Donnerstag, 8. November 2012

Wilhelm Röpke im Open Europe Berlin Interview (II). Von Michael Wohlgemuth

Herr Professor Röpke, „Patriotismus ist nicht genug“, so endete unter Gespräch vorgestern. Aber ist nicht gerade die Krise die Stunde des Patrioten und nicht des ordnungspolitischen Bedenkenträgers? Ist nicht gerade jetzt, in der von Ihnen geschilderten Krise, eine europäische „Wirtschaftsregierung“, eine „politische Union“ notwendig, als Vollendung und „Krönung“ des europäischen Binnenmarkts samt Währungsunion? Europa braucht doch gerade jetzt in der Wirtschaftspolitik eine gemeinsame Marschroute.

Röpke: „Die dirigistisch-interventionistische (‚supranationale‘) Methode ist … kein echter Ausweg, weil sie, soweit überhaupt möglich, nur eine regional geschlossene Integration bewirken kann, die mit Desintegration, Spaltung und Entzweiung erkauft werden muss“ [1]

Ich weiß, „was Mörtel sein sollte, erweist sich als Dynamit ...“, wie Sie vorgestern meinten. Weshalb sind Sie denn so pessimistisch und meinen, eine gemeinsame Wirtschaftsregierung ginge auf Kosten ordnungspolitischer Prinzipien? Man will doch vor allem „Wachstum“ und „Wettbewerbsfähigkeit“ in Europa fördern und angleichen; man verspricht sich Arbeitsmarktreformen; auch soll ein mächtiger Kommissar nationale Budgets für nichtig erklären dürfen; Schuldenbremsen werden überall in Verfassungen geschrieben …

Röpke: Es „sollte nicht zweifelhaft sein, wofür Erfahrung und gesunder Menschenverstand sprechen, nämlich dafür, dass der Einfluss eher in der umgekehrten Richtung gehen wird, der Linie des geringsten politisch-sozialen Widerstands folgend. Es ist wahrscheinlicher, dass Dirigismus, Wohlfahrtsstaat und weiche Währungs- und Finanzpolitik sich verbreiten, wenn die Länder sich auf eine gemeinsame Linie einigen sollen, als dass sie Marktwirtschaft, monetäre Disziplin und Widerstand gegen Sozialdemagogie zur gemeinsamen Marschroute machen“ [2]

Gilt das auch für die Europäische Zentralbank, die ja formal eine große politische Unabhängigkeit genießt und lange Zeit einen „deutschen“ Kurs verfolgt hat?

Röpke: „Es ist ja kein Zufall, dass die Länder der Marktwirtschaft und der monetären Disziplin sich in der Minderheit befinden, und selbst in diesen Fällen hat es außerordentlichen Anstrengungen und einer nicht unerheblichen Dosis Glück bedurft, um einen solchen Kurs durchzuhalten.“ [3]

Und heute?

Röpke: „Das natürliche Gefälle der Zeit geht in der umgekehrten Richtung, und wenn nun auch noch die Parole ‚Europa‘ ausgegeben werden kann, um die gegen den Strom schwimmenden Regierungen als Störenfriede der internationalen Gemeinschaft hinzustellen, so sollte auch ein Optimist nachdenklich werden.“ [4]

Sie spielen wohl an auf Ihren Kollegen Paul Krugman, der den deutschen „Sparwahn“ als Krisenursache hinstellt und Staatsverschuldung und Inflation als Ausweg predigt. Was halten Sie von Krugmans Neo-Keynesianismus?

„Budgetdefizit, Verminderung der Sparmöglichkeit, und Sparwilligkeit durch nivellierende Besteuerung, künstliche Niedrighaltung des Zinses, Steigerung des Massenverbrauchs bei gleichzeitiger Forcierung der Investitionen, Ausgaben und Kredite nach rechts und links, merkantilistische Handelspolitik im Dienste des doppelten Ziels, die Wirkungen dieser Politik auf die Zahlungsbilanz zu paralysieren … das alles konnte nun des wissenschaftlichen Segens teilhaftig werden“ [5]

… für die Länder, die diesen Vulgärkeynesianismus ausprobiert haben, wohl eher ein Fluch …

Röpke: „Wenn es keinen Keynes … gegeben hätte, so wäre die Wissenschaft der Nationalökonomie womöglich um manches ärmer, aber die Völker wären um so viel reicher, als die Gesundheit ihrer Wirtschaft und Währung weniger durch Inflation gefährdet wäre“ [6]

Was sind heute – bezogen auf die EU und die Pläne einer politischen Union die Hauptgefährdungen?

