Donnerstag, 28. August 2014

Galileo-Debakel - EU auf falscher Umlaufbahn? Von Christian Dominik Heinz

Auf bittere Weise werden die Defizite der EU auf die Probe gestellt und gleichnishaft von der Realität eingeholt. Das zeigt sich auch beim Projekt eines europäischen Satellitennavigationssystems "Galileo".

Zehn Jahre hinter dem Zeitplan, eine Verteuerung von 3,4 auf 5,3 Milliarden Euro allein zum Aufbau des Systems und ein um sechs Jahre verspäteter Start in die falsche Umlaufbahn werfen einmal mehr ein schlechtes Licht auf ein Prestige-Projekt der EU. Weiter kommen 800 Millionen Euro Betriebskosten jährlich ab 2015 hinzu. Das sind 50 Millionen mehr als vormals veranschlagt. Dabei ist der jüngste Rückschlag noch nicht eingerechnet. Und das alles wird aus dem EU-Haushalt finanziert. Wieder ein Fall für Mehdorn?

Insgesamt werden sich die Kosten für den Aufbau, den Betrieb und die Wartung allein für die ersten zwanzig Jahre mittlerweile auf 22 Milliarden Euro mindestens belaufen - Mehrkosten von 14,3 Milliarden Euro als im Jahr 2000 ursprünglich vorgesehen.



Der symbolische Wert der europäischen Großprojekte

Und wie bei allen europäischen Projekten sind es die typischen Länderstreitigkeiten, die die Probleme herbeigeführt haben: Finanzierung, Zeitabläufe und Standorte. Damit ist, ob Eurofighter, A400M oder NH90, kein Projekt besser als das andere. Dennoch hat das bislang offensichtlich nicht zu einem Umdenken geführt.

Der symbolische Wert des Galileo-Debakels ist unübertrefflich: Die eigentliche Farce ist, dass ein System, das Europa unabhängiger machen soll, wieder die billigere russische Technik nutzt. Fremde Technik wird aus Kostengründen der Ariane vorgezogen. Im Vorfeld des Starts gab es schon Probleme bei der Betankung der dritten Raketenstufe. Eine der Oberstufen ist wohl Ursache der Fehlplatzierung. Ausgerechnet scheitert hier die engere Zusammenarbeit während einer außenpolitischen Krise mit Russland im dramatischen Nachklang des Assoziierungsabkommens mit der Ukraine. Für den ersten Start einer russischen Trägerrakete (Sojus) in Kourou in Französische-Guayana wurde extra eine Sojus-Rampe angebracht. Scheinbar wurde die erhöhte Anfälligkeit für Risiken bei dieser ungewöhnlichen Anordnung der Projektrealisierung nicht berücksichtigt. Die EU würfelt hier unter der Federführung der EU-Kommission wie immer alles nach ihrem Gusto rücksichtslos zusammen: Nationen, Politik, Kulturen, Unternehmen und deren Technologien.

Herausforderungen der Hochtechnologie

Die Nutzung eines russisches Trägersystems an sich gilt als zuverlässig, auch wenn schon einmal der Satellit Cyrosat-1 durch Kursabweichung der Rockot-KM Tägerrackete verloren ging, weil die dritte Stufe durch ein Programmfehler nicht rechtzeitig zündete. Aber auch die erste Ariane 5 kam 1996 mit den Cluster-Satelliten vom Kurs ab und sprengte sich automatisch. Diese Schwierigkeiten können also schon mal bei Neuentwicklungen vorkommen. Die exakte Höhe für die Umlaufbahn zu erreichen ist eine der größten Herausforderungen der Raumfahrt.

Auch beim Bau der Satelliten gab es Schwierigkeiten. Das Raumfahrtunternehmen OHB, das den Auftrag von 22 Satelliten der geplanten 30 inne hat, hatte Mühe den Zeitplan einzuhalten, bei den Tests zur Temperatur- und Vakuumverträglichkeit und musste zuletzt sogar die französische Konkurrenz um Hilfe bitten. Im Weltall gibt es nun Probleme bei der Entfaltung der Solarpaddels, was möglicherweise im Zusammenhang mit der inkorrekten Lage durch die falsche Umlaufbahn der Satelliten steht (Temperaturdifferenz und fehlende Drehung der Oberstufe). Ein "eingefrorenes" Solarpaddel konnte durch Drehung in die Sonne und der dadurch erreichten Erwärmung schon ausgefahren werden.

