Donnerstag, 22. Oktober 2015

Spannungsverhältnis von EZB und Eurostabilität Von Timo Alberts und Thomas Loy


 
Quelle: http://moneyweek.com/decision-time-for-europe-what-mario-draghi-needs-to-do/


Problemstellung

„Drei Wörter, die den Euro retteten“, titelte die tagesschau.de im Juli 2014. Was war passiert? EZB-Präsident Draghi hatte bereits 2012 auf einer Investorenkonferenz in London verkündet: „Whatever it takes“. Die EZB werde alles Notwendige tun um die Marktakteure zu beruhigen, sodass der Euro als Währung auch zukünftig Bestand hat. Draghi unterstrich zudem: „Und glauben Sie mir, es wird genug sein.“ Hat es die EZB so wirklich geschafft den Euro zu retten, wie tagesschau.de auswies oder waren die Worte Draghis nur eine von vielen „Sonntagsreden“?

Alberts & Loy haben untersucht, inwieweit eine derartige Ankündigung Einfluss auf die Erwartungen von Individuen hinsichtlich der Stabilität des Euro hat. Die Ergebnisse basieren auf dem Sozio-ökonomischen Panel (SOEP). Dieses ist eine repräsentative Langzeitbefragung, die bereits seit 30 Jahren läuft. Im Auftrag des DIW Berlin werden zurzeit jedes Jahr in Deutschland etwa 30.000 Befragte in fast 11.000 Haushalten von TNS Infratest Sozialforschung befragt. Die zusammengefassten Ergebnisse beziehen sich auf das Jahr 2012, da in diesem Zeitraum die erwähnte Ankündigung Draghis sowie eine derzeit historische Zinssenkung stattfand.

Den Autoren ist bewusst, dass die Vorstellungen zur Stabilität einer Währung individuell variieren können, jedoch wird sowohl im Rahmen der Draghi Rede sowie im Fragebogen des SOEP deckungsgleich von der Stabilität des Euro gesprochen, sodass die durchgeführte Untersuchung als folgerichtig zu bewerten ist. Zudem wurde in der breiten medialen Berichterstattung zur Rede sowie zur Zinssenkung stets von der Stabilität des Euro als Ziel berichtet. Für die Untersuchungen wurden ordered probit regressionen verwendet.

„Whatever it takes vs. Zinssenkung“

Trotz des enormen Presseechos kann die Rede Draghis selbst als „cheap talk“ eingestuft werden. Befragte zeigen keine signifikanten Änderungen hinsichtlich ihrer Stabilitätseinschätzung zum Euro. Hingegen besitzt die Zinssenkung  von 1% auf 0.75% einen hochsignifikanten Einfluss. Entsprechend der ausgewerteten Daten sinkt die Sorge der Befragten um die Stabilität des Euro. Die gewünschte Formel: „Zinsen runter, Investitionen rauf“, kam jedoch in den Jahren danach nicht zum Tragen. Dies steht ebenfalls im Einklang mit den Analysen zu „Invest in Europe“, welche äußerst niedrige Investitionsquoten in der gesamten Eurozone ausweisen.


Parteiverbundenheit

Ebenfalls wird die Einschätzung zur Stabilität des Euro für das gesamte Jahr 2012 für die Variable Parteiverbundenheit kontrolliert. Die Frage zur Parteiverbundenheit wurde wie folgend gestellt: „Viele Leute in der Bundesrepublik neigen längere Zeit einer bestimmten Partei zu, obwohl sie auch ab und zu eine andere Partei wählen. Wie ist das bei Ihnen: Neigen Sie einer bestimmten Partei in Deutschland zu?“.

Befürworter der SPD, CDU/CSU sowie der Linken zu sein, hat demnach keinen signifikanten Einfluss auf die Stabilitätserwartung des Euro. Bei Liberalen und Grünen kommt man zu anderen Ergebnissen. Befragte, welche der FDP nahe stehen, besitzen eine geringere Sorge um die Stabilität der europäischen Währung. Die geringsten Sorgen um die Stabilität des Euro machen sich Interviewte, die den Grünen regelmäßig ihr Vertrauen schenken.

