Montag, 7. April 2014

Die politische Weitsicht Otto von Habsburgs und die Krise in der Ukraine. Von Prinz Michael von Liechtenstein

Otto von Habsburg (1912 - 2011) – der Sohn des letzten Kaisers Österreich-Ungarns – darf als ein Mann beschrieben werden, der seiner Zeit voraus war. Dies galt sowohl für seine Gedanken über die europäische Einheit als auch für sein Bemühen, die Welt vor der potenziell schleichendenden Vereinnahmung der ehemaligen Sowjet-Staaten durch Russland zu warnen. In Erzherzog Ottos letztem veröffentlichten Buch aus dem Jahr 2006 warnte er davor, dass der russische Imperialismus erneut eine Eroberung der Ukraine anstreben könnte, um sie Russland einzuverleiben und sie als Plattform für weitere umfassendere Operationen in Europa zu benutzen. Aus diesem Grund hatte Erzherzog Otto auf die Integration der Ukraine in die Europäische Union gedrängt.


(c) ottovonhabsburg.org

Erzherzog Otto von Habsburg, geboren 1912, war der älteste Sohn von Karl, dem Kaiser von Österreich und König von Ungarn, und der Thronfolger der österreichisch-ungarischen Monarchie. Gejagt mittels eines „Gesucht!“-Plakats der deutschen Nazi-Partei, opponierte er gegen die Annexion Österreichs durch Hitlers Reich und er warnte die Westmächte vor dem Münchner Abkommen von 1938, das Teile der Tschechoslowakei in das Staatsgebiet Deutschlands eingliederte.

Otto von Habsburg kämpfte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in seiner Rolle als Autor, Redner und politischer Berater für die Einigung Europas. 20 Jahre lang vertrat er die Geschicke Bayerns als eines der prominentesten Mitglieder des Europäischen Parlaments. Erzherzog Otto war ein großes politisches Talent mit hervorragenden Kenntnissen und einem exzellenten Verständnis von politischen Situationen und Entwicklungen. Seine Analysen sind von beständigem Wert und unabhängig vom Zeitgeist. Obwohl er stets offen für Neues war und die unterschiedlichsten Meinungen gelten ließ, gab er nie seine eigenen Ansichten preis. Dieser Umstand ist es, der seinen Schriften zeitlosen Wert verleiht.

Im folgenden Auszug aus seinem letzten Buch dokumentieren wir eine Schrift, die er im Jahr 2004 über die Ukraine verfasste. Liest man sie vor dem Hintergrund des derzeitigen Dramas in der Ukraine, lässt sich hieraus ableiten:


  • Hätten die europäische Politik und ihre Politiker seine Ansichten geteilt, wäre die aktuelle Tragödie in der Ukraine zu vermeiden gewesen.
  • Eine zeitlose, umfassende, unideologische und unvoreingenommene politische Analyse, die auf fundierten Kenntnissen der Geographie, der Geschichte, des Handels und des menschlichen Verhaltens basiert, ermöglicht weise Entscheidungen und politische Prognosen.
Erzherzog Otto war ein sehr moderner Mensch, und weil er die Vergangenheit und die Gegenwart verstand, hatte er stets die Zukunft im Blick und wurde nicht zu einer Geisel des Zeitgeists. Er arbeitete hart und ein Großteil seines Werkes befasste sich mit der Rolle Mitteleuropas in der Europäischen Union.

Diese Schrift wurde gemeinsam mit anderen Arbeiten des Erzherzogs Otto im Jahr 2006 unter dem Titel „Unsere Welt ist klein geworden. Die Globalisierung der Politik“ im Amalthea Signum Verlag (Wien) veröffentlicht.

