklich gute Gründe, die wohl kaum einer so glaubwürdig darlegen kann, wie einer, der fast von Anfang an „dabei“ war – aber nicht als vergatterter „Bannerträger“, sondern als einer, der als „elder economist“ noch um die „Bringschuld des Ökonomen“ (Herbert Giersch) weiß.

Starbatty ist leidenschaftlicher Ökonom, aber auch Verteidiger des Rechts und deshalb auch immer wieder einmal ein Beschwerdeträger. Das tut er nicht aus Geltungssucht oder Rechthaberei – er tut es aus Verantwortung und Schuldigkeit.

Die erste Klageschrift in Karlsruhe steht deshalb auch unter einem Wort Martin Luthers: »Und tue, was du schuldig bist zu tun, in deinem Berufe«.

Weil ich das Buch schon komplett – und mit Genuss und Gewinn gelesen habe, gebe ich jetzt noch ein paar ganz wenige Kostproben – die ganz und gar nicht die Lektüre des über 300 Seiten starken Wissenschafts-Krimis über Geld- und Fiskal- und Europa- und Außenpolitik ersetzen können:
Die europäische Integration gehört zu Deutschland; ja, Deutschland lebt in ihr. Weil Deutschland diesem Europa verpflichtet ist, muss es auch Hüter der Werte und der Institutionen sein, die Europa auszeichnen: Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und stabiles Geld. Die Aushebelung des »Bailout-Verbots« hat die Währungsunion von einer marktwirtschaftlichen auf eine sozialistische Basis gestellt. Das ist ein harter Vorwurf, und viele Politiker und vielleicht auch einige Ökonomen werden empört reagieren. Dabei ist der Sachverhalt offenkundig ...: »Soft budget constraints« stehen für Sozialismus, »hard budget constraints« für Marktwirtschaft.

In Japan werden Unternehmen, die insolvent sind, aber mit nahezu zinslosen Krediten über Wasser gehalten werden, Zombie-Unternehmen genannt; Banken, die am Tropf ihrer Notenbank hängen, sind Zombie-Banken. In der Eurozone erleben wir nun eine Steigerung – den Zombie-Staat.

Wolfgang Schäuble ist als Finanzminister natürlich in einer schwierigen Situation. Er muss den Bürgern in Deutschland erklären, dass die ausgereichten Kredite eine Investition in die Zukunft Europas und damit auch Deutschlands seien, während diese eher den Eindruck gewinnen, dass gutes Geld schlechtem Geld hinterher geworfen werde.

Inzwischen geht ein zweifacher Riss durch Euroland – ein wirtschaftlicher und ein politischer. Es gibt eine Gruppe von Ländern, die einen stabilen Euro aushalten und gewährleisten könnte, und eine andere Gruppe, die außerhalb des Euro besser da stünde. Haben in den jetzt notleidenden Staaten zuvor konjunkturelle kumulative Prozesse nach oben eine heile Welt vorgegaukelt, so werden sie nun durch kumulative Prozesse nach unten in den Strudel des Untergangs gezogen. Außerhalb der Eurozone könnten sie durch Abwertungen schwindende inländische durch steigende ausländische Nachfrage ersetzen. Da ihnen diese Möglichkeit verwehrt ist, müssen sie von Ländern mit (noch) soliden Finanzen und Leistungsbilanzüberschüssen über Wasser gehalten werden.

...dass es wichtiger ist, Länder als Banken zu retten. Das ist zugegebenermaßen eine normative Setzung; aber auch die Überzeugung, die Eurozone um jeden Preis stabilisieren zu müssen, ist eine normative Setzung.

Wenn Finnland austreten würde, wäre das hauptsächlich ein technisches Problem; Kosten entstünden für die Abwicklung des technischen Procedere. Scheidet Griechenland aus, dann müssen zusätzlich die Gelder abgeschrieben werden, die bereits nach Griechenland geflossen sind.

Den Politikern, die immer darauf verweisen, dass es genau das zu verhindern gelte, sei noch einmal gesagt: Diese Gelder waren ein Beitrag zur Konkursverschleppung und sind als »versunkene Kosten« zu betrachten, die nun durch den Austritt für alle sichtbar werden.

Die Europäische Währungsunion war von vornherein eine Gemeinschaft der Ungleichen. Die Verführung der niedrigen Zinsen und die einheitliche Geldpolitik, die nicht auf einen heterogenen Währungsraum passte, haben diese Ungleichheit noch verschärft.

Die zentrale Feststellung unseres Buches lautet: Diese Ungleichheit in einem in der Welt noch nie gesehenen Parforceritt wettzumachen, endet in einem Teufelskreis. Ein Ausstieg aus der Währungsunion, wie es hier beispielhaft für Griechenland durchgespielt wurde, wird auch anderen notleidenden Staaten den Neubeginn erleichtern. Sie könnten nun daran gehen, sich um den Aufbau eines zu ihnen passenden »Geschäftsmodells« zu kümmern. Die Vereinbarung eines Schuldenschnitts mit den Gläubigerstaaten ließe ihnen wieder Luft zum Atmen.

Wenn die verschiedenen Möglichkeiten auf ihre Vorteilhaftigkeit hin geprüft werden, so schält sich ein »konsolidierter Euro« als die ökonomisch und letztlich auch politisch günstigste Lösung heraus. Darunter verstehen wir einen stabilen Euro, der die Währung einer Gruppierung von Ländern ist, die die damit verbundenen Aufwertungskonsequenzen auch aushalten können.

Bei der Analyse der Konsequenzen des politischen Weges »inflationäre Transfergemeinschaft« bewegen wir uns auf einem Terrain, das uns nicht unbekannt ist. Wir wissen, was die Inflation den Menschen antut, und können auch die Auswirkungen zwischenstaatlicher Transfers abschätzen. Bei der Analyse des Auseinanderbrechens der Europäischen Währungsunion bewegen wir uns auf einem Gebiet, das noch kein Forscher erkundet und vermessen hat.

Wenn man sich auf dieses Gebiet begibt, dann kann man nicht ausschließen – vielleicht ist es sogar wahrscheinlich –, dass man sich auf einem Holzweg befindet. Doch kann man sich mit der Erkenntnis des Philosophen Martin Heidegger trösten, dass Holzwege den Wanderer zwar nicht zu seinem Ziel führen, ihn aber das Gelände kennenlernen lassen.

Da sich die Politik auf dem Irrweg in eine rechtlose Transfergesellschaft befindet, muss sie umkehren, bevor weitere finanzielle Abmachungen getroffen werden.

Deshalb schlägt Mundell die Rückkehr zu den Startplätzen vor. Da ist die Konzeption, einen »konsolidierten Euro« zu bewahren, schon einen Schritt weiter: Wir kennen immerhin das Ziel unserer gedanklichen Wanderung. Wenn nun die Politiker in den Gläubigerstaaten rufen: »Diesen Verlust des Austritts wollen wir nicht tragen!«, so erinnern wir daran, dass wir es hier mit »sunk costs«, mit irreversiblen Kosten, zu tun haben, die noch zunehmen, wenn die Politik den Irrweg weitergeht.

Europas Vermächtnis ist nicht die falsch konstruierte Währungsunion, sondern der Rechtsstaat, die freiheitliche Demokratie und die freundschaftliche Begegnung souveräner Staaten. Darauf wollen wir hoffen und vertrauen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen