Donnerstag, 31. Oktober 2013

„Europa – EU – Euro“ – der Open Europe Berlin Fragebogen. Antworten von Otmar Issing

Was bedeutet für Sie „Europa“? Können Sie dies kurz umschreiben?
Nach den furchtbaren Kriegen und Diktaturen der Vergangenheit bedeutet „Europa“ für mich: Kontinent des Friedens und der Freiheit. Freiheit zu reisen, insbesondere  für die jungen Leute zu lernen, zu studieren und Freunde zu gewinnen jenseits der nationalen Grenzen. Der einheitliche Markt, ein Markt ohne Barrieren für mehr als 500 Millionen Menschen, ist die wirtschaftliche Seite, die Voraussetzung für Wohlstand und Beschäftigung.

Was bedeutet für Sie die Europäische Union? Können Sie dies kurz umschreiben?
Die Europäische Union verkörpert den institutionellen Rahmen für die Erhaltung und Entwicklung der  eben genannten Errungenschaften. Sie kann den Erwartungen nur gerecht werden, wenn sie der Tendenz zur Zentralisierung und Bürokratisierung widersteht.

Was bedeutet für Sie der Euro, die gemeinsame Währung? Können Sie dies kurz umschreiben?
Der Euro ist das Versprechen einer stabilen Währung für die Bürger des Euroraumes. Dieses Versprechen hat die Europäische Zentralbank mit ihrer der Preisstabilität verpflichteten Politik in den ersten 14 Jahren erfüllt. Die Wirtschaftspolitik in vielen Ländern ist allerdings noch weit davon entfernt, die für eine dauerhafte Stabilität des Euro und des Währungsgebietes notwendigen Voraussetzungen zu gewährleisten.

„Scheitert der Euro, dann scheitert Europa!“ Inwiefern halten Sie diese Aussage für richtig, inwiefern für falsch?
Europa ist mehr als der Euro, mehr als Währung und Wirtschaft. Ein Scheitern des Euro, das ich nicht für wahrscheinlich halte, würde allerdings zu erheblichen wirtschaftlichen und politischen Turbulenzen führen und die europäische Integration weit zurückwerfen.

„Mehr Europa“ – welche EU? In welchen Politikbereichen sollte die Europäische Union (a) mehr tun; (b) Dinge anders machen und (c) weniger tun?
„Mehr Europa“ halte ich für ein Motto, dem es an konkretem Inhalt mangelt und das leicht zu einer fehlgeleiteten Zentralisierung Anlass geben kann. Will die EU ihrem Anspruch auf eine führende Rolle Europas in der Welt gerecht werden muss sie
  1. die ökonomischen Voraussetzungen für Wachstum und Beschäftigung  schaffen,
  2. die einzelnen Mitgliedstaaten in die Verantwortung für die erforderlichen Reformen nehmen,
  3. dem Subsidiaritätsprinzip Rechnung tragen und Kompetenzen nicht immer weiter auf die europäische Ebene verlagern.



Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Otmar Issing ist ehemaliger Chefvolkswirt und ehemaliges Direktoriumsmitglied der EZB.
Zum Thema „Mehr Europa – welches Europa?", s.a. den Vortrag zur Eröffnung von Open Europe Berlin und den Interviewband „Wie wir den Euro retten und Europa stärken“.

Freitag, 25. Oktober 2013

This is a big deal: the EU, Canada, and their new Free Trade Agreement. By Emma Tunney

After months of negotiations the Canadian government and the European Union have arrived at the basis for the free trade agreement. This agreement will remove 99% of all tariffs, opening Europe to Canada and vice versa to an unprecedented level. With the groundwork laid, details of the Comprehensive Economic and Trade Agreement (CETA) can now be ironed out.

Perhaps unbeknownst to people on both sides of the Atlantic, Canada is among the most important economic partners of Europe, and in 2012 was its 12th most important trade partner (in 2011 the EU was Canada’s second most important partner) (EU Commission Press Release). Between trade and investment huge capital flow exists between the two: “In 2011, the EU’s investment stock in Canada was around €220 billion while Canadian investment in the EU amounted to almost €140 billion” (EU Commission Press Release). We are not talking chump change. So if trade is already good, why free trade? The answer from both the EU and Canadian government is clear. With this agreement both Canada and the EU secure opportunities for growth, prosperity, and development, and it’s not just talk, the numbers are there.

When the agreement comes into force the expected rise in “two-way bilateral trade in goods and services” is “23% or €26 billion” (EU Commission Press Release). Europe alone stands to see its “annual GDP [increase] by approximately €12 billion a year” (EU Commission Press Release). Terms of the agreement will also allow European companies to bid on larger projects at the provincial and municipal level in Canada. Canadian media has focused largely on the benefits that Canadian business and consumers alike will enjoy. Cheaper wine and cars, more meat sold on the European market, more of Europe’s cheese, and more investment for research and development of new pharmaceuticals.  


