Mittwoch, 18. Februar 2015

Varoufakis spielt „chicken“ und beruft sich auf Kant! Von Michael Wohlgemuth

Der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis ist bekanntlich Ökonom und dabei vor allem Spieltheoretiker, wenn auch mit interessanter Distanz zum ökonomischen mainstream (s. etwa „rational conflict“, 1991: “conflict possesses a creative edge and forms a crucial symbiotic relationship with Reason and Liberty that is in danger of being obscured if the sirens of game theory are heeded”).

In einem rhetorisch geschliffenen Essay für die New YorkTimes,  den Varoufakis diese Woche am Rande der Verhandlungen mit der Eurogruppe in Brüssel schrieb, erläutert er seine Kritik an der naiven Spieltheorie am aktuellen Fall: „No time for games in Europe“:
“If anything, my game-theory background convinced me that it would be pure folly to think of the current deliberations between Greece and our partners as a bargaining game to be won or lost via bluffs and tactical subterfuge. 
The trouble with game theory, as I used to tell my students, is that it takes for granted the players’ motives. In poker or blackjack this assumption is unproblematic. But in the current deliberations between our European partners and Greece’s new government, the whole point is to forge new motives. To fashion a fresh mind-set that transcends national divides, dissolves the creditor-debtor distinction in favor of a pan-European perspective, and places the common European good above petty politics, dogma that proves toxic if universalized, and an us-versus-them mind-set”.
Nun hat freilich der Beobachter auch und gerade der griechischen Verhandlungsführung den Eindruck, dass hier das schlichte „Chicken-game“ aufgeführt wird. Eine einfache Einführung dazu hier:

„Zwei Halbstarke sitzen je in einem Auto und rasen frontal aufeinander los. Der der zuerst ausweicht hat verloren. Jeder der beiden Draufgänger hat zwei einfache Aktionen (‘Strategien’) zur Auswahl: Kurs halten oder ausweichen. Das ideale Resultat wäre aus der Perspektive eines einzelnen Spielers, den Gegner blamieren zu können. Der würde als ‘Huhn’ dastehen wenn er zuerst ausweicht. Dies wird durch einen Minus- (Ausweichender) respektive einen Pluspunkt (Kurs gehalten) ausgedrückt. Erweisen sich beide Spieler als irrational stur, ist die Konsequenz eine fatale Kollision ... Für beide Spieler ist klar, dass sie es doch bevorzugen als Feigling dazustehen. Weichen beide gleichzeitig aus, gibt es weder Gewinner noch Verlierer. … Eine Möglichkeit in diesem Spiel zu gewinnen ist, den Gegner davon zu überzeugen, dass man nicht ausweichen wird oder kann. Vielleicht überzeugt man ihn davon, dass man nicht rational handelt und einem der Preis der Kollision nichts ausmacht (Strategie ‘Kamikaze’). Alternativ überzeugt man ihn davon, dass man nicht anders kann als Kurs halten (z.B. Lenkrad blockieren und Schlüssel wegschmeissen ganz im Sinne des ‘Doomsday Device’ in Kubricks Dr. Strangelove)“
Genau das wird gespielt in Brüssel; wenn auch garniert mit Wortspielen: „Troika“ heißt jetzt „Institutionen“ (oder Tifkat: "The institutions formerly known as Troika"), „Memorandum“ heißt jetzt „Sozialvertrag“, und für „Schuldenschnitt“ wird man sicher auch schönere Worte finden („Schuldenstreckung“, „Brücke“ „Finanzstabilität“ etwa).

Aber gespielt wird „chicken“, und das weiß auch Varoufakis – auch wenn er versucht zu leugnen, dass die negativen pay-offs inzwischen nicht symmetrisch sind: Griechenland hat im Falle des Crashs mehr zu verlieren: die Griechen fahren ohne Sicherheitsgurt auf einen Gegner zu, der airbags installiert hat. Deshalb sagt er auch:
“I am often asked: What if the only way you can secure funding is to cross your red lines and accept measures that you consider to be part of the problem, rather than of its solution? Faithful to the principle that I have no right to bluff, my answer is: The lines that we have presented as red will not be crossed. Otherwise, they would not be truly red, but merely a bluff”.
Das ist schlau. Unumkehrbare rote Linien, um „den Gegner davon zu überzeugen, dass man nicht ausweichen wird oder kann“. Die Griechen wollen so tun, als hätten sie das Lenkrad blockiert und den Schlüssel weggeworfen.

Und jetzt kommt es noch besser: das alles unter Leugnung spieltheoretischer Motive und stattdessen unter Berufung auf Immanuel Kant!

