Dienstag, 14. April 2015

„Erfolgreiche Geldpolitik“, "Minsky moments“ und was "Ponzi-Finanzierung" mit dem Süden der Eurozone zu tun haben könnte. Von Frank Schmidt

Eine heute in Nischen beachtete ökonomische Theorie ist die "Financial Instability Hypothesis" des dem Postkeynesianismus zugeordneten Hyman P. Minsky. Diese Verortung rührt vor allem aus Minskys übrigen Werken wie "John Maynard Keynes" (1975) sowie der keynesianischen Methodik, der er sich bedient hat. Die Kernaussage dieser Hypothese ist, dass Finanzmärkte aus sich heraus zur Instabilität tendieren. Hieraus folgern viele eine Legitimation von Regulierung und Aufsicht aufgrund inhärenter Instabilität und gleichzeitiger Systemrelevanz der Finanzmärkte.

Hyman P. Minsky 1919-1996
http://keynesblog.com/2012/09/17/hyman-minsky-e-la-crisi/

Die Minsky-Hypothese im Schnelldurchlauf

Theorem 1: 
Es existieren stabile und instabile Finanzierungsregime einer Volkswirtschaft.

Theorem 2: 
Anhaltende Prosperität bewirkt Wechsel hin zu instabileren Finanzierungsregimen.

Die drei Finanzierungsregime nach Minsky:
  1. Abgesicherte FinanzierungFinanzinstitute operieren auf der Grundlage, dass zukünftige Cash Flows sowohl Rückzahlung des aufgenommenen Fremdkapitals ermöglichen als auch Zinskosten decken.
  2. Spekulative FinanzierungFinanzinstitute operieren auf der Grundlage, dass zukünftige Cash Flows Zinskosten decken.  Rückzahlung des aufgenommenen Fremdkapitals erfolgt mittels Aufnahme von Fremdkapital.
  3. Ponzi-FinanzierungFinanzinstitute operieren auf der Grundlage, dass zukünftige Cash Flows weder Rückzahlung des aufgenommenen Fremdkapitals ermöglichen noch Zinskosten decken. Beide Positionen werden mittels weiterer Aufnahme von Fremdkapitalien bedient.

Systematik:

Abgesicherte Finanzierung begründet Prosperität und damit Anreize (höhere Risikobereitschaft) zur spekulativen Finanzierung, welche schließlich zur Ponzi Finanzierung animiert. Ponzi-Finanzierung führt zur Finanzkrise, und diese liefert wiederum den Anreiz zur abgesicherten Finanzierung.

Für Kenner der Austrian Business Cycle Theory (ABCT) dürfte das kalter Kaffee sein, denn die Systematik ist prinzipiell dieselbe (Boom – Überinvestition – Fehlinvestition – Bust). Der Punkt ist aber der, dass die Minsky-Hypothese vom ökonomischen Mainstream sehr viel mehr beachtet und auch in Modellierungen berücksichtigt wird. Beispielsweise in Form eines "Minsky Moments" bzw. exogenen Schocks[1] in "Debt, Deleveraging and the Liquidity Trap" von Krugman und Eggertsson (2012), wo wie üblich Interventionismus und Regulierung theoretisch fundiert bzw. legitimiert werden soll.[2] 

Dabei wird freilich  der Kern des zweiten Theorems ignoriert, dass gerade längere Zeitperioden relativer gesamtwirtschaftlicher Stabilität Finanzierungsregimewechsel innerhalb der Finanzmärkte herbeiführen.

Denn welche Konsequenz hat erfolgreiche bzw. politisch zweckdienliche Geldpolitik? Sie bewirkt eine längere Periode relativer gesamtwirtschaftlicher Stabilität. Eine erfolgreiche Geldpolitik definiert sich gerade über anhaltende Stabilität (konstantes Wirtschaftswachstum).

Ebenso bewirkt eine erfolgreiche Finanzkrisenpolitik in Form etwa als notwendig erachteter bailouts erst den moral hazard, sprich analog erhöhte Bereitschaft zu spekulativen sowie Ponzi Finanzierungen und überspringt damit im Prinzip das abgesicherte Finanzierungsregime.

