Dienstag, 8. Januar 2013

Who needs Britain? Oder: Warum wir “Yes, Commissioner” brauchen. TV-Hinweise von Michael Wohlgemuth

Wer braucht staatlich finanziertes Fernsehen? Und noch dazu (jetzt neu!) finanziert durch Zwangsabgaben/Steuern für jeden Haushalt statt durch Gebühren für wirkliche Nutzer? Die Demokratie! sagt der WDR Chefredakteur. Das kann man auch anders sehen.

Aber das ist hier nicht mein Thema, sondern: Wer braucht Großbritannien in der EU? Auch das kann man so sehen oder so  und so. Und die Gegenfrage: „Braucht Großbritannien die EU?“ kann man differenziert vielleicht so sehen.

Soso, Wohlgemuth: aber was hat das eine mit dem anderen zu tun? Kommt gleich. Eigentlich will ich nur einmal einen Fernsehhinweis geben: Arte, die deutsch-französisch-öffentlich-rechtliche Anstalt, zeigt heute (am 8.1., 22:40) eine ziemlich sicher arg spannende „Szenario-Doku“  unter dem Titel „Europa ohne England“.

Da geht es darum:

„Wer gewinnt und wer verliert, wenn Großbritannien nicht mehr zur EU gehört? Oder anders ausgedrückt: Who Needs Britain? Moderiert von ZDF-Moderator Theo Koll ("auslandsjournal", "ZDF-Politbarometer") untersucht eine fiktive Sondersendung aus dem Jahr 2016 die möglichen Auswirkungen und Konsequenzen auf beiden Seiten des Kanals. Was bedeutet es für die europäische Wirtschaft, wenn Großbritannien plötzlich nicht mehr zum Binnenmarkt gehört? Was passiert, wenn London als zweitgrößter Finanzplatz der Welt außerhalb der EU liegt? Ist die EU ohne die Atommacht Großbritannien international überhaupt noch ein Global Player? Und wie verschiebt sich die Balance innerhalb Europas, wenn die Briten in ihrer Lieblingsrolle als bad guys nicht mehr dabei sind?“

Ich habe den Doku-Film noch nicht gesehen. Bin aber gespannt. Der Regisseur, Winfried Oelsner, hat schon viele spannende Dokus und Filme gedreht. Es dreht sich heute Abend auch um Open Europe/Berlin. Für die Dreharbeiten am Tag unserer Eröffnung war unser 19 m² Büro in der Oranienburger Straße freilich viel zu klein und beschäftigt. Gefilmt wurde deshalb im Hof mit unseren Kollegen Mats Persson und Stephen Booth. Aber nicht nur das: Sicher wird es auch viele Stimmen geben, die die Dinge nicht so, sondern auch ganz anders sehen. Und das ist auch gut so!

Noch einmal kurz zurück zum Thema Staatsfernsehen und EU: was haben beide gemeinsam? Einige Parallelen liegen nur so herum:

(1)  Eliteprojekt: Das gilt zumindest für Arte. Mit einem Jahresbudget von über 400 Millionen Euro (jetzt neu in Deutschland: unausweichlicher) öffentlicher Abgaben erreicht die »Association Relative à la Télévision Européenne » (Arte) 0,75% der Zuschauer in Deutschland und (wegen weniger privater Konkurrenz?) 1,7% in Frankreich. 

-  (2)  Rundum-Versorgung: Gleichzeitig gilt das Gegenteil. Es geht den öffentlich-rechtlichen Anstalten (TV oder EU) nicht nur, wie oben, um „meritorisch/paternalistische“ Güter (zu wenige Bürger wollen sie, sollten sie aber nachfragen), sondern auch um „öffentlich/politische“ Güter (die Mehrheit der Wähler fragt sie nach, will aber nicht dafür zahlen). Deshalb hat sich in Deutschland kostenlose Fußballübertragung zum wohlfahrtsstaatlichen Grundrecht entwickelt. Das gleiche gilt wohl auch für den quotenbringenden Musikantenstadl. Den könnte man auch gut privat produzieren; so wird er aber wird auch von denen, die lieber post-marxistisch-kapitalismuskritische Filme auf Arte gucken, quersubventioniert (bzw. und vor allem: andersherum): Das ist eben wahre „Solidarität“!

Es gäbe noch mehr Parallelen. Aber, wo bleibt das Positive, Wohlgemuth? Gut, ich hab zwei Vorschläge:

(1) Heute Abend, 22:40, Arte schaun!

(2) Öffentliche Anstalten oder private Produzenten ermuntern, endlich über europäische Politik TV-Serien zu produzieren, die so schlau und hintergründig wären, dass sie den Studierenden („Eliten“) zwei Semester „Public Choice“ Theorie locker ersetzen könnten und gleichzeitig so witzig und populär sein könnten, dass sie auch „Quote“ brächten.

Das (2) geht nicht? Doch, es geht: „Yes, Minister“ Und „Yes, Prime Minister“ haben es bewiesen. Was Europa auf der Glotze jetzt braucht (möglichst schon vor 2016), ist ein „Yes Commissioner“, etwa so.

ARD und ZDF (und damit leider wohl selbst auch Arte) würden sich so was wohl nicht trauen. Die Briten schon – auch privat finanziert.

Noch ein Grund: Europa braucht die Briten! 

Kommentare:

  1. Die Doku empfand ich als abgehoben: Gedankenspiele, Experten und Spekulationen über Volksbefindlichkeiten von "Wissenschaftlern". Aber keine Realität, keine Paxis, nichts was wirklich geschieht. Sozusagen eine Romantisierung eines Dreiecksverhältnisses.
    Ich empfinde die Wirklichkeit als spannender. Warum hat die deutsche Regierung die Fusion von EADS mit BAE verhindert? Das wär doch was gewesen, wenn die (relativ!) freie Wirtschaft in Fragen der Integration dieser euroäischen Schlüsselindustrie von selbst gegenüber der Politik vorangegangen wäre. Dann wäre einmal die britische Regierung in Verlegenheit geraten. Wahrscheinlich blockiert man weil man schlechte Erfahrung mit den französichen Anteilseignern hat und weil neue Anteilseigner wieder eigene Interessen haben, die wiederum F stören. Dabei hat man bei EADS mit BAE gute Erfahung gemacht.
    Die deutsche Politik ist es mit Eurropa zuviel geworden. Kein Wunder bei den Verpflichtungen. Und EADS ist ein gutes Beispiel für das gescheiterte Europa. Zu groß für Europa und zu klein für eine globale Präsenz. Das E in EADS verkauft sich nicht mehr gut und wird deshalb in neuen Markennamen verhüllt. Eine Entlarvung vom Reibungsverlust der Politik in der Industrie.
    Da zeigen sich die Probleme. Es sind keine Nationalgefühle oder Vorurteile. Vom Bossing Weidmanns will gar nicht erst anfangen.

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  2. Und was in jedem Fall noch auf die TV-Liste kommen sollte: "Borgen", eine fiktive Serie über die Premierministerin in Dänemark, eher ein Drama als eine Comedy-Sendung wie "Yes, Minister", aber deswegen viell. sogar noch besser. Die Serie lief übrigens - auf Arte ;-)

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