"Ein prominenter Politiker Mittel- und Osteuropas hat schon vor einiger Zeit mit Recht die Bemerkung gemacht, dass, solange es russische Truppen auf der einen Seite in Königsberg, auf der anderen in Tiraspol gebe, man dem friedlichen Willen des Kreml nicht glauben dürfe. Alle die jüngsten Ereignisse, insbesondere auch die noch immer nicht wohl öffentlichen, aber stark betriebenen Verhandlungen zwischen Polen, Litauen und Russland, zeigen erneut, wie bedeutend die Weltstrategie gerade in der derzeitigen Politik ist. Hier erfährt man wieder, welche Schwäche leider unsere angeblichen Staatsmänner zeigen, indem sie in den entscheidenden Momenten die Bedeutung der Landkarten, also der Geographie und deren Potential vergessen.
Es gibt eine gerade strategische Linie zwischen Königsberg auf der einen Seite und der Hauptstadt des sogenannten Transnistriens, nämlich Tiraspol, auf der anderen. Beide Städte sind wie die Enden einer Zange, in deren Mitte sich die Ukraine befindet. Wie man vor dem Zweiten Weltkrieg wissen konnte, dass der sogenannte „polnische Korridor“ der wahrscheinliche Punkt sei, an dem sich ein internationaler Krieg entzünden würde, so gilt das heute für die beiden weltstrategisch bedeutenden Städte.
An dieser Überlegung erkennt man die geschichtliche Bedeutung der Ukraine in der Entwicklung unserer Tage. Das Land, das lange Zeit geteilt war, ist am Ende des Zweiten Weltkrieges bei der Schaffung der UNO zumindest auf dem Papier wiederhergestellt worden. Stalin hatte gefordert, dass man die Ukraine als einen Staat anerkenne und ihm damit das Recht gebe, einen Delegierten und eine Stimme in der Weltorganisation zu haben. Es wurde dieser Wunsch des Kreml damals von den Westmächten, vor allem Amerika, angenommen, weil man der übrigens fälschlichen Ansicht war, dass man während des Krieges Verschiedenes versprechen könne, dass man aber bei dem Schluss des Konfliktes allein schon als herrschende Wirtschaftsmacht der Erde wieder alle vergangenen Fehler korrigieren könne. Gleichzeitig allerdings mit der Anerkennung der Ukraine hat Stalin in weiser Voraussicht diesem Lande ein vergiftetes Geschenk gemacht: Es wurde ihm die Krim überantwortet, obwohl dieses Gebiet niemals in der Geschichte zu der Ukraine gehört hatte. Auf der Halbinsel war die Urbevölkerung Tartaren und die Mehrheit damals schon Russen. Es war daher vollkommen klar zu erkennen, dass, wenn die Ukraine ein solches Gebiet erhält, es ihr fortan unmöglich sein würde, eine stabile Demokratie zu werden. Die Einwohner der Krim stimmen nämlich nach vollkommen anderen Kriterien ab, als es die wahren Ukrainer tun. Es war sehr bedauerlich, dass die Ukraine in der Erkenntnis der Bedeutung ihrer Souveränität anlässlich ihrer Befreiung vom russischen Joch die Krim nicht wieder freigegeben hat, wobei dann allerdings die Frage entstanden wäre, ob sie als ein Tartarenstaat oder als ein Anhängsel Russlands betrachtet würde. Auf alle Fälle hätte diese Geste zur Folge gehabt, dass man in der Ukraine eine berechenbare Mehrheit gehabt hätte. Es hätte zwar russische Minderheiten gegeben, diese hätten aber keineswegs jenen Einfluss gehabt, den sie erhalten haben, nachdem die Krim zu der Ukraine geschlagen wurde.
Die Ukraine ist ein legitimer Staat. Sie hat eine ausgezeichnete ukrainische Bevölkerung. Ihre größten Schwächen sind zwei Tatsachen: auf der einen Seite der Einfluss von Elementen, die nicht ukrainisch sind; auf der anderen die Schwierigkeit, die Wirtschaft aufzubauen. Historisch waren die Berufe der Ukrainer Soldaten, Beamte, Bauern, während die Wirtschaft vornehmlich in Händen der Juden lag. Im Laufe des Zweiten Weltkrieges und der hitlerischen Verbrechen wurden letztere praktisch ausgerottet. Ein Teil konnte noch nach Israel flüchten, der andere Teil wurde umgebracht. Es hat damit seit Ende des Zweiten Weltkrieges jenes Element im Land gefehlt, das notwendig gewesen wäre, um ihm eine unabhängige gesunde Wirtschaft zu geben.
All das zeigt, dass in der Zeit von Stalin bis Putin der russische Imperialismus immer wieder sich als Ziel gesetzt hat, die Ukraine erneut zu erobern, Russland einzuverleiben und als Ausgangspunkt für weitere große Operationen gegenüber Polen beziehungsweise den anderen Teilen Europas zu nutzen. So gesehen, ist nämlich die Ukraine tatsächlich eine der Schlüsselstellungen Europas – daher auch die Notwendigkeit, sie möglichst bald in die Union zu integrieren.
Dass dies bisher noch nicht ernstlich in Angriff genommen wurde, ist eines der Elemente, die man als durchaus gefährlich für die Zukunft betrachten muss. Das kann heute noch korrigiert werden, wenn man endlich bereit wäre zu erkennen, dass man eine europäische Politik zu machen hat und nicht eine Politik, die sich danach richtet, ob man „ja“ oder „nein“ im Kreml gut aufgenommen wird. Man müsste aber auch verstehen, dass vom kulturellen, historischen und geistigen Standpunkt die Ukraine ein integrierender Teil Europas ist. Man braucht z.B. nur die deutschsprachige Literatur herzunehmen, insbesondere Ende des XIX. und Anfang des XX. Jahrhunderts, um zu erkennen, dass der Geist Europas gerade auf diesem Gebiet blühend war. Ostgalizien wie die Bukowina sind Länder, die ein Motor der europäischen Kultur und Literatur waren. Das hat für die Ukraine ein Recht auf Europa erworben, das gleichzeitig eine politisch-sicherheitspolitische Bedeutung hat. Sollte man dieses nicht achten, würde sich ein solcher historischer Fehler tragisch rächen."