Charles Ponzi (1882-1949) Boston Library
Minskys Argumentation lässt sich nicht nur auf die Wirkungen der Geldpolitik im Hinblick auf die Finanzmärkte im engeren Sinne (Spekulationen privater Anleger) anwenden, sondern auch  auf andere Sachverhalte übertragen. Die Übertragung auf Gütermärkte und erfolgreiche Konjunkturpolitik läuft vollkommen analog und ähnelt bei entsprechenden Termini verblüffend der ABCT.

Die Übertragbarkeit geht allerdings weiter:

Southern European Instability Hypothesis

Man stelle sich bspw. ein nicht namentlich genanntes südeuropäisches Land vor, das einer Gruppe anderer Länder beitritt, welche besagtes Land als strukturell so rückständig erachtet, dass es über Jahrzehnte Fördergelder aus einem speziell zu diesem Zweck geschaffenen Fond von den anderen Ländern erhält. 

Gutenberg Projekt
Diese nutzt das Land anfangs dazu, um Investitionen der Kategorie 1 zu tätigen, deren Rentabilität zumindest fraglich ist. Nach einiger Zeit ergeben sich die Umstände des besagten Landes so, dass es zu außerordentlich vorteilhaften Konditionen in der Lage ist, zusätzliche Fördergelder für Investitionen der Kategorie 2 zu erlangen, deren Rentabilität per Definition vollkommen ausgeschlossen ist.

Unter den Investitionen der Kategorie 1 kann man sich ohne Weiteres erweiterte nachfragewirksame Ausgaben in Form von Sozialleistungen und / oder den Aufbau von wirtschaftlichen Aktivitäten vorstellen, die abhängig von der erzeugten zusätzlichen Nachfrage sind und damit konsequenterweise vom anhaltenden Zahlungsstrom der übrigen Gruppenmitglieder (spekulative Finanzierung).

Unter den Investitionen der Kategorie 2 kann man sich den ebenfalls nachfragewirksamen und zu wirtschaftlichen Aktivitäten anreizenden Aufbau eines ineffektiven sowie ineffizienten Beamtenapparates vorstellen, der seinerseits abhängig vom anhaltenden zusätzlichen Zahlungsstrom aus günstigen Konditionen ist (Ponzi Finanzierung).

Ob das namentlich nicht genannte Land nach erfolgtem Kollaps des Ponzi Finanzierungsregimes ein abgesichertes Finanzierungsregime einleitet oder dieses Regime überspringt, wird durchaus davon abhängen, welche Fremdkapitalströme es als sicher betrachten kann.

Und selbst an diesem Punkt ist die Übertragungsfähigkeit von Minskys „Financial Instability Hypothesis“ noch nicht am Ende angelangt, denn der gedankliche Sprung weg von der speziellen Finanzmarktperspektive hin zur allgemeinen (Re-)Finanzierungspraxis von Staatshaushalten ist ein kleiner. 

Wäre Minsky noch am Leben und würde sich die heutige Eurozone betrachten, käme er vielleicht mit einer „Southern European Instability Hypothesis“. Nun spielen die Euro-Staaten „Ponzi“ – und die künftigen Steuerzahler bezahlen die Rechnung.

Vielen Dank fürs Lesen.



Frank Schmidt studiert Volkswirtschaftslehre (BA) an der Humboldt Universität zu Berlin und ist Praktikant bei Open Europe Berlin.





[1] Endogene Modellierung dürfte schon dadurch ausgeschlossen sein, da dies einen Paradigmenwechsel weg von gleichgewichtigen Systemen voraussetzt.
[2] Im Krugman-Modell ergibt sich etwa die Notwendigkeit, den realen Zins über gesteigerte Inflationserwartungen zu senken bzw. die Notwendigkeit expansiver Geldpolitik der Zentralbank, um Vollbeschäftigung zu erreichen.

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