Dienstag, 21. Oktober 2014

Airbus Group: EU der Luftfahrt und Rohrkrepierer verteidigungspolitischer Großprojekte? Von Christian Dominik Heinz

Airbus steht als europäisch integrierter Konzern für die Luftfahrtindustrie als das, was die EU für die Wirtschaft und Politik in Europa ist. Allseits fehlt das Verständnis für die unterschiedlichen Wirtschaftsstile in Europa, die das europäische Gemeinschaftsunternehmen schädigen. 

Es sind widersprüchliche Einflüsse, die kein vertrauensvolles, verlässliches und stetiges Umfeld für Unternehmensentscheidungen und Geschäfte bilden können. Seit fast 50 Jahren stand schrittweise die Privatisierung der Luftfahrtindustrie auf der Agenda der Politik. Aber im Zusammenhang mit dem Scheitern der Fusion mit BAE durch die Politik - des letzten Schrittes der europäischen Integration dieser Industrie – ist auch eine größere politische Unabhängigkeit mit der nachfolgenden direkten Staatsbeteiligung Deutschlands zu Grabe getragen worden.

Desiderate der europäischen Integration der Luft- und Raumfahrtindustrie

Nach Konsortien (Airbus, Tornado, Eurofighter), Konsolidierungen (Dornier, MBB, Daimler) und Fusionswellen der DASA, Aérostpatiale und Casa ist die Airbus Group das führende Unternehmen der Luft- und Raumfahrtindustrie Europas geworden. Es ist durch konstanten politischen Einfluss gewiss ein integrierter aber inflexibler Großkonzern entstanden, bei dem ehemalige Konkurrenten zusammenarbeiten müssen. Von einem betriebswirtschaftlichen Standpunkt gesehen ist die aktuelle Konsolidierung eine folgerichtige Anpassung an die Marktlogik. 

Viele Unternehmensteile sind mitsamt ihren Geschäftsaktivitäten unabhängig voneinander entstanden, insbesondere die Unternehmensteile, die durch Daimler über die DASA konsolidiert wurden. Das geschah mit dem Ziel, einen sogenannten "integrierten Technologiekonzern" mit universellen Grundlagen zu schaffen und nicht in Absicht der Bündelung von Kompetenzen in der Luft- und Raumfahrt, was Airbus heute zu einem komplizierten Konzern mit vielschichtigen Aktivitäten ohne wirkliches Kerngeschäft macht. 

Zudem bergen die ehemaligen Konkurrenten der jeweiligen Standorte Konfliktpotenziale im Gemeinschaftsunternehmen in sich. Seit damals sind  alle Geschäftseinheiten zusammen organisch gewachsen  und das Unternehmen hat die Aufgabe, mit seinem Produktportfolio dem Markt zu folgen und nicht historischen Gegebenheiten hinterher zu hinken.

Beispielhaft ist hierfür die Nostalgie in Bezug auf eingegangene Unternehmensteile. Der Mythos Messerschmitt, Bölkow, Telefunken und Dornier ist zwar ein zu respektierender Teil der Reputation von Airbus, die weitere Mythologisierung ist aber Zeichen verkrusteter Strukturen und Befindlichkeiten. Solche Altlasten unangepasster Strukturen verlangen eine Konzentration auf die Verbundvorteile, die innerhalb dieser Vielzahl heterogener Geschäftseinheiten sinnvoll sind. 

Die Fokussierung auf die zivile Luftfahrt aufgrund der Krise des Verteidigungshaushaltes und der Beschaffung  erzwingt nun die Konzentration auf das Kerngeschäft Luftfahrt – typischerweise mit zahlreichen Ausnahmen (vorerst).

Unaufgeklärte Debatte über Rüstungsexporte

Ferner beunruhigt im Hintergrund die wankelmütige und unberechenbare Haltung des Bundeswirtschaftsministers Gabriel gegenüber Ausfuhren von Verteidigungstechnik. Die Auswirkungen der jüngsten Vergangenheit, angefangen von gekürzten Verteidigungshaushalten über Bedarfsänderungen und Auslandseinsätze der Bundeswehr, sind Teil des größten Umbruchs der Branche. Nicht mehr überwältigende Kapazitäten, sondern die reine technische Überlegenheit wie bei Drohnen zählt

Sicherlich sind das auch die Auswüchse einer "postheroischen Gesellschaft", die aber auch nicht die Notwendigkeit der globalen Sicherheitspolitik durch den Eingriff von Rüstungsexporten ignorieren darf, wenn die gegenwärtige geopolitische Krise ernst genommen werden soll. Attitüden eines erwarteten "pazifistischen Jahrzehnts" erweisen sich in dramatischer Weise als illusionär. Überhaupt ist die Debatte der Rüstungsexporte in Bezug auf "Airbus Defence and Space" unaufgeklärt, denn die Produkte hier sind nicht die leichten Waffen (small arms and light weapons: SALW), die leicht geschmuggelt und gehandelt werden können und damit Bürgerkriege, Armut und Hunger auslösen. Diese sind deswegen selbstverständlich als Exportgüter weltweit mit scharfen Kontrollen und Beschränkungen belegt. 

