Mittwoch, 2. April 2014

Ein normales Unternehmen? Das deutsch-französische Verhältnis in der Airbus Group (Teil 3/4). Von Christian Dominik Heinz

Der zweite Teil behandelte die Diskriminierung der Deutschen unter der schrittweise zunehmenden französischen Dominanz im Airbus-Konzern. Der verursachten Schwächung des Technologiestandortes Deutschland durch die politisch und wirtschaftlich verstrickte Elitenherrschaft in Frankreich wurde bislang nichts wirkungsvoll entgegengesetzt.

Die zuletzt rasante Veränderung von EADS zur Airbus Group ist nur schwer verständlich - vielleicht sogar suspekt. Erst wurde 2010 der eigene Markennamen "Cassidian" für die Verteidigungssparte eingeführt und dann doch später wieder unter der Muttergesellschaft Airbus Group als "Airbus Defence and Space" subsumiert. Also war die Absicht, einen eigenen Markenkern zu formen, doch nicht richtig oder man bezweckte hinter vorgehaltener Hand etwas anderes. Das lässt Verschwörungstheorien aufkeimen, vor allem wenn in allen Ländern außer in Deutschland die Legal Entity "Cassidian" (die designierte Rechtsform zusätzlich zum Branding) eingeführt werden konnte. Die Frage ist, wer das warum verhindert hat? Cassidian sollte womöglich abgespalten und eigenständig werden, um noch ein letztes Stück vor der französischen Dominanz zu bewahren. Einen kleineren Teil des Konzerns mit den meisten Mitarbeitern in Deutschland in dieser Division im Gegensatz zur Mutter, hätte man vielleicht noch kontrollieren können.


Irgendetwas kann insgesamt nicht stimmen, wenn der Staatseinfluss zurückgedrängt werden sollte und gleichzeitig Streitigkeiten über Subventionen und neue direkte Staatsbeteiligungen Deutschlands, Frankreichs und womöglich Polens an die Öffentlichkeit dringen. Alles nur Taktik, mit einhellig begrüßten Appellen zur Normalisierung die Politik austricksen, oder versucht hier ein zunehmend stärkerer Staat umgekehrt seine Bürger zu blenden, um seine neue Macht zu legitimieren? Beide Seiten sind sich also über die kommunizierte Botschaft zur Normalisierung einig, während sie sich gleichzeitig hinten herum durch Standortschließung und Subventionskürzung wechselseitig überrumpeln. Das sollte alarmieren. 

Ferner wird der Verkauf der Beteiligung der Airbus Group an Dassault von der französischen Regierung untersagt, obwohl sie keine Synergien ergibt. Das kann kein normales Unternehmen sein, wenn eine strategisch mehr als umstrittene Beteiligung am Konkurrenten politisch bestimmt wird. Ein Verkauf der Beteiligung an Dassault ist ohne Absprache mit Frankreich aufgrund von Vorkaufsrechten nicht möglich. Ganze Standorte wurden wie im Rahmen des Sparprogrammes "Power 8" im Jahr 2007 verkauft oder geschlossen wie gegenwärtig in Unterschleißheim. Die enormen finanziellen Belastungen und Herausforderungen von Neuentwicklungen wie dem A380,  A400M oder A350 (ein hoher Verlust 2007) machen diese Ausrichtung auf hohe Kapitaleffizienz nötig. Aber die Anteile an Dassault müssen trotz allem weiter gehalten werden? Die deutsche Politik streut Sand in die Augen, damit sie die Entlassung von fast 7000 Mitarbeitern nicht rechtfertigen muß.

Für Frankreich ist das Motiv eindeutig, neben der eigenen Rüstungsindustrie auch die Konkurrenz in Deutschland über das Gemeinschaftsunternehmen Airbus Group kontrollieren zu wollen. Deswegen war mit Deutschland auch Frankreich gegen die Fusion mit BAE im Jahr 2012, weil das eine stärkere Konkurrenz zur eigenen nationalen Industrie gebildet hätte. So konnte Frankreich diese für Airbus begrüßenswerte Entwicklung verhindern und seinen politischen Einfluss schützen. Es bleibt für Airbus auf diesem Sektor nur noch die Sanierung übrig, da das Geschäft im Heimatmarkt erlahmt und er für den Weltmarkt ein noch ungenügendes Standing hat. Unter solch schwierigen Voraussetzungen stellt sich doch die Frage, ob der Bereich Defence nicht deswegen verschlankt wird, um ihn zu verkaufen. Die Neuausrichtung des Konzerns auf die zivile Luftfahrt bestätigt diesen Verdacht.


Damit hätte Deutschland in Zeiten eines neu aufkeimenden Kalten Krieges seinen Verteidigungsbereich in der Industrie mitsamt seinen Aspekten für die Sicherheitspolitik größtenteils aufgegebenen. Für Deutschland ist anders als bei seinen Partnerländern Sicherheitspolitik nicht Teil der Außenpolitik und Außenpolitik vornehmlich Wirtschaftspolitik. Deutschland beschreitet damit einen „Sonderweg“ und gerät für andere zum Hemmnis einer gemeinsamen Außen- und vor allem Sicherheitspolitik in Europa.