Dieser Beitrag erscheint mit freundlicher Genehmigung des Autors; er erschien am 2.4.2014 beim Geopolitical Information Service

S.D. Prinz Michael von Liechtenstein ist Gründer und Vorsitzender von Geopolitical Information Service AG sowie Präsident des Think Tanks ECAEF, European Center of Austrian Economics Foundation, mit Sitz in Vaduz. Prinz Michael ist Mitglied des Kuratoriums von Open Europe Berlin.

1 Kommentar:

  1. It was never and isnot in the national interest of countries like Germany to make a country like the Ukraine an EU and/or NATO member.
    National interest of Germany is to have good stable relations with Russia as it main energy supplier and have a stable Ukraine (as a major transit country for energy). And that is about that.

    This comedy of errors have done the opposite and on top of that cost an awful lot of money.
    Russia is looking East now for its gas, oil etc. It might retaliate in the Iran dossier (and create a mess in the process thereof in the other main energy suplyingh region). And Europe effectively doesnot have proper alternatives. And all there are, cost a lot extra anyway.
    Might cause increased military spending. From cuts where?
    It is not hard to see that the price-rise for the Ukraine might jeopardize the transit of gas to Europe ( as it did last time).

    On top of that this operation is a PR disaster. Too much dirty laundry has got to the surface.

    Integrating the Ukraine in anyway is highly unpopular in the countries that feed the EU bill. And as history shows the longer it takes and the more money it costs the more unpopular it will get. While approval rates are tanking already.

    Putin is of course hardly a nice guy. Bit he is the outsider here. Here we should be looking at what it done from the EU (and German side). And it is hard to see anything positive here. NATO moving East, Russian minorities ignored, all kind of overobvious and badly hidden dirty tricks, supporting largely the wrong people. How could anybody think this would work? And how could anybody think Putin would not act?

    On this analysis in particular. Very poor indeed. One thing that is completely missing is a critical analysis of the own position. Which is completely absent. You never come on top in a strategic game when you havenot got a clue what is happening on your side (especially the mistakes).

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