Doch die Hightech-Waffensysteme von Airbus können sich nicht der direkten Kontrolle und Unterstützung der Ursprungsländer aufgrund des ständigen Wartungsbedarfes entziehen. Eine solche strikte Unterscheidung und Bewertung ist aber weder in den Medien noch in der Politik erkennbar, auch wenn Handfeuerwaffen oftmals besondere Erwähnung finden.

Ökonomische Bedingungen und technische Kriterien der Verteidigungstechnik

Leider mündet das alles bisher eher in eine Krise der Beschaffung als in einer konstruktiven Unterstützung der strategischen Neuaustrichtung der Bundeswehr und ihrem Material. In der Drohnen-Debatte tut sich die Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen noch immer schwer, obwohl deren sowohl militärischer, als auch ziviler Bedarf schon  erkannt worden ist. Das sind die Umstände, die sich nun auf den Umbau der Airbus Division "Defence and Space" auf ihre Weise niederschlagen. 

Der Wettbewerb im Verteidigungsbereich ist härter geworden. Es sind enge Märkte, die Airbus DS bedient, folgerichtig sind nur Produkte zukunftsfähig, die das Potenzial in sich bergen, eine marktführende Position zu erlangen. Darunter besteht kaum Aussicht auf angemessene Profitabilität. Kein sinnloses, unkontrolliertes Wachstum, sondern verbesserte Wettbewerbsfähigkeit und Marktführung durch Innovation sind die neuen Leitlinien. Doch Innovationen für die Zukunft muss sich das Unternehmen erst leisten können.

Das ist der Hintergrund für den erneuten Umbau. Geschäftsaktivitäten sollen verkauft oder in Joint Ventures aufgehen. Zwei Milliarden Euro will Bernhard Gerwert, CEO von Airbus DS, damit einnehmen. Zusammen mit dem erwarteten Buchgewinn aus dem lukrativen Verkauf der Beteiligung an Dassault, der endlich zugunsten einer normalisierten Konzernstruktur erfolgt, stehen dem Unternehmen dafür nun ca. 4,9 Milliarden zusätzlich zur Verfügung. Das dürfte den Investitionsbedarf für Entwicklungen in der militärischen Luftfahrt (Drohnen usw.) decken. Ergebnis wird ein straffer organisierter und effizienterer Konzern mit weiterer Spitzentechnologie sein. Zukunftsweisende Produkte sind nur so möglich. 

Diese Entwicklung ist der Beitrag einer schmerzlich konsolidierten Branche, die Krise des Beschaffungswesens zu entschärfen. Zuletzt wurden jedoch beim Eurofighter (Klarstand einsatzfähiger Kampfjets, Qualitätsmängel) Kundenanforderungen deutlich, die die hochempfindliche Spitzentechnologie mit den Standards durchschnittlicher Massenprodukte verbinden möchte. Bei solchen Ansprüchen ist es überhaupt fraglich, ob sie jemals befriedigt werden könnten.

Komplexe Projekte, Management-Probleme und Psychologie

Aber das Kriterium des billigsten Anbieters ("lowest compliant bid") bei den Ausschreibungen verträgt sich nicht mit spezialisierten Hightech-Produkten, die auf dem Stand sind, dass sie die auf der Höhe ihrer Zeit liegenden Grenzen des technisch machbaren ausreizen. Dazu bewegt sich die Zeitachse noch fortwährend für vorangehende Studien, Angebote, Entwicklungslinien und Demonstratoren und machen Beschaffungsvorhaben äußerst zeitaufwendig. Während der langjährigen Entwicklung und Produktion kommen Anpassungen an den sich wandelnden Bedarf hinzu. 

Diese extremen Bedingungen machen ein gewöhnliches Projektmanagement unmöglich. Realisierbarkeit und Zeitbedarf für Vergabeverfahren werden folglich falsch eingeschätzt. Kosten-Leistungs-Zeitpläne werden zur komplexen Herausforderung. Und zur Überraschung: Im internationalen Vergleich liegen Eurofighter und A400M dabei sogar vorne. Und plötzlich wird selbst am Eurohawk festgehalten, weil er als Drohne (in der Nachfolgeversion "Triton"), die unbemannt über dem zivilen Luftraum lange Zeit fliegen kann, nur schwerlich ersetzbar und als hoheitlich bedeutsame Schlüsseltechnologie durch die Aufklärungssensorik zu wichtig ist. Das sind Kehrtwenden, die inhaltlich hätten vorausgeahnt werden können- wenn man wollte! So wurde kostbare Entwicklungszeit verschenkt.

Drohungen, Unehrlichkeit, Anklagen, Lügen: Ungünstiges Projektklima?