In den Krisen, der Eurokrise sowie der jetzigen Krim-Krise, zeigt sich, wie unvollendet und provisorisch das politische Europa noch ist. In vielen Bereichen herrscht „zu viel Europa“ (z.B. EU-Agrar- und Regionalpolitik, Überregulierung vieler Branchen), in anderen wäre „mehr Europa“ ökonomisch und politisch sinnvoll (z.B. Außen- und Sicherheitspolitik, fiskalische Stabilität und offene Märkte für Dienstleistungen). Würde man das strategische Potential europäischer Integration gezielter ausschöpfen, dann könnte man diesen Krisen auch besser begegnen. Aber scheinbar hat man weder in Berlin noch in Brüssel ein hinreichendes Interesse daran.

Jetzt wird erst im ganzen Ausmaß ersichtlich, wie fragmentiert und heterogen Europa auf diesen strategischen Feldern ist. Die Mängel treten nach all den Jahren des politischen Einigungsprozesses immer offener und ausgeprägter hervor. Jetzt erst sind auch die Auswirkungen der unterschiedlichen Wirtschafts- und Fiskalpolitik deutlich erkennbar. Wie hier am Beispiel der Airbus Group erkennbar, sind Wirtschaftsraum und industriepolitische Interessen alles andere als deckungsgleich. Vielmehr hat jedes Land seine eigene Wirtschaftsordnung, wie Deutschland und Frankreich; und wenn sie aufeinander treffen, reagieren sie antagoistisch aufeinander

Dass alle deutsch-französischen Unterschiede in Wirtschaftsstil und Wirtschaftsordnung  bei Airbus so deutlich zutage traten, liegt wohl auch an steuerlichen Wettbewerbsnachteilen in Deutschland. In Frankreich gibt es im Gegensatz zu Deutschland Steuervorteile für Forschungsaufwendungen. Für deutsche Manager entsteht aufgrund dessen vielleicht der Eindruck, dass französische Manager hier „mehr drehen können“. Anders kann der laxe und provokant vorgehaltene Zugriff auf Gelder für Neuentwicklungen von französischen Managern bei Airbus kaum geklärt werden. Vonseiten der deutschen Politik bedarf es der Aufklärung über die gesamten Unstimmigkeiten.

Insgesamt ist die Situation also sonderbar und am Ende für alle nachteilig. Was hat sich die Bundesregierung wohl dabei gedacht? Die Entwicklung lässt auf keinen Plan schließen, oder ist besser gesagt abseits jeglicher Strategie bezüglich deutscher Interessen. Gerade erst wurde mit mehreren Milliarden Steuergeldern eine direkte Beteiligung Deutschlands eingegangen. Letztendlich stützt also der Bundeshaushalt  einen Großkonzern mit erheblichen Interessenkonflikten und einer unsozial diskriminierend handelnden Unternehmensführung. Schuld daran ist aber nicht nur das Unternehmen selbst, sondern die Verwicklung mit der Politik. Das ist das Paradoxe daran. Letztlich hat die deutsche Kultur der Zurückhaltung irrtümlich die Fehlentwicklung eingeläutet, die verhinderte, dass sich eine gesunde Machtbalance durch Chancengerechtigkeit von selbst hätte ausbilden können. Man hat sich somit gegen die eigenen Prinzipien  einem französischem Protektionismus ausgeliefert.

Wenn schon mit Steuergeldern um politische ProgrammeSubventionen und Staatsbeteiligungen gefeilscht wird und die Standorte und Managerposten nach politischer Gutsherrenart aufgeteilt werden, dann sollte damit auch eine größere soziale Verpflichtung als bei gewöhnlichen Unternehmen einhergehen. Dann ist mehr eben auch längst kein normales Unternehmen mehr! Was haben sich die deutschen Politiker bei alldem gedacht? Mit hybriden Staatsunternehmen wie der deutschen Bahn hat man ja bereits seine leidvollen Erfahrungen gemacht. Bei Airbus hat man das Modell eines durch Größen- und Verbundvorteile („economies of scale and scope“) kosteneffizienten, starken, wettbewerbsfähigen Unternehmens nicht  wirklich umsetzen können. Nun haben wir es mit einem Staatsunternehmen zu tun, in dem der CEO eher Politiker als ein Unternehmer ist. Genauer: Das Unternehmen droht sich zu einem französisch gelenkten Beamtenapparat mit einem deutschen CEO in Gestalt eines französischen „planificateurs“ zu werden. Das gegenwärtige „staatsmonopolkapitistische“ Zwitterwesen ist aber eine Täuschung der Öffentlichkeit. In jedem Fall ist diese unfreiwillige Entwicklung nicht zeitgemäß. 

1 Kommentar:

  1. Die Kritik an der Beteiligung von Airbus Group an Dassault hatte ihre Relevanz! Airbus versucht jetzt den Verkauf:

    http://www.flugrevue.de/zivilluftfahrt/flugzeuge/luftfahrtkonzern-prueft-portfolio-bereinigung/584738

    AntwortenLöschen