Quelle: Business Insider Australia
“One may think that this retreat from game theory is motivated by some radical-left agenda. Not so. The major influence here is Immanuel Kant, the German philosopher who taught us that the rational and the free escape the empire of expediency by doing what is right”.
Das ist stark! Varoufakis meint, dass er das tun muss, was er für richtig und universalisierbar hält  – auch wenn seine 17 Kollegen offenbar eine andere Auffassung darüber haben „what is right“: etwa das Einhalten bestehender Versprechen und Regeln.

Was würde Kant dazu sagen? Ein paar Ideen aus seinem Spätwerk „zum ewigen Frieden“ (1795), das auch als Frühwerk liberaler Ordnungstheorie oder Konstitutionenökonomik gelesen werden kann. Es behandelt nicht nur das Völkerrecht, sondern vor allem die Prinzipien einer „republikanischen Verfassung“. Für beides gilt:
„Man kann hier nicht halbieren und das Mittelding eines pragmatisch-bedingten Rechts (zwischen Recht und Nutzen) aussinnen“. Nur durch eine Unterwerfung aller Politik unter allgemeine Prinzipien und Rechtssätze kann diese „hoffen, obzwar langsam, zu der Stufe zu gelangen, wo sie beharrlich glänzen wird“ (Kant, Akademie Ausgabe, Randnummer 380).
Der „Witz“ oder die „List“ der republikanischen Verfassung liegt genau darin, dass sie nicht vorauszusetzen braucht, „es müsse ein Staat von Engeln sein, weil Menschen mit ihren selbstsüchtigen Neigungen einer Verfassung von so sublimer Form nicht fähig wären“. Natürlich kann man, wie Varoufakis, spieltheoretische Dilemmata auch dadurch zu lösen versuchen, dass man „new motives“ versucht zu etablieren, etwa eine „pan-European perspective“, „Solidarität“ etc.

Da ist Kant schon mehr Realist. Regeln müssen so gestaltet sein, dass sie nicht von edlen Motiven abhängen, sondern auch von rationalen Schurken (in dem Fall: Politikern) befolgt werden. Das ordnungspolitische Problem ist, so Kant (Rn 366)
„selbst für ein Volk von Teufeln (wenn sie nur Verstand haben) auflösbar und lautet so: ‚Eine Menge von vernünftigen Wesen, die insgesamt allgemeine Gesetze für ihre Erhaltung verlangen, deren jedes aber insgeheim sich davon auszunehmen geneigt sind, so zu ordnen und ihre Verfassung einzurichten, dass, obgleich sie in ihren Privatgesinnungen einander entgegen streben, diese einander doch so aufhalten, dass in ihrem öffentlichen Verhalten der Erfolg eben derselbe ist, als ob sie keine solche böse Gesinnung hätten‘.“
Kurz: glaubwürdige Selbstbindung (Ordnungspolitik) setzt keinen idealistischen Altruismus, sondern nur aufgeklärtes Selbstinteresse voraus. 

Kant (Rn 377) unterscheidet zwei Arten von Politik(ern): Da sind einmal die „politischen Moralisten“, die Recht und Politik „als bloße Kunstaufgabe (problema technicum)“ oder als „Staats-Klugheitsproblem“ begreifen und je nach gegenwärtigem „Zweck (als Gegenstand der Willkür)“ flexibel ändern oder auslegen. Varoufakis – aber nicht nur er – dürfte stellvertretend für diese unter Ökonomen und Politikern vorherrschende Gattung stehen. 

„Himmelweit“ davon entfernt ist Kants ordnungspolitisch „moralischer Politiker“, der dem „formalen … bloß auf Freiheit im äußeren Verhältnis gestellten“ Prinzip als „eine sittliche Aufgabe (problema morale)“ folgt, „darnach es heißt: handle so, dass du wollen kannst, deine Maxime soll ein allgemeines Gesetz werden (der Zweck mag sein, welcher er wolle)“.

Eine „erkennbare Politik“, die sich glaubwürdig an kategorische Prinzipien zu binden in der Lage ist und universalisierbare Regeln auch dann durchsetzt, wenn sie der momentan politisch opportunen „Kunstaufgabe“ als „Gegenstand der Willkür“ widersprechen mag, dürfte nachhaltig nicht nur moralischer, sondern auch zweckmäßiger, wettbewerbsfähiger, erfolgreicher sein.


P.S. Die Kant’sche Argumentation übernehme ich weitgehend aus einem Artikel, in dem ich Paul Krugman kritisiere; auch diese Diskussion hat wieder Konjunktur. 

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