Nutzwert der Galileo-Navigation

Die zahlreiche zivile Nutzung von Navigationsdaten machen die wirtschaftliche Bedeutung von Galileo nur oberflächlich deutlich. Ob in Smartphones oder im Verkehr – Satellitennavigation ist vom Alltag kaum mehr wegzudenken. Und trotzdem macht das nur ein Teil der Nutzung aus. Auch in der Landwirtschaft macht das gegenüber dem GPS präzisere Galileo-System die Ausbringung von Düngung und Schädlingsbekämpfung exakter, billiger und umweltschonender. Ferner macht eine genaue Positionsbestimmung die Suche und Ausbeutung von Energieresourcen effizienter. Die Präzision ist so enorm, dass selbst Blinde die Navigation zur Orientierung in Häusern verwenden könnten. Auch der Einsatz im Autoverkehr  für weiter reichende Anwendungen, als Navigation, ist denkbar. Somit ist Galileo ein umfangreiches Infrastrukturprogramm.

Das Besondere an Galileo sind aber vor allem neue zusätzlichen Dienste. Mit Galileo soll es ein Meldesystem für Rettungsdienste in Echtzeit geben (Galileo-SAR-Dienst) oder ein Dienst zur Ortung von Unglücksorten (Galileo-Safety-of-Life-Dienst). Also ist hier ein höherer Nutzwert in der Navigationstechnologie nicht bloß durch verbesserte Zuverlässigkeit und Präzision integriert. Es werden insgesamt fünf verschiedene Dienste für verschiedenste Einsatzmöglichkeiten zur Verfügung gestellt. Obendrein gibt es noch zahlreiche der Geheimhaltung unterliegende neue Dienste. Im Krisenfall dagegen wären jede zivile Nutzung bei einer Abhängigkeit zu einem fremden System (GPS/USA oder Glonass/Russland) gefährdet. 

Ein kaputter Markt der Satellitennavigation: Das vorzeitige Scheitern des Public and Private Partnerships (PPP)

Die Frage ist immer was passiert, wenn das GPS abgeschaltet oder am Preis der Nutzung gedreht werden würde. Dabei ist es allein für die Preise nützlich Alternativen, also einen Markt zu haben, auch wenn dieser erst im Aufbau begriffen ist. Das GPS hat momentan faktisch das Monopol. Und das Scheitern des PPPs steht neben Divergenzen wegen nicht eingehaltener Absprachen mit der Weltraumorganisation ESA im Zusammenhang mit der seit Mai 2000 begonnen aufgeweichten Nutzbarkeit des GPS mit der Aufhebung der militärischen Restriktion der Genauigkeit durch künstliche Störung und Einschränkungen. Dadurch wurde langsam absehbar, dass ein funktionierender Markt für Positionsbestimmungen zerstört würde. Für private Investoren wurde es in diesem Umfeld aussichtslos ein Geschäftsmodell marktverwertbarer Eigenschaften zu schaffen. Die USA haben mit diesem Vorgehen die Oberhand gewonnen und einen Markt chancenlos vereinnahmt.

Die EU-Kommission hatte sich 2007, nach dem Scheitern des PPP, dazu entschlossen, das Projekt vollständig zu einem der öffentlichen Hand zu machen. Unvorhersehbare Risiken der Neuentwicklung und der Antagonismus der länderspezifischen Industriepolitik haben die freie Wirtschaft abgeschreckt und so ganz bewusst Fristen verstreichen lassen. Doch der EU ist das Projekt zu wichtig.