Prime Minister Stephen Harper echoes this positivity, “This is a big deal; this is the biggest deal Canada has ever made. Indeed, it is a historical achievement” (Harper, Quoted by CBC news). Harper’s excitement is matched by Commission President Jose Manual Barroso, who sees this agreement as the doorway to economic growth, but also as a signal that the tide in Europe is turning:  "With this agreement we are also sending an important and positive signal around the world: to markets, to businesses, our trading partners and of course the millions of people across Europe, but also, I believe, across Canada, that are looking for growth and in Europe especially, for a renewed economic drive” (Barroso, Quoted by CBC News). 

Naturally there are concerns on both sides and some industries are making familiar protectionist claims. Canadian dairy farmers are concerned about losses, particularly smaller producers. Meat farmers may be required to change the production process, as hormone free products are a must for Europe, ultimately influencing the cost of production. Similar fears exist on the European side. Furthermore, skepticism would suggest that the gains made through the free trade agreement are exaggerated at best and untrue at worst. In online discussions (Comments, CBC article) the results of NAFTA are called forth as if offering unequivocal proof that free trade agreements are not to be trusted. In spite of skepticism, comprehensive free trade agreements are becoming the rule rather than the exception, and will continue to be an important part of global business.

With talks already underway between Europe and the United States to develop a Transatlantic Trade and Investment Partnership (TTIP), Canada certainly cannot afford to take a back seat and miss the chance to develop their own trade agreement with Europe. Certainly no one can know exactly how CETA will affect each producer nor down to the cent how markets will change, but the available projections are reason enough to be optimistic. Rather than fretting one should consider the broader perspective: CETA will change the way Europe and Canada do business together, allowing more growth and opportunity. In times of economic uncertainty creating room for investment, job creation, and growth is not only advisable, but also wise. 

Emma Tunney is a Bachelor of Arts Honors, Political Science and German of the University of Alberta (Canada) and an intern at Open Europe Berlin as part of the „Berlin Initiative“ supported by the Canadian Embassy.

Donnerstag, 24. Oktober 2013

Stoiber fordert „neues Denken in Europa“ – und begrüßt Camerons Initiative. Von Michael Wohlgemuth

Wir haben uns ja schon vor einer Weile gefragt: „Was macht eigentlich Edmund Stoiber in Brüssel“?  - und wurden fündig: Seine High Level Group onAdministrative Burdens“  dient dem Ziel, die Verwaltungslasten insbesondere für kleine und mittelgroße Unternehmen in der EU um 25% zu senken. Ein nobles Ziel. Und eigentlich auch ein zentrales Thema beim heutigen EU-Gipfel. Und vor allem ein Ziel von David Cameron, der dringend darauf angewiesen ist, vor dem angekündigten Referendum über den Verbleib Großbritanniens die EU-Skeptiker zu beruhigen  . Dem dient eine ausführliche Studie, die von der britischen Regierung in Auftrag gegeben wurde:

Und dies ist die bemerkenswerte Reaktion von Edmund Stoiber im ganzen Wortlaut, die Open Europe vorliegt:



Stellungnahme von Dr. Edmund Stoiber zum Bericht der Wirtschafts-Task-Force für PM Cameron
"Als Vorsitzender der High Level Group zum Bürokratieabbau begrüße ich die Initiative Großbritanniens ausdrücklich. Wenn drei Viertel der EU-Bürger die Europäische Union für ein bürokratisches Monster halten, dann besteht dringender Handlungsbedarf. Die EU-Kommission hat dies jetzt erkannt und will wesentlich weniger Vorschriften erlassen und vor allem wesentlich weniger detailliert. Für die EU-Kommission wird die Subsidiarität einen deutlich höheren Stellenwert haben und hier ist auch eine Gemeinsamkeit mit den Vorschlägen des „Cameron-Berichts“. Der Cameron-Bericht ist ein außergewöhnlicher Impuls für ein neues Denken in Europa aus einem Mitgliedstaat heraus. Ich wünschte mir, dass sich der Europäische Rat intensiv damit beschäftigt, aus dessen Mitte bisher außer generellen Beschlüssen und Appellen nur wenig konkrete Impulse zum Bürokratieabbau gekommen sind. David Cameron macht zum Teil revolutionäre Vorschläge der Deregulierung, indem er auch europäische Regelungen und Standards abschaffen will, was sicher zu heftigen Diskussionen führen wird. Sie werden das neue Denken in Europa beschleunigen: Europa muss bürgernäher werden und weniger bürokratisch. Nicht jedes Problem in Europa ist ein Problem für Europa. Die richtige Balance zwischen einem einheitlichen Binnenmarkt einerseits und dem Grundsatz der Subsidiarität andererseits muss dringend wieder hergestellt werden. Das ist die Zukunft der EU und das verbindende Element zwischen dem neuen Denken der EU-Kommission und dem Cameron-Bericht".
Und auch das Zitat ist nicht schlecht: 
 "Die Deutschen sind in ganz vorne bei Klagen über die EU-Bürokratie. Da erwarte ich von der neuen Bundesregierung auch konkrete Vorschläge zum Abbau der Belastung und nicht nur abstrakte Hinweise auf das Subsidiaritätsprinzip."

