Freitag, 10. April 2015

Ben Bernanke liegt falsch. Zum „Problem“ des deutschen Handelsüberschusses. Von Raoul Ruparel und Michael Wohlgemuth

Ben Bernanke bloggt. Damit ist dem ehemaligen Chef der Federal Reserve viel Aufmerksamkeit sicher. Und es ist gut, dass die Diskussion zentraler Wirtschaftsfragen weite Kreise zieht. Letzte Woche ging es ihm um den hohen deutschen Handelsbilanzüberschuss. Leider geriet er dabei aber in die gleiche Falle wie viele andere Blogger und Kommentatoren: er hat sich die Daten nicht genau angesehen und übersieht deshalb die eigentlichen Gründe der Ungleichgewichte in der Eurozone.

Deutschland hat keinen Exportüberschuss mit der Eurozone

Es ist schon ärgerlich, wie sehr immer noch die deutsche Leistungsbilanz diskutiert wird, ohne die Fakten zu kennen. Wie der Chart unten zeigt, existiert gar kein deutscher Handelsüberschuss innerhalb der Eurozone. Schon seit 2012 hielten sich Importe und Exporte zwischen Deutschland und dem Rest der Eurozone in etwa die Waage.


Dies widerlegt Bernankes Hauptargument – Deutschland würde „anhaltende Ungleichgewichte“ in der Eurozone bewirken. Wie die Graphik oben zeigt, sind „Ungleichgewichte“ zumindest in Bezug auf den deutschen Außenhandel mit der Eurozone längst erledigt; der große Exportüberschuss kommt fast nur durch den Handel mit Drittstaaten. Und (was die Graphik nicht zeigt), deutsche Exporte etwa nach China und USA werden zu großen Teilen in anderen EU-Ländern beschäftigungswirksam vorproduziert.

Freilich ist die Frage berechtigt, ob diese Anpassung der Leistungsbilanzsalden innerhalb der Eurozone rein zyklisch bedingt ist (weniger Importe wegen der Einkommensschwäche der Euro-Peripheriestaaten), oder strukturelle Gründe hat (mehr Exporte wegen besserer Wettbewerbsfähigkeit der anderen Länder). Für Griechenland etwa gilt vor allem die zyklische Erklärung. In Spanien und Portugal dagegen wachsen die Exporte; auch in andere Euro-Länder. Es wäre lohnender über diese konkreten Unterschiede zu reden als über die deutsche Handelsbilanz im Allgemeinen.

Wer ungeachtet dessen von Deutschland verlangt, es solle seinen angeblichen Überschuss mit der Eurozone abbauen, meint damit wohl eher, Deutschland solle mit einigen Ländern deutliche Handelsbilanzdefizite aufbauen. Manche wollen und sagen das auch so; aber Bernanke selbst liefert Gegenargumente: in einer dynamischen Betrachtung würden so die Ungleichgewichte noch eher verstärkt.  Sollte Deutschland plötzlich einseitig versuchen, deutlich mehr aus der Eurozone zu importieren als in diese zu exportieren, würde es nur erneut einen unhaltbaren künstlichen „boom and bust“ Zyklus anfachen und in den Peripheriestaaten nicht nachhaltige Allokationsmuster fördern. Wozu dies führt, hat schon die erste Dekade des Euro-Abenteuers gezeigt.

Der Euro wird schwach bleiben und Deutschland künstlich stark halten

Dass der deutsche Exportüberschuss vor allem mit Ländern außerhalb der Eurozone besteht, hat mit der Eurozone insoweit zu tun, als deren Schwäche den Euro schwächt. Der Euro ist zu weich für Deutschland. Und dies nicht erst heute, sondern während der ganzen Krisenjahre. Bernanke erwähnt dies auch, unterschätzt aber seine Relevanz. Der schwache Euro ist entscheidend für die deutschen Exportüberschüsse; aber Deutschland kann wenig dafür, oder dagegen tun. Schließlich dürfte der Euro weiter schwächeln; aber das hat vor allem mit der Politik des billigen Geldes der EZB zu tun.  