Unabhängigkeit auf dem Gebiet globaler Satellitennavigation

Die EU wollte deshalb ein eigenes, unabhängiges System. Wenn auch das GPS allgegenwärtig und zur Selbstverständlichkeit geworden ist, ist es gleichwohl nicht vollumfänglich verfügbar. Insbesondere ist der Zugang zu dieser Technologie nicht gewährleistet, was die Entwicklung genuin europäischer Software oder Hardware auf diesem Gebiet behindert. Umgekehrt bedeutet das nämlich ein Marktpotential für Anwendungen, Produkte und Dienstleistungen von jährlich bis zu 600 Millionen Euro im Jahr 2022, so das Bundeswirtschaftsministerium. Eine andere Lösung, nämlich in transatlantischer Zusammenarbeit mit dem amerikanischen GPS diese Kosten des Galileo-Debakels zu vermeiden, könnte den Status des GPS als rein militärisches Produkt in der Verfügungsgewalt des US-Militärs verhindern. Es ist eben kein zur NATO gehörendes Produkt.

Verfehlte Risikoeinschätzung und Reibungsverluste überlagern jedes Kostenbewussten

Ob die bekannten Probleme der europäischen Großprojekte durch den Alleingang der EU ohne private Investoren eher behoben wurden ist nach den letzten Rückschlägen mehr als fraglich. Die Äußerungen des ehemaligen CEO von OHB Berry Smutny lassen anderes vermuten: "A waste of EU tax payers money championed by French interests". Oder seine Bezeichnung Frankreichs als "evil empire" offenbaren wieder die alten Machtkämpfe in der europäischen Zusammenarbeit, die von der Gleichmacherei der EU ignoriert werden. Mit solchen Äußerungen  war er dann auch die längste Zeit CEO von OHB. Es sind wiedermal zu viele Interessen und Begehrlichkeiten in einem multinationalen Projekt zusammengekommen. Die Reibungsverluste zwischen Politik, Wirtschaft und Unternehmen bei solchen Unterfangen strapazieren irgendwann jede Finanzierung.

Müssen vielleicht Gerüchte über die Veruntreuung von EU-Mitteln ernst genommen werden? Eigentlich wurde mit Sojus und OHB immer der billigste Anbieter ausgewählt. Doch billig ist nicht gleich günstig! Eine Solche Ausrichtung ist nicht gerade Kennzeichen eines guten Managements. Leider ist aber heute bei fast jeder Ausschreibung der Preis das Diktat, das sogenannte „lowest compliant bid“ gewinnt. Es wird nur in absoluten Ausnahmefällen der leistungsfähigste und risikoärmste Anbieter ausgewählt. Sehr beruhigend: Das Flugzeug, in dem Sie sitzen, besteht zu 99% aus Zulieferteilen des billigsten Anbieters!

1 Kommentar:

  1. Zusatzinformation: Der bekannte Hersteller der Navigationsgeräte "Garmin" bestätigt, dass weder der Nutzer noch der Hersteller Lizenzen, Gebühren oder dergleichen für das GPS zahlt. Einnahmen gibt es nur mittels Steuern über den Verkauf von Endgeräten. Und derselbe gebräuchliche Chip kann GPS, Glonass und Galileo-Daten verwenden. Wenngleich das GPS-System vom US-Militär sowieso besteht, kann es doch nicht uneingeschränkt verwendet werden. Falls es aus Sicherheitsgründen opportun ist wird es gelegentlich noch immer absichtlich lokal gestört (Einsatz von Sicherheitsdienste, Militär - z.B. sicherheitsrelevante Besuche von US-Delegationen).

    Interessant ist, dass sogar ein US-Hersteller eine Konkurrenz über die Galileo-Sattellitennavigation zugunsten eines größeren Marktes begrüßt. Ansonsten besteht eine faktische Abhängigkeit von nur einem System und es fehlen Innovationen.

    Das Fazit bestätigt sich: Obwohl es sich um einen Massenmarkt handelt, ist der enorme Aufwand einer Konkurrenzentwicklung unter den Bedingungen eines dominierten Marktes für private Investoren nicht attraktiv genug. Und es brauchte nur noch die typischen Problemen europäischer Großprojekte, also der dargestellte politische Reibungsverlust und Länderstreitigkeiten, damit das Debakel seinen Verlauf nahm.

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