Dienstag, 24. Februar 2015

Eurokrise: It is the labor market, stupid. Von Gérard Bökenkamp


In einem Interview mit der Welt vom 16. Februar 2015 hat der Finanzhistoriker Barry Eichengreen vor dem Grexit gewarnt. Die Folgen ließen sich seiner Ansicht nach nicht auf Griechenland begrenzen, andere Krisenländer wie Portugal und Spanien könnten ebenfalls davon betroffen sein, und schließlich fürchtet Eichengreen, die Sparpolitik sei gescheitert, und man müsse Griechenland wieder „Luft zum Atmen“ geben. Aufschlussreich ist allerdings weniger das, was Eichengreen in dem Interview sagt, sondern das, was er zum Erstaunen der Kenner seines Werkes zu sagen unterlässt.

Eichengreen wies auf den Zusammenhang von Währung und Arbeitsmarkt hin

Eichengreen selbst ist durch seine historischen Arbeiten der beste Kronzeuge dafür, dass die Probleme des Euros viel tiefer liegen und durch eine Abkehr von der Sparpolitik nicht gelöst werden können. In seinem Buch vom „Goldstandard zum Euro“ hat er eine profunde Darstellung der Währungsgeschichte der letzten hundert Jahre vorgelegt. Ein Zusammenhang, der in Eichengreens Buch eine wichtige Rolle spielt, kommt in der öffentlichen Diskussion und auch in dem Interview, das er der Welt gegeben hat, zu kurz. Zu kurz kommt der Zusammenhang zwischen Währung und Arbeitsmarkt.

Der klassische Goldstandard als Beispiel für eine transnationale Währung

Der klassische Goldstandard vor dem Ersten Weltkrieg war das Paradebeispiel einer erfolgreichen transnationalen Währung. Er funktionierte sehr weitgehend nach dem Modell automatischer Anpassung, das schon David Hume beschrieben hatte. Demnach führt ein Verlust der Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft dazu, dass sie mehr importiert als exportiert, dadurch fließt Gold aus der Volkswirtschaft ab. Dadurch dass Gold abfließt verringert sich die Geldmenge und die Löhne und Preise sinken. Die Länder mit starkem Wettbewerbsvorteil nehmen durch ihren Export hingegen Gold auf, wodurch die Preise und Löhne in diesem Land steigen. Durch diese automatische Anpassung wird das Gleichgewicht zwischen den Volkswirtschaften wieder hergestellt.

Im 19. Jahrhundert reagierten Löhne „seismographisch“

Dieser Ausgleichsmechanismus setzte jedoch voraus, dass sich die Löhne „seismographisch“ anpassen konnten. Unter „seismographischer“ Anpassung der Löhne versteht Eichengreen, dass die Löhne nach unten und nach oben flexibel sind. Das war im 19. Jahrhundert, als es noch keine mächtigen Gewerkschaften und Tarifabschlüsse gab, weitgehend der Fall. Löhne konnten vom Arbeitgeber zum Teil von einer Woche zur nächsten gesenkt werden, wenn sich der Wettbewerbsdruck erhöhte oder das Angebot von Arbeitskräften sich vergrößerte.



Nach dem Ersten Weltkrieg passten sich die Löhne nicht mehr an

Das war nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr der Fall. Die Gewerkschaften hatten an Einfluss gewonnen, und Flächentarifverträge hatten sich durchgesetzt. Die Wiedereinführung des Goldstandards führte deshalb geradewegs in die Dauerkrise. Während Großbritannien zu einem zu hohen Wechselkurs zum Goldstandard zurückkehrte und damit seine Wettbewerbsfähigkeit einbüßte, war der Umtauschkurs für Frankreich sehr günstig. Die Folge war, dass Frankreich einen permanenten Außenhandelsüberschuss und Großbritannien ein permanentes Defizit zu verzeichnen hatten. Ein Zustand, der uns heute aus der Eurozone nur allzu bekannt ist. Großbritanniens Versuch innerhalb des Regiments des Goldstandards wieder wettbewerbsfähig zu werden scheiterte mit dem großen Streik von 1924, der das Land lahm legte.

Wechselkursanpassung statt Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt

Die Schlussfolgerung nach dem Zweiten Weltkrieg daraus war, dass Wechselkurse anpassungsfähig sein mussten, um den Verlust von Flexibilität auf den Arbeitsmärkten zu kompensieren. Über Jahrzehnte hinweg griffen viele Staaten Europas auf dieses Instrument zurück. Mit der Einführung des Euro verschwand diese Möglichkeit. Wäre nicht durch Banken und Finanzsystem ein enormer Kapitaltransfer nach Südeuropa in die Wege geleitet worden, der die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit durch Kredite an die öffentlichen Haushalte und den Bausektor kompensierte, wäre dieses Problem schon ein Jahrzehnt früher offensichtlich geworden.

Eine gemeinsame Finanzpolitik der EU wird das Problem nicht lösen

Oft wird der Umstand beklagt, dass die Einführung des Euro nicht mit der Einführung einer gemeinsamen Wirtschafts- und Finanzpolitik verbunden gewesen sei. Deshalb müsse eine solche jetzt geschaffen werden. Ob das die Probleme der Eurozone aber lösen würde, ist mehr als fraglich.  Deutschland hatte nach seiner Währungsunion mit der Wiedervereinigung eine gemeinsame Staatlichkeit, eine gemeinsame Finanzverfassung und eine nationale Wirtschafts- und Finanzpolitik. Das hat aber nichts daran geändert, dass mit der Währungsunion sich in Ostdeutschland ganz ähnliche Probleme gezeigt haben, wie wir sie heute in der Eurozone beobachten. Die Parallele zwischen deutscher und europäischer Währungsunion hatte im Übrigen schon der damaligen Bundesbankpräsident Karl-Otto Pöhl gezogen, der mit dem Verweis auf die deutschen Erfahrungen nach der Währungsunion vor der Einführung einer Gemeinschaftswährung gewarnt hatte.

Ohne Liberalisierung der Arbeitsmärkte kein Ende der Eurokrise


Soll der Euroraum als Währungsraum tatsächlich bestand haben, dann führt kein Weg daran vorbei, die nationalen Arbeitsmärkte in der EU weiter zu liberalisieren und die Mobilität der Arbeitskräfte zu erhöhen.  Das heißt das Reallohnniveau muss an die Wettbewerbsfähigkeit angepasst werden und Unternehmen müssen entlastet werden. Gleichzeitig bedeutet eine gemeinsame Währungszone neben der Beweglichkeit von Kapital auch, dass Arbeitnehmer beweglich sein müssen. Das bedeutet im Extremfall, dass einige Regionen einen dramatischen demographischen Schwund erleben und andere Regionen ein ebenso spektakuläres Wachstum. Wenn eine solche Anpassung an die Anforderungen eines gemeinsamen Währungsraumes nicht gelingt, wird sich Eichengreens Aussage bestätigen: „Aus heutiger Sicht muss man konstatieren, dass der Euro ein Fehler war.“

Gérard Bökenkamp ist Referent für Grundsatz und Forschung im Liberalen Institut der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit 

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