Mittwoch, 24. Juni 2015

Griechenland: Der größte Haircut aller Zeiten. Von Gérard Bökenkamp

Die griechische Regierung ist mit der Forderung nach einem Schuldenschnitt in die noch andauernden Verhandlungen mit dem IWF und Eurostaaten gegangen. Oft wird darauf verwiesen, dass auch Deutschland im Londoner Schuldenübereinkommen von 1953 Schulden erlassen worden sind. Es sei darum nur recht und billig sei, wenn auch Griechenland für einen Neuanfang Schulden erlassen werden würden. 

Das ist sicher nicht ganz falsch. Wenn die Staatsschuld eine gewissen Höhe erreicht hat, die es schon rein rechnerisch kaum möglich macht, diese Kredite zu bedienen, geschweige dann zurück zu bezahlen, dann muss über einen Schuldennachlass verhandelt werden. Es fällt aber in der aktuellen Debatte oft unter den Tisch, dass Griechenland genau dieses Entgegenkommen bereits erfahren hat, mit dem Ergebnis eines der größten Schuldennachlässe der Finanzgeschichte. 

Images Money von http://taxrebate.org.uk/, gefunden auf: Flickr.com


Der IWF prognostizierte schon 2010 die Zahlungsunfähigkeit 

Bereits im Jahr 2010 waren die Analysten des IWF zu dem Ergebnis gekommen, dass die Schulden Griechenlands mit großer Wahrscheinlichkeit nicht nachhaltig waren, das heißt langfristig mit großer Wahrscheinlichkeit kaum zurückgezahlt werden würden. Der IWF sah sich deshalb immer weniger in der Lage, Griechenland mit Krediten versorgen zu können, da insbesondere die Direktoren des IWF, die lateinamerikanische Länder vertraten, eine Sonderbehandlung Griechenlands ablehnten. 

Die Vorschläge die Schulden Griechenlands neu zu strukturieren stießen am Anfang auf erhebliche Ablehnung. Wie so oft in den vergangen Jahren wurde das, was zuerst als unmöglich dargestellt wurde, innerhalb kurzer Zeit Realität. 

Der Schuldennachlass von 2012 

Die Staats- und Regierungschefs der EU schlugen am 26. Oktober 2011 eine Anleihebörse vor, die den Wert der griechischen Schulden, die sich in den Händen von Privateigentümern befanden, um fünfzig Prozent reduzieren sollte. Der politische Druck führte dazu, dass im April 2012 ganze 97 Prozent der Privatanleger zustimmten, dass sich der Nominalwert ihrer Anlagen in griechischen Staatsanleihen halbierte. Das entsprach einem Schuldennachlass für Griechenland von 100 Milliarden US-Dollar. 

Das war möglich geworden, da sechzig Prozent der griechischen Anleihen von Banken und Großinvestoren gehalten wurden, die von der Politik leicht unter Druck zu setzen waren. Außerdem waren 86 Prozent der Anleihen nach griechischem Recht herausgegeben worden, was dem griechischen Parlament die Möglichkeit bot, den Wertverlust durch Parlamentsbeschluss herbei zu führen. 

Der größte Schuldennachlass der Geschichte 

Im Vergleich dazu lag das Volumen der Schuldforderungen an Deutschland über die 1952 in London verhandelt wurde bei 29,7 Milliarden D-Mark. Die Bundesrepublik, als Rechtsnachfolger des Deutschen Reiches, erreichte damals eine beträchtliche Reduzierung der Schuldforderungen auf 14 Milliarden D-Mark, die bis zum Jahr 1988 zurückbezahlt werden mussten. 

Selbst bei Einrechnung des Kaufkraftverlustes der D-Mark in diesem Zeitraum wird man zu dem Ergebnis kommen, dass Griechenland als Land mit 10 Millionen Einwohnern in einer Größenordnung von Schuldforderungen entlastet worden ist, wie Deutschland mit damals fast siebzig Millionen Einwohnern nach dem furchtbarsten Krieg der Weltgeschichte. 

Der Wirtschaftshistoriker Barry Eichengreen bewertet die Umstrukturierung der griechischen Schulden im Jahr 2012 so: „Es war die größte Schuldenumwandlung seit dem Zweiten Weltkrieg. Es war die größte Schuldenumwandlung der Geschichte.“ 

Literatur

Barry Eichengreen: Die Großen Crashs 1929 und 2008, München 2015. 

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