Dienstag, 28. Oktober 2014

Otmar Issing im Open Europe Berlin Interview: „Reputation der EZB nimmt Schaden; von Deflationsspirale kann keine Rede sein“

Vor fast genau zwei Jahren hielt Prof. Dr. Otmar Issing, ehemaliger Chefvolkswirt der EZB, zur Eröffnung von Open Europe den Vortrag „mehr Europa – welches Europa?“ In den letzten zwei Jahren ist Einiges geschehen, gerade in der Geldpolitik. Wir haben nachgefragt (OEB = Open Europe Berlin).



OEB: Mario Draghis „whatever it takes“ schien für viele Beobachter und Teilnehmer an den Finanzmärkten die Krise vorerst gelöst zu haben. Nun scheint es, dass den Worten doch noch Taten folgen müssen. Die EZB scheint bereit, nun auch Pfandbriefe, Kreditverbriefungen (ASM), Unternehmensanleihen und am Ende wohl auch Staatsschulden zu kaufen. Wird die EZB nun zur „Bad Bank“? Nimmt sie den Steuerzahler indirekt in die Pflicht, ohne diesem demokratisch in irgendeiner Weise direkt verantwortlich zu sein („no taxation without representation“)?

ISSING: Es besteht in der Tat die große Gefahr, dass Die EZB die Banken von Risiken befreit und auf ihre Bilanz nimmt. Die Reputation der Bank würde Schaden nehmen und die Steuerzahler in allen Ländern müssten am Schluss die Zeche bezahlen.

OEB: In Europa, aber auch anderswo geht das Deflationsgespenst um. Ist die Gefahr wirklich so groß im Moment? Sinkende Energie- und Rohstoffpreise, wettbewerbsfähigere Löhne und Güterpreise in den Krisenstaaten sind doch eher gut für das Wachstum in der EU? Ist es Aufgabe einer Notenbank, „genug“ Inflation zu schaffen?

ISSING: Von einer Gefahr der sich beschleunigenden deflatorischen Abwärtsspirale kann keine Rede sein. Das geht übrigens auch aus der Prognose der EZB hervor, sie mit 1,1% und 1,4% eine deutlich höhere Inflationsrate für die beiden nächsten Jahre vorsieht. Niedrigere Energiepreise, der Hauptgrund für den Rückgang der Preissteigerungen, erhöhen die Kaufkraft der Bürger, senken die Kosten insbesondere für energieintensive Produktionen und stellen für die Volkswirtschaft insgesamt einen beachtlichen Wohlfahrtsgewinn (Verbesserung der terms of trade) dar..

OEB: Vor zwei Jahren waren Sie sehr skeptisch, was die Kombination von Geldpolitik und Bankenaufsicht unter dem einen Dach der EZB anging. Wie sehen Sie die Situation heute, nachdem die EZB in Kürze die Bankenaufsicht übernimmt?

ISSING: Meine Bedenken sind noch die gleichen. Es wird zu Konflikten mit der Geldpolitik kommen. Wenn es um die Rettung oder Abwicklung einzelner Banken geht, wird die EZB in politische Auseinandersetzungen mit den jeweiligen Finanzministern hineingezogen – was einer unabhängigen Institution nicht angemessen ist

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