Grobe Diffamierungen und Fundamentalkritik gegenüber der Bundeswehr und ihrem Material, die aktuell durch die Medien gehen, haben also andere Ursachen. Es ist eine Konfrontation zwischen Hersteller und Bundeswehr, in die sich das Verteidigungsministerium begibt  und das Verständnisproblem heraufbeschwört. Was beide Seiten, Industrie und Bundeswehr, miteinander teilen, ist die negative Stimmung durch den Eskapismus der Reformen und Kürzungen der letzten Jahre, die sich wechselseitig verstärkt. 

Dass das Auswirkungen auf die Mentalität hat und notorisch überkritische Haltungen provoziert, ist nachvollziehbar. Die Nerven liegen blank. Beim kleinsten Mangel, der Entgratung eines Bohrlochs, wird in Deutschland kein Eurofighter mehr abgenommen - im Gegensatz zu Großbritannien. Infolgedessen müssen alle ihre verzerrten  Einschätzungen der Projektplanungen berücksichtigen und überprüfen, wie realistisch die Ansprüche und Erwartungen sind. Der "unehrliche Umgang miteinander", den Enders kritisiert, muß beendet werden. Das ist die grundlegende Voraussetzung für einen Neuanfang des Beschaffungswesens und der Verteidigungsindustrie.

Allerdings haben die Umstrukturierungen, Reformen und Personalanpassungen bei Airbus, Bundeswehr und Ministerium eine unvermeidbar negative Wirkung. Sie hinterlassen beschädigende Spuren in der Mitarbeiterbindung und Authentizität der Führungskräfte. Das ist die angeschlagene Mentalität, die scheinbar ignoriert wird. Die drastischen Maßnahmen sind nicht für alle nachvollziehbar und lösen Unmut aus. Das gilt vor allem, wenn Anschuldigungen öffentlich gemacht werden. Allzu vorschnell wurden schon Urteile nicht nur gefällt, sondern auch kommuniziert. Der Ist-Zustand von Projekten kann nicht auf einmal in absoluter Perspektive beurteilt und ihre Darstellung unmittelbar als Lüge entlarvt werden, wie es die Bundesverteidigungsministerin im Fall der Entlassungen eines Staatssekretärs und Ministerialdirektors im Februar diesen Jahres gemacht hat. 

Auch Enders' Kritik an der Regierung, sein Buhlen um Subventionen verbunden mit Drohungen und die Umstrukturierung von Airbus zu Lasten Deutschlands ist nicht zielführend. Hier handelt es sich um kritische Bereiche von hohem nationalem Interesse. Es ist nunmehr eine Generation betroffen, die heute in internationalen Krisengebieten eingesetzt wird. Die notwendige Unterstützung und Ernsthaftigkeit sollte nicht von einer Generation, die davor verschont wurde, verweigert werden. Politische Inszenierungen sind fehlplatziert.

Ende der Kürzungen?

Was sich bisher abzeichnet ist einfach nur ein Machtkampf. Hinter der Studie über das Beschaffungswesen, die Bundesverteidigungsministerin von der Leyen in Auftrag gegeben hat, ist das Gefühl der Benachteiligung, der Unterlegenheit, erkennbar. Juristisch wäre man durch die Vertragsgestaltung bei Großprojekten nicht ebenbürtig und durchsetzungsfähig. 

Beim Ansatz "klassischen Projektmanagements" und Controllings als Bemessungsgrundlage in den Beschaffungsprozessen ist das nachvollziehbar. Für das Prozessmanagement hat aber erst der Vorgänger (de Maizière) ein eigenes neues Verfahren entwickeln lassen. An dieser Stelle kommen die Consulter in ihrer Studie offensichtlich nicht weiter. Das verhärtet die Situation. Auch mehr Anwälte können das Problem nicht sachlich lösen.

Infolge der Kürzungen können keine Höchstleistungen mehr verlangt werden, die eigentlich militärisch erforderlich sind. Der Spielraum ist zu bescheiden geworden. Daran ändert auch der verschärfte Umgangston nichts – ganz im Gegenteil. Vielleicht muss das Budget des Verteidigungshaushaltes einfach als Konsequenz der Beschaffungskrise und des erweiterten Einsatzszenarios der Bundeswehr erhöht werden. 

Das Ende jahrelanger Kürzungen dürfte nicht nur in Deutschland gekommen sein. Eine Friedensdividende kann jedenfalls angesichts der geopolitischen Lage nicht mehr eingestrichen werden. Für die gegen Russland verhängten Sanktionen bezahlt die deutsche Wirtschaft. Sie wird ersatzweise als Instrument der Sicherheitspolitik eingesetzt. Wahrscheinlich würde ein angemessener Etat für die Bundeswehr, der den Einsatz von Aufklärungsdrohnen und damit eine bessere Grundlage für diplomatische Verhandlungen  schaffen würde, Deutschland billiger kommen. 

Christian Dominik Heinz arbeitet seit vierzehn Jahren nebenberuflich bei Airbus Defence and Space, ist Daytrader und Blogger mit der Spezialisierung auf die Luft- und Raumfahrtindustrie.

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