Freitag, 29. Mai 2015

Zunehmende Macht der Notenbanken bringt neue Probleme hervor. Von Christian Dominik Heinz


Notenbanken weltweit schlagen an den Märkten vermehrt Kapriolen. Ob Kommunikationsprobleme, gigantische Programme oder überraschende Maßnahmen - der Einfluss auf die Märkte wird immer unmittelbarer. Das sind Folgeerscheinungen ihres Machtgewinns seit dem Ausbruch der Finanzkrise.

Jüngst löste ein Fauxpas des EZB-Direktors Benoit Coeuré Irritationen über die Gepflogenheiten und den "Verhaltenskodex" der EZB aus. Was nämlich am 19. Mai die europäischen Börsen beflügelt und den Euro deutlich geschwächt hat, war für institutionelle Investoren ein fast risikoloser Gewinn. Denn sie wurden vorab über die Vorverlegung von Anleihekäufen der EZB informiert. Da die Märkte in den Sommermonaten illiquide sind, wird das QE-Programm der EZB in der Zeit davor intensiviert.

Skandal bei der EZB: Institutionelle Investoren wurden versehentlich übervorteilt

Darüber sprach Coeuré aber nicht erst am Dienstag, den 19. Mai, sondern schon am Montagabend vor einer kleinen Gruppe institutioneller Anleger in einem Luxushotel in London.  Damit wurden die anderen Marktteilnehmer durch die um vierzehn Stunden zeitversetzte Publikation dieser kursrelevanten Informationen von der EZB benachteiligt. Mittlerweile hat die EZB den Vorfall bestätigt und als "internen Verfahrensfehler" ("internal procedural error") bezeichnet.

Die Reaktionen an den Märkten waren für die letzte Zeit typisch: Es besteht derzeit eine inverse Korrelation von DAX und Euro. Fällt der Euro, dann steigt der DAX und umgekehrt. Der deutsche Leitindex ist stark von Investoren aus dem Dollarraum abhängig. Er wird somit für diese billig, und wenn der Euro wieder steigt, dann werden mithin Devisengewinne realisiert, und der Verkaufsdruck erhöht sich auf diese Weise, wie im April/Mai schon öfters zu erkennen war. Das war also ein einfaches Geschäft für ein auserwähltes Publikum, als die EZB beschlossen hat, die Schwächung des Euros durch eine Schwemme von Euros weiter zu forcieren.

Absicht der EZB ist suspekt

Brisant ist, dass dabei eine Absicht unterstellt werden kann, die Märkte durch diesen fragwürdigen Vorgang in eine bestimmte Richtung zu bewegen. Durch Verwerfungen am Anleihemarkt sind zuletzt die Zinsen wieder gestiegen - auch die von Bundesanleihen. Von Analysten wird das als der eigentliche Hintergrund ausgemacht und nicht das Sommerloch an den Märkten. Das drängt wieder den Verdacht einer Nähe zur illegalen Staatsfinanzierung auf, wenn das eine Reaktion auf die erhöhten Zinsen sein sollte. Denn so können sich Staaten wieder billiger verschulden und die Anleihekurse steigen wieder.

Vormals war es dagegen die Absicht der Notenbanken, die Märkte in einer gewissen Ungewissheit zu belassen. Einerseits behält eine Notenbank somit den notwendigen Handlungsspielraum in der Geldpolitik. Andererseits gibt es ansonsten kaum mehr einen klassischen, spekulativen Handel, und Illiquidität droht, solange es keine immerwährenden Impulse von der Notenbank gibt.

Nun ist die EZB aber immer mehr an subjektive Erwartungen gebunden. Es werden geradezu Garantien ausgesprochen. Der Sinn des Marktes ist jedoch, über Preise Informationen über Änderungen realer Umstände (geänderte Knappheiten, Chancen und Risiken) anzuzeigen. Diese werden damit verzerrt und einseitig abhängig vom Geschick allein eines mächtigen Akteurs. Die verbleibenden Marktteilnehmer können sich dagegen immer weniger effizient aufeinander abstimmen. Die unsichtbare Hand kann nicht koordinieren, wo ein Akteur fast alle Fäden zieht und so die volkswirtschaftliche Erwartungsbildung manipuliert und beherrscht.

