Mittwoch, 28. Mai 2014

Warum das Gezeter um die Spitzenkandidaten? Es geht um Personen, nicht um Inhalte. Von Michael Wohlgemuth

Das ging schnell: Noch ehe sich die Staats- und Regierungschefs gestern zum Abendessen in Brüssel trafen, waren sich schon die meisten Fraktionsführer des (alten) Europaparlaments einig: Jean-Claude Juncker ist ihr Kandidat für das Spitzenamt des Kommissions-präsidenten. Auch Schulz stimmte dem inzwischen zu: Juncker soll es als erster einmal versuchen, die Mehrheiten im Rat und im Parlament hinter sich zu bringen. Das ist neu: früher haben die Regierungschefs unter sich den Kandidaten ausgeklüngelt und dann dem Parlament vorgeschlagen. Nun nahm sich das Parlament selbstbewusst den ersten Aufschlag. Ein Ass war es noch nicht; aber das Parlament hat nun erst mal den Ball scharf ins andere Lager gespielt.  



Und da, bei den Staats- und Regierungschefs herrschte gestern noch Verblüffung und Uneinigkeit. Nun soll erst mal der Ratspräsident van Rompuy mit Juncker und dem EU-Parlament verhandeln. Im Rat und im Parlament sieht es momentan wohl so aus:
  • David Cameron will keinen von beiden.
  • Innerhalb der EVP-Familie sind die Ungarn (mitsamt Ministerpräsident Orban) und die Italiener von Forza Italia nicht für „ihren“ Spitzenkandidaten (damit fehlten hier etwa 25 Stimmen).
  • Die konservativen Schweden und Niederländer verstecken sich noch hinter Cameron in ihrer möglichen Ablehnung des Spitzenkandidaten.
  • Dafür will aber der österreichische Kanzler (und Sozialdemokrat!) Juncker unterstützen.
  • Sollte es in einer zweiten Runde um Schulz gehen, darf der aber wiederum nicht mit der Unterstützung der „eigenen“ britischen Labour- „Freunde“ nicht rechnen. Zusammen mit fehlenden SPÖ Stimmen sind es auch hier 25 Stimmen aus dem eigenen „Lager“, auf die Schulz nicht rechnen kann.
  • Und schließlich: Noch steht gar nicht fest, welche der alten Parteien bei ihren Fraktionen bleiben und welche neuen hinzukommen.

Das ganze bleibt also verworren. So ist nun einmal die Demokratie in Europa. Viele sagen derweil, es komme am Ende doch nur darauf an, was Angela Merkel will. Das ist sicher ein wenig übertrieben. Und zudem: was will die Kanzlerin wirklich? Gestern sagte sie zu Jean-Claude Juncker: 
"Die EVP hat ihn nominiert. Diese ganze Agenda kann von ihm, aber auch von vielen anderen erledigt werden." 
Das muss den Luxemburger ein wenig getroffen haben. Es trifft aber auch die Sache. Dass sich die inhaltliche Agenda der beiden Top-Spitzenkandidaten Schulz und Juncker nicht wirklich unterscheidet, haben wir ja schon oft genug festgestellt (etwa hier oder hier).

Darum kann auch die SPD gut mit Juncker leben und gleichzeitig darauf hoffen, dass ihnen im Gegenzug ein Sozialdemokrat (warum nicht Schulz?) als deutscher Kommissar angeboten wird. Der deutsche EU-Kommissar Oettinger von der CDU wiederum könnte besonders gut mit Juncker leben, denn dann bliebe für ihn noch die Chance, deutscher Kommissar zu bleiben.  

Und dann geht es ja noch um andere Posten: EU-Ratspräsident, Parlamentspräsident, Außenbeauftragte. Über dieses Personalpaket wird nun verhandelt – hinter verschlossenen Türen, wie gehabt. Der einzige Unterschied ist, dass nun das EU-Parlament die Initiative ergriffen hat und seine Spitzenkandidaten stärker mitverhandeln.

Es ist eingeübtes Ritual, nach Wahlen zu sagen: „es geht uns vor allem um Inhalte; Personalfragen klären wir danach“. Das war schon bei Bundes- und Landtagswahlen nicht anders, besonders wenn es um knifflige Koalitionen ging. Tatsächlich ging es aber nicht zunächst um Inhalte, sondern um Posten. In Brüssel ist das nicht anders, nur noch komplexer. Und es kann es auch gar nicht anders sein. 

War schon die Wahl zwischen Juncker und Schulz nicht eine Wahl zwischen sich politisch unterscheidenden Inhalte (etwa darüber: welche EU wir wollen), kann es auch nach der Wahl nicht um eine inhaltliche Agenda gehen. Es geht zunächst um die Selbstbehauptung von Institutionen (Rat und Parlament) und von Regierungschefs (zumal den nun von EU-Skeptikern zuhause getriebenen) sowie von Amtsinhabern. 

Inhalte machen wir dann später.



1 Kommentar:

  1. The EU is a huge problem and terribly mismanaging it on top of it.
    However it is not the central/basic problem.

    The central problem is that the 'Contrat Social' (the 1762 (if I'm not mistaken) JJ Rousseau (JayJay for his friends) thingy) between electorate and government/rules has been broken in the eyes of likely a majority of the electorate.

    1. Looking at electionresults, first of all clearly a majority doesnot take the EP serious.
    On top of that looking at these results max only between 5 and 20% vote differently on the EU than nationally. Just compare German EOP with general election polls probably doesnot even make the 5%. Clearly looks like the vast majority sees their national MPs as the ones that should (Stress SHOULD) represent them.

    2. The national politicians have however become disconnected with their voters. There is the main problem.
    If people would feel represented at national level, because the EU is still seen by most as something at which they are represented by national parties, very unlikely there would be problems of this size.

    3. Basically Contrat Social is having a sustainable platform on which a government can rule and through which the electorate feels represented.
    This is clearly lacking in basically all countries. This is the basis of the problem.

    4. The issue is caused by a lot of things eg.:
    -simply traditional politics running out of money to keep up with promises.
    -move to the middle (all parties thought it wise to move to the middle (which makes the extremes not properly represented);
    -openly political horsetrading (likelikely here again) and political games;
    -weak often simply incompetent candidates all over the board.
    They seemed to get away with all this as there was no real alternative. Even got away with it so long that they thought that the 'new political normal' was the new real life reality. It wasnot, people voted simply for the least dirty shirt while there were no others available.

    4. If this basic issue is not properly adressed nothing will and can be solved.

    5. The EU as said has big problems. Caused by a combination of failed policies and the fact that these were not properly adressed plus voter influence even less than at national level. Basically all the national problems are magnified in the EU.

    6. But at the end of the day the EUs probelms can not be solved by itself. It can improve a lot, but as long as at national level things are structurally wrong, the EU will most likely remain under fire. Sometimes more (like now) sometimes less (when the major problems of the day are more national). But overall with the trend increasingly disconncted with the EU citizens and therefor increasingly more problems.

    7. Especially seen the fact that the EU cannot realistically solve its lack of de facto legitimacy by itself. It needs approval from 28 nations. In which at least half of them the national government would commit political harakiri if they would support even something remotely close to making the EP a real parliament. Not going to happen that way.

    8. Challenge for the EU is to find a way basically to fly under the (popular) radar until the problems at national level are properly adressed/solved. Which will take a lot of time likely.
    Hard to see how otherwise the EU can survive this legitimacy crisis.

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