Oft genug sind es dieselben Personen, die sowohl mehr monetäre Lockerung (QE) der EZB fordern als auch die deutschen Handelsüberschüsse beklagen, ohne zu bemerken, dass beide Positionen reichlich inkohärent sind. Je schwächer der Euro gegenüber anderen Währungen, desto stärker vor allem die deutschen Exporte in Länder mit anderen Währungen.

Der eigentliche Grund für die Ungleichgewichte innerhalb des Euro-Währungsraums ist die Währungsunion selbst. Der Euro kann nur als ganzer ab- oder aufwerten; die zunehmenden Disparitäten innerhalb der Eurozone können weder nach innen noch nach außen widergegeben oder ausgeglichen werden. Mit dem gemeinsamen Euro ist die deutsche Exportwirtschaft stark unterbewertet (preislich „subventioniert“) und Griechenland etwa stark überbewertet (preislich „bestraft“).




Sinnvolle Anregungen – aber nicht die Lösung

Gleichwohl finden sich im Beitrag von Bernanke drei diskussionswerte Anregungen für die deutsche Politik:
  1. Investitionen stärken, um den Abbau des Kapitalstocks in Deutschland zu bremsen
  2. Reallöhne erhöhen
  3. Heimische Nachfrage stimulieren

Ad 1: Man kann darüber im Detail lange streiten, aber es stimmt schon, dass die Infrastruktur in Deutschland in einigen Bereichen mehr öffentliche und private Investitionen vertragen könnte (etwa im Bereich der digitalen Vernetzung). Schließlich werden Exportüberschüsse zwangsläufig durch Kapitalexporte auf Kosten heimischer Investitionen „finanziert“. Eine deutsche Investitionsinitiative mag das Produktionspotenzial in Deutschland erhöhen; die schlauen Makroökonomen sollten aber erst mal zeigen, wie dies den Krisenländern der Eurozone helfen sollte.

Ad 2: Oft genug wird von “Deutschland” gefordert, “seine” Löhne zu erhöhen. Aber trotz gesetzlichem Mindestlohn ist es nicht die Bundesregierung, die das volkswirtschaftliche Lohnniveau planwirtschaftlich festlegt. Damit greift auch der Vorwurf, „Deutschland“ habe „Lohndumping“ betrieben, ins Leere. Auch Löhne reagieren auf Knappheiten. Und in vielen Sektoren steigen die Reallöhne nun dank sinkender Preise, steigender Gewinne, sinkender Erwerbsbevölkerung und steigendem Fachkräftemangel. All das geschieht ohne Lohnpolitik aus Berlin oder Brüssel.


Ad 3: Keynesianische Nachfragepolitik (schuldenfinanzierte Staatsausgaben) ist beileibe kein Allheilmittel. Man mag über die Notwendigkeit streiten, in einigen Krisenländern die inländische Nachfrage zu stimulieren. Aber für Deutschland gilt das schon allein deshalb nicht, weil die deutsche Volkswirtschaft nahezu ausgelastet ist, ihr Potenzialwachstum erreicht hat bzw. keine wirkliche „output-gap“ aufweist (s. oben). Das Potenzialwachstum selbst könnte freilich verbessert werden, etwa durch Steuer- und Abgabensenkungen und eine weitere Öffnung der Märkte. Hier hat Bernanke recht: im Dienstleistungssektor etwa könnte Deutschland Wachstumskräfte entfesseln (und damit auch den gesamten EU-Binnenmarkt stärken). Und das gilt für die EU als Ganze: offenere Märkte nach innen und außen, einfachere und geringere Regulierung  und Besteuerung könnte in der ganzen EU Wachstumskräfte stärken.


Kurzum: die Art und Weise, wie über den deutschen Leistungsbilanzüberschuss debattiert wird, hilft nicht weiter. Das alles lenkt nur von den eigentlichen ökonomischen und politischen Problemen ab.  

Raoul Ruparel ist Head of Economic Research bei Open Europe.

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