Diese Ergebnisse sind im Einklang mit den Untersuchungen zu den Wählergruppen einzelner Parteien. Die Wähler von Grünen und FDP weisen ähnliche Eigenschaften auf. Sie sind in Relation zu anderen Wählergruppen besser ausgebildet und verdienen mehr als die Vergleichsgruppen. Da es bislang eine weitverbreite Lehre war und ist, dass Zinssenkungen als Initiator für erhöhte Investitionsquote fungieren, ist die relativ sinkende Sorge hinsichtlich der Stabilität der Währung nicht verwunderlich.

Sozioökonomische Faktoren

Zusätzlich kontrolliert die Studie für die Variablen politisches Interesse, Haushaltseinkommen, Zufriedenheit mit dem Haushaltseinkommen, Ausbildungsjahre, Kinder, Alter, Familienstand, Geschlecht, Ost-/Westdeutschland sowie Migranten. Auffällig ist, dass die Zufriedenheit mit dem monatlichen Nettoeinkommen im Gegensatz zur absoluten Höhe des Nettoeinkommens signifikanten Einfluss auf die Sorge um die Stabilität des Euro hat.

Je höher die Zufriedenheit mit der monatlichen Vergütung, desto intensiver ist die Sorge um die europäische Währungsstabilität. Jüngere Menschen sowie verheiratete sehen hingehen der Euro-Entwicklung gelassener entgegen. Ganz im Gegenteil zu Befragten, welche in Ostdeutschland leben oder einen Migrationshintergrund besitzen. Dieser wird angenommen, wenn die Interviewten ausschließlich über einen nicht-deutschen Pass verfügen, unabhängig davon ob sie in Deutschland oder im Ausland geboren sind. Beide Gruppen besitzen für den untersuchten Zeitraum ein signifikant höheres Niveau hinsichtlich der Sorge um die Stabilität der europäischen Währung.

Fazit & Ausblick

Die historische Zinssenkung 2012 hat im Gegensatz zur fulminanten Ankündigung Draghis: „whatever it takes“ signifikanten Einfluss auf die individuellen Stabilitätseinschätzungen hinsichtlich des Euro. Allerdings wird ebenfalls festgestellt, dass ein entscheidender Unterschied zwischen relativ stabileren Erwartungen in Bezug auf die europäische Währung und tatsächlich getätigten Investitionen besteht. Der Eurozone ist weiterhin eine äußerst geringe Investitionsquote zu attestieren. Aufgrund der angeführten Ergebnisse untersuchen die Autoren weitere sozioökonomische Einflussfaktoren zur Finanzmarktstabilität. Diese ist, neben der Stabilität des Euro, ein weiteres institutionell vereinbartes Ziel der seit 2007 verabschiedeten „Rettungsinstrumente“.

Timo Alberts ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Lehrstuhls für Institutionenökonomik, Lehrstuhls für International Competition Policy sowie der Professur für International Governance an der Universität Bayreuth. Er hat in Deutschland und Japan Volkswirtschaftslehre studiert und  befasst sich  mit Problemen der Wettbewerbs- und Wirtschaftspolitik. Diese werden aus institutionenökonomischer Sichtweise insbesondere auf die EU und die ASEAN angewandt.

Thomas Loy ist Juniorprofessor für Wirtschaftsprüfung an der Universität Bayreuth. Nach seiner Ausbildung zum Bankkaufmann studierte er in Deutschland und den USA Betriebswirtschaftslehre. Herr Loy schloss sein Promotionsverfahren 2014 in Bielefeld erfolgreich ab und forscht zu Wirtschaftsprüfung, Corporate Social Responsibility & Governance sowie Rechnungslegung.


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