Der Staat-Banken-Nexus

Das Marktgeschehen wird auf Notenbankentscheidungen zentriert, und die Wirtschaftsdaten selbst werden immer unbedeutender. Banken profitieren direkt vom Anleihekaufprogramm der EZB. Nicht anders ist es bei der FED (USA) oder der Bank of Japan. Denn Staatsanleihen sind ein Spiel zwischen Notenbanken und Geschäftsbanken. Sie sind nicht nur aufgrund ihrer unvergleichlich hohen Liquidität auf sie angewiesen. Banken verwenden Staatsanleihen vornehmlich auch als Sicherheiten bei der Markt- und Zentralbankrefinanzierung. Hier müssen keine Eigenmittel unterlegt werden wie bei anderen Vermögensgegenständen. Deshalb hat die Lockerung der Geldpolitik und gar ein Anleiheaufkaufprogramm (QE) eine direkte Auswirkung auf die Bestände an Staatsanleihen bei den Banken. Banken bekommen über Staatsanleihen frisches Geld und können es sofort für eigene Geschäfte weiterverwenden. Und immer profitiert der Staat mit.



Es entsteht eine Finanzordnung, die alle Geschäfte möglichst nah an der Notenbank privilegiert. Alle anderen im Wirtschaftsprozess (Lohnempfänger, Rentner) partizipieren am Geldmengenwachstum erst, wenn die Preise schon in die Höhe getrieben worden sind. Diese "Dysfunktionalität" mit der Wirkung einer Umverteilung, die schon Ludwig von Mises vor über 100 Jahren aufgezeigt hat, verdeutlicht der Coeuré-Fall

Folglich sind die Bestände an Staatsanleihen bei den Banken seit der Finanzkrise stark angewachsen. Über die Notenbank werden die Banken enger mit den Staaten verflochten. Besonders ist das in den Krisenländern der Eurozone der Fall. Gleichzeitig reduziert das Niedrigzinsumfeld das Zinseinkommen daraus und erhöht die Abhängigkeit der Banken von der Notenbank für das Risiko von Zinsänderungen. Es ist ein entbehrungsreicher Dienst während eines Anlagenotstandes. Damit wird das Abhängigkeitsverhältnis zum Staat noch einmal enger. Möglicherweise sind Finanzinstitute in dieser Situation sogar zu risikoavers bei der Renditesuche.

Banken werden damit zu Durchlauferhitzern der Politik degradiert. Es besteht ein "Risikoverbund zwischen Banken und Staaten". Kursverluste bei Staatsanleihen belasten dann die Aktiva von Banken, die Wertminderung der Sicherheiten und ebenso Veränderungen der Bonität eines Staates wiederum beeinflussen die Finanzierungskosten einer Bank. Also ein dreifaches Risiko im Falle sich verschlechternder Staatsfinanzen. Banken werden so schicksalhaft mit den jeweiligen Staaten verbunden. Und der Markt kann nunmehr weniger disziplinieren. Dadurch besteht die Gefahr einer ausufernden Staatsverschuldung.

Ausufernde Staatsschulden?

Zum Risikoverbund kommt noch hinzu, dass der Staat aufgrund von Garantien die Finanzierungskosten einiger Banken senkt und damit Fehlanreize schafft und Wettbewerbsverzerrungen entstehen. Die Deutsche Bundesbank schlägt aufgrund dieser Entwicklung vor, die staatlichen Privilegien durch die regulatorische Vorzugsbehandlung der Staatsanleihen zu beenden. Stattdessen sollten hier auch angemessene Eigenmittel unterlegt, Großkreditgrenzen wie bei allen Forderungen gelten und der Liquiditätsstatus der Staatsanleihen in der Liquiditätsregulierung realistisch eigestuft werden.

Diese Entwicklung des Staat-Banken-Nexus und die Diskussionen über den Coeuré-Vorfall, der Überlegungen zu einer Ad-hoc-Mitteilungspflicht der Notenbank über marktrelevante Informationen wie bei normalen Unternehmen hervorruft, belegen, dass die EZB ein bedeutender Akteur am Markt geworden ist. Ebenso haben bekanntgewordene Details über eine Brexit-Strategie bei der Bank of England einen eigennützigen Umgang mit der Öffentlichkeit offengelegt. Tatsächlich kann schon allein am Wachstum der Bilanzsumme der EZB im Verhältnis zum BIP der Eurozone ein Machtgewinn abgelesen werden . Der Einfluss der Notenbanken auf die Märkte ist in den letzten Jahren unmittelbarer geworden.

Schweizer Nationalbank löst einen "Finanz-Tsunami" aus

Spekulation als natürlicher Teil des Kapitalmarktgeschäfts wird wohl immer mehr verdrängt vom Willen der Notenbanken und Regierungen, die Märkte in eine bestimmte für sie günstige Richtung zu lenken. Die Verzerrungen an den Märkten werden immer größer und können sich oft nur noch plötzlich und heftig wieder lösen. Das hat sich schon beim SNB-Entscheid über den Kurs des Schweizer Frankens gezeigt.