Röpke: „Die Tendenz einer ‚Integration nach unten‘, d.h. auf das jeweils niedrigste Niveau an Wirtschaftsfreiheit, monetärer Disziplin und sozialpolitischer Mäßigung ist unleugbar vorhanden. Sie kommt auch in dem Verlangen nach ‚Harmonisierung‘ der Arbeitskosten zum Ausdruck“ [7]

Ein sehr aktuelles Verlangen. Nicht nur einige Ökonomen, auch Politiker in Brüssel, Paris und Rom geben Deutschland eine Mitschuld an der Krise, weil hierzulande die Arbeitskosten zu niedrig seien. Kommissar Andor etwa fordert genau das: eine Angleichung der Löhne und Sozialsysteme in Europa  
  
Röpke: „Es versteht sich von selbst, dass unter einer solchen ‚Harmonisierung‘ der Arbeitskosten, insbesondere der sozialen Lasten, eine Anpassung zu verstehen ist, die das niedrigere Niveau auf das höhere bringt, und nicht etwa umgekehrt. Es sollte sich erübrigen, darauf hinzuweisen, dass eine solche Forderung … mit den elementarsten Lehren der politischen Ökonomie unvereinbar ist“ [8]

Aber ist nicht ein „level playing-field“ der Kosten eine Voraussetzung für fairen Wettbewerb und einen funktionsfähigen Binnenmarkt in Europa?

Röpke: „Kein ernstzunehmender Nationalökonom hat je behaupten können, dass freier Handel gleiche Arbeitskosten (oder gleiche Kapitalkosten) voraussetzt, was ja in der Tat nicht einmal innerhalb einer einzelnen Volkswirtschaft der Fall zu sein pflegt. Es ist umgekehrt der freie Handel, der selber eine bestehende Ungleichheit der Arbeits- und Kapitalkosten vermindert.“ [9]

Ist das denn sozial?

„Eine internationale Sozialpolitik der Nivellierung der Löhne und Arbeitsbedingungen hat die durchaus unsoziale Folge, die Arbeiter jener Länder konkurrenzunfähig zu machen und … zur Arbeitslosigkeit und noch größerer Armut zu verurteilen“ [10].

Das mag ja ökonomisch stimmen. Die meisten Europapolitiker verstehen aber heute unter „mehr Europa“ nicht freien Handel, sondern freie Hand, diesen zu regulieren.

Röpke: „Es ist sehr schwer für einen Nationalökonomen, ein guter Europäer zu sein und gleichzeitig den Ruf eines guten Europäers zu haben“ [11]

Das müssen Sie uns bald noch näher erklären. Herr Professor Röpke, wir danken für Ihre Ansichten – mögen Sie gelesen und mehr noch: gehört werden.

Von Michael Wohlgemuth notiert.

Die Quellen der Zitate:

[1]: Wilhelm Röpke (1959): Zwischenbilanz der europäischen Wirtschaftsintegration. Kritische Nachlese, in: ORDO – Jahrbuch für die Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft, Bd. 11, S. 87.
[2]: Wilhelm Röpke (1958): Gemeinsamer Markt und Freihandelszone – 28 Thesen als Richtpunkte, in: ORDO – Jahrbuch für die Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft, Bd. 10, S. 46
[3]: Ebd.
[4]: Ebd.
[5]: Wilhelm Röpke (1979): Jenseits von Angebot und Nachfrage, 5.Aufl., Bern und Stuttgart, S. 275
[6] Ebd.
[7]: Wilhelm Röpke (1958): Gemeinsamer Markt und Freihandelszone – 28 Thesen als Richtpunkte, in: ORDO – Jahrbuch für die Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft, Bd. 10, S. 46
[8]: Ebd., S. 46f
[9] Ebd., S. 47
[10]: Wilhelm Röpke (1979): Internationale Ordnung – Heute, Bern und Stuttgart: Haupt, S. 264.
[11]: Wilhelm Röpke (1955): Europäische Wirtschaftsintegration – gestern und heute, Duisburg, S.1.


Allgemein zu Wilhelm Röpke und dem Projekt europäischer Integration:

Lars Feld (2012): „Europa in der Welt von heute: Wilhelm Röpke und die Zukunft der Europäischen Währungsunion“:  

Tim Petersen und MichaelWohlgemuth (2010): Wilhelm Röpke und die Europäische Integration, in: Heinz Rieter und Joachim Zweynert (Hrsg.), „Wort und Wirkung – Wilhelm Röpkes Bedeutung für die Gegenwart“, 2. Aufl., Marburg; Metropolis Verlag, S. 205-244.

1 Kommentar:

  1. Die Idee eines 2012-Interviews mit Wilhelm Röpke ist faszinierend und in den beiden Teilen auch exzellent gelungen. Es ist frappierend, wie aktuell er klingt, wenn er über die damaligen Probleme der Integration auf dem Kontinent spricht. Die Helvetisierung der EU als Leitgedanke ist reizvoll; auch wenn wir ein solches Ziel nicht ganz erreichen werden, eignet es sich ideal als Kompass für die Zukunft Europas und den Rückbau des heutigen Kolosses von Brüssel.

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