Dienstag, 10. März 2015

Auf nach Griechenland - ins Land der Zyniker! Von Michael Wohlgemuth

Die alten Griechen haben nicht nur die Demokratie erfunden – und erprobt; mit wechselhaftem Erfolg. Sie haben jede Menge anderer Begriffe geprägt, die in ganz Europa gängig geworden sind. So geht etwa auch das Wort Kataster auf das Griechische zurück – auch wenn es in Griechenland dazu passende Ämter noch immer kaum gibt.

Dafür gibt es derzeit jede Menge Entsprechungen für griechische Worte wie Katastrophe, Desaster, Krise – oder für Zynismus. κυνισμός, kynismós leitet sich von den Kynikern her, griechischen Philosophen und Wanderpredigern, die von etwa 500 bis 300 vor unserer Zeitrechnung populär waren und meist von Almosen lebten. Auf Privateigentum, hergebrachte Moral (wie Scham) oder Gesetze haben sie mit Spott und Satire reagiert. Schriften haben sie nicht hinterlassen, dafür aber (von den Stoikern überlieferte) Anekdoten. Bekannt ist vor allem Diogenes in der Tonne, vom dem zynisch behauptet wird, er oder sein Vater habe Münzen gefälscht.

Ihr Ideal war, sehr grob gesagt,  individuelle Autonomie und Bedürfnislosigkeit, Natürlichkeit und Autarkie. Heute würde man vielleicht sagen: sie waren Anarcho-Öko-Libertäre.

Jedenfalls leitet sich von ihnen der Begriff des Zynismus her, den der Duden für Grammatik- Freunde erbaulich definiert als eine „Haltung zum Ausdruck bringend, die … als konträr, paradox und als jemandes Gefühle missachtend und verletzend empfunden wird“.

Was hat das mit der Krise heute in Griechenland zu tun – und warum sollten wir deshalb in Griechenland Urlaub machen? Hierzu einige „zynische“ Anekdoten der letzten Tage:

Bankrott?

Yanis Varoufakis hat sich gleich zu Beginn seiner Amtszeit als „Finanzminister eines bankrotten Staats“ vorgestellt und den Eurogruppen-Chef Dijsselbloem bei seinem Antrittsbesuch als Vertreter der Troika etwas unhöflich und scheinbar für immer aus Athen verbannt. Das Wort „bankrott“ mag in Brüssel und Berlin „zynisch“ geklungen haben, könnte aber auch einfach nur ehrlich und richtig gewesen sein. Dass er gleichzeitig sagte, er wolle (und brauche) keine weiteren Gelder der „Troika“ kommt dagegen dem Zynismus schon näher. Dass er seither nicht mehr von „Bankrott“ oder „Insolvenz“ spricht, weil ihm EZB-Chef Mario Draghi gesteckt hat, dass dann die EZB, der „last resort“ Griechenlands während der letzten Wochen, keine Milliarden „vorübergehender Liquiditätshilfen“ mehr geben darf, spricht schon wieder eher für Zynismus – auf beiden Seiten.

Urlaub?

Das alles ist noch kein Grund für Urlaub in Griechenland – es sei denn, das „chicken-game“ zwischen der griechischen Regierung und der „Troika“ (sorry: den „Institutionen“) würde noch vor dem Sommer entschieden – mit dem Ergebnis, dass Hellas zur Drachme zurückkehrte und Urlaub auf den griechischen Inseln nicht nur ebenso sonnig, sondern auch ebenso günstig wäre wie nebenan in der Türkei.

Aber auch wenn es sobald nicht dazu kommt: warum nicht deutsche Touristen mit Steuergeldern nach Griechenland locken?

Das ist nun aber wirklich zynisch, Herr Wohlgemuth!



Naja, ist aber auch nicht meine Idee, sondern die von zwei CDU-Bundestagsabgeordneten (laut Bild):
„Der Plan der beiden: Wer als Deutscher in den nächsten drei Jahren in Griechenland Urlaub macht, soll Quittungen (z. B. für Hotel, Restaurants) aus seinem Griechenland-Urlaub beim deutschen Staat einreichen und sich erstatten lassen können – insgesamt maximal 500 Euro pro Kopf“.
Das kostet … aber vielleicht wäre es auch zielgenauer und günstiger nachfragewirksam als Vieles, was die Troika (sorry: die „Institutionen“) bisher in Griechenland erreicht haben?
Und ich habe noch zwei „zynische“ Gründe für Urlaub in Griechenland:

Deutsche Touristen in Griechenland könnten sich nach den 500 EUR auch noch vom griechischen Finanzminister eine Unterstützung abholen, wenn sie sich nebenbei als Steuereintreiber für Athen betätigten.

Jetzt haben Sie aber wirklich einen Ouzo zu viel, Herr Wohlgemuth!

Nicht wirklich: „Für alle Deutschen, die sich über die griechische Unsitte der Steuerhinterziehung aufregen, hat Griechenlands Finanzminister ein spezielles Angebot: Werden Sie Steuerfahnder im Nebenjob im Urlaub! Professionelle Spionagetechnik inklusive“ – so n-tv etwas zynisch, aber nicht inhaltlich falsch: hier das offizielle Papier an „dear Jeroem“.

Zynisch!

OK, wenn alles gut läuft, bekomme ich also für meinen nächsten Griechenlandurlaub 500 EUR vom deutschen Steuerzahler und dann noch eine Rechnung im Hotel oder Restaurant, die sehr günstig ausfallen könnte, sobald ich mich als (deutscher, dann aber auch besser auslandskrankenversicherter) Steuerfahnder im Dienste der griechischen Regierung zu erkennen gebe. Zusätzlich oder andernfalls bekomme ich den Steuerfahnder-Mindeststundenlohn der griechischen Regierung. Die Details sind noch nicht bekannt; aber für ein Varoufakis-Souvlaki am Tag dürfte es reichen.

Wenn sich jetzt all das aber unter Millionen deutschen Bildzeitungslesern, pensionierten Steuerbeamten und anderen Gyros-Spießern herumspricht? Und im Sommer die schönen Inseln schon ausgebucht sein sollten?

Dann könnte die Ankündigung eines anderen Kynikers für Bewegung sorgen:  Der griechische rechtsradikale Verteidigungsminister Panos Kammenos droht, Athen werde islamistischen Flüchtlingen Papiere aushändigen und sie so massenhaft „nach Berlin“ ausreisen lassen. Auch das könnte Berliner dazu bewegen, besser in Griechenland den Sommer zu verbringen.

Extrem zynisch könnte man nun sagen: so wird umverteilt – mit staatlichen Anreizen: fehlt nur noch der Einsatz des Juncker-Investitionsplans, Flüchtlingscamps in Griechenland in Wellness-Resorts für deutsche Blockwarte umzuwidmen?


Politik (wahrlich nicht nur in Griechenland) liefert dem Beobachter zwar permanent preiswerten Anlass für zynische Kommentare; gefährlich und teuer wird es aber, wenn die Politik selbst von Zynikern beherrscht wird. Diese sollten aus der Sonne gehen und Platz machen für sokratische Skeptiker und Pragmatiker - von diesen Griechen kann man lernen.

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