Die Schweizer Notenbank hatte Mitte Januar für den Finanzmarkt völlig überraschend ihre Garantie eines Mindestkurses für den Franken im Bezug zum Euro aufgrund des starken Euro-Verfalls aufgegeben: Ein Absturz des Euros zum Franken in der Spitze um fast 30% in kürzester Zeit war die Folge, ein Rekord im Devisenhandel in dieser Größenordnung. Banken wurden schwer getroffen und für manche Broker war es der Ruin: Alpari, Global Brakers NZ und Excel Markets gingen sogar insolvent. Der gewaltige Kurssprung hatte eine zu große Divergenz zwischen Angebot und Nachfrage verursacht. Machen in dieser einseitigen Situation durch die Notenbank alle Marktteilnehmer das Gleiche, dann kauft dem Verkäufer keiner mehr etwas ab und umgekehrt: ein illiquider Markt entsteht. Das sind jene dysfunktionalen Handelsbedingungen, die gefürchtet sind. Bei Privatanlegern wurden sodann Stopp-Loss-Marken nur weit unter dem Minimalkurs ausgeführt. Infolgedessen ist sogar eine Privatinsolvenz bekannt geworden. Notenbanken schaffen auf diese Weise kein Vertrauen in den Finanzmarkt.

Glaubwürdigkeit und Börsenturbulenzen

Es muss eine Entscheidung unter erheblichen Zwang durch die enorme Euroabwertung in dieser Zeit gewesen sein. Sie vollzog sich ohne internationale Abstimmung wie z. B. üblicherweise mit dem IWF. Auf der anderen Seite war es natürlich ein richtiger Schritt, einen überzogenen und kostspieligen Markteingriff wieder rückgängig zu machen. Doch die Glaubwürdigkeit ist verloren, denn der Mindestkurs war nur zehn Tage zuvor noch für notwendig erklärt worden. Und ein Zusammenhang mit den gewaltigen Maßnahmen der EZB durch den Euroverfall war auch vorhanden. Das sind die Ursachen der zunehmenden Sensibilität der Märkte in Bezug auf die Notenbanken. Marktergebnisse werden verfälscht und zunehmend von der realen Situation der Wirtschaft losgelöst. Es drängt sich der Eindruck auf, dass Notenbanken Objektivität und Distanz verloren haben.

Falls sich die EZB nun direkt an Investoren wendet und anscheinend nicht mehr nur das gesamte Finanzsystem und die Geldwertstabilität im Blick hat, könnte das als ein weiterer Beleg für die Politisierung des Geldes verstanden werden. Zumal solche Treffen an der Öffentlichkeit vorbei anscheinend gängige Kommunikationspraxis geworden sind: Als direkter Marktakteur entsteht für die EZB verständlicherweise das Interesse an den anderen Akteuren. Und auch wenn dieses verlautbarte Detail nur zufällig gewesen sein soll, so zeigt es doch wie sehr sich die EZB zu einer Art Hedgefonds für Staatsanleihen entwickelt hat, bei dem jede Information kursrelevant sein kann. Noch nie waren Notenbanken selbst so aktiv am Marktgeschehen beteiligt wie heute. Bestenfalls waren die Impulse passiv, weil Zinsentscheidungen im Raum standen. Die Frage ist aber, was dieser Anstieg der Machtfülle alles noch mit sich bringen wird. Der Coeuré-Vorfall lässt nichts Gutes erahnen.
  

Christian Dominik Heinz ist Trader bei Wikifolio mit dem Endlos-Indexzertifikat "Swabian Values Investment", dessen Anlagestrategie auf Analysen der europäischen Industriepolitik, der Eurokrise und von Unternehmen wie Airbus, Daimler oder Dornier beruht.

1 Kommentar:

  1. Update: SNB-Entscheid wirft weitere Fragen auf!

    SNB hatte alle ungeschriebenen Regeln missachtet: Bekanntgabe während laufendem Handel und ohne internationale Abstimmung.

    Jetzt gibt es hier ebenfalls Vorwürfe über absichtliche Bevorteilung von Partnerbanken der SNB, weil die Bedingungen bei einer Bekanntgabe im laufenden Handel nicht für alle Händler gleich sind.

    Die UBS hat beispielsweise im Q1 im Bereich „Foreign exchange, rates and credit“ ihren Gewinn um 71 % gesteigert. Zum Vergleich gingen andere (ausländische Banken/ Broker) aufgrund der Verwerfungen Pleite!

    Quelle: http://finanzmarktwelt.de/schweizer-franken-120-skandal-neue-brisante-hintergruende-13598/

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