Mittwoch, 23. Oktober 2013

Vor dem EU-Gipfel: Heiße Luft und heiße Eisen. Von Michael Wohlgemuth

Morgen kommt wieder der Europäische Rat der Staats- und Regierungschefs zusammen. Die Ergebnisse stehen schon weitgehend fest und liegen Open Europe Berlin auch schon vor. Nachzulesen hier. Das ist nichts Ungewöhnliches – jeder gewiefte Schriftführer eines Sportvereins oder Lions-Clubs bereitet das Protokoll einer Sitzung so vor, dass er am Ende nur noch ein paar Lücken ausfüllen muss. Dies ist die Tagesordnung:
  1. Digitale Wirtschaft, Innovation, Dienstleistungen
  2. Wirtschafts- und Sozialpolitik
  3. Wirtschafts- und Währungsunion
  4. Verschiedenes




Grundsätzlich soll es vor allem um „Wettbewerbsfähigkeit“ der EU gehen; und das ist auch gut so. Gleichzeitig wird diese Woche aber an der Wettbewerbsfähigkeit der EU nichts ändern. Konkrete und bedeutsame Entscheidungen stehen nicht an – sie können auch gar nicht getroffen werden. Das liegt nicht zuletzt an Deutschland. Vor der Wahl konnte nichts Bedeutsames beschlossen werden, weil Wahlkampf war; im Wahlkampf selbst kam Europa kaum vor, und bis Weihnachten wird nicht klar sein, auf welche Posten und Positionen sich die neue Koalition einigen kann – und was am Ende die SPD Mitglieder davon halten. In den Koalitionsverhandlungen selbst soll es 12 Arbeitsgruppen geben (u.a. einen für „Kultur“). „Bankenregulierung, Europa, Euro wird in einer UNTERarbeitsgruppe behandelt!

Dennoch lohnt ein Blick auf die „draft conclusions“ des anstehenden Gipfels.

Heiße Luft

Tagesordnungspunkt 1 wird wohl ohne große Diskussion und Änderungen angenommen werden. Die „digitale Agenda“ produziert schon seit Jahren ähnliche Absichtserklärungen und ist Teil der verbosen „Europa 2020“ Strategie. Da geht es um Ziele für den Ausbau von Breitband-Netzwerken, Sicherheitsstandards für Cloud-Computing und digitale Zahlungssysteme, aber auch heikle Fragen wie digitales Copyright und Datenschutz. Hier hat soeben das Europäische Parlament etwas vorgelegt - eine Einigung im Ministerrat wird aber noch einige Zeit brauchen.

Zum Thema „Innovation“ findet sich viel heiße Luft, die zudem ein wenig nach Planwirtschaft riecht. Es soll jährlich über Fortschritte bei der Innovation berichtet werden  und dies anhand eines von der Kommission entwickelten „single Indicator of Innovation Output“. Generationen von Ökonomen stritten darüber, wie Innovation definiert und gemessen werden kann. Was ist neu? Wie neu? Neu für wen?  Nun, die Kommission wird es wissen und messen. Was daraus folgen soll, ist eine andere Frage.

Zum Thema Dienstleistungen sagt das Gipfel-Ergebnis viel Richtiges: die EU-Dienstleistungsrichtlinie soll besser umgesetzt, ungerechtfertigte Zutrittsbarrieren sollen entfernt werden. Hier hätte es auch etwas konkreter sein dürfen. Open Europe Berlin etwa hat hierzu konkrete Vorschläge unterbreitet und gezeigt, welche großen Wachstumspotentiale in einem echten Binnenmarkt für Dienstleistungen liegen würden: hier  und hier. Neu dazu auch die britische Parlamentariergruppe hier.

Bei Tagesordnungspunkt 2 (Wirtschafts- und Sozialpolitik) geht es um eine Bestätigung der Initiativen zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit, die Anfang 2014 „operational“ sein sollen. Die „Jugendgarantie“ -  jedem Jugendlichen in der EU soll spätestens vier  Monate nach Verlassen des Bildungssystems oder eingetretener Arbeitslosigkeit ein Arbeitsplatz, eine Ausbildungs-  beziehungsweise Praktikumsstelle oder eine Bildungsmaßnahme angeboten werden – gehört dabei zur heißesten Luft, die aber geeignet ist, Enttäuschungen und Zynismus zu garantieren (s. hier).

Fitness

Im Untertitel „regulatory fitness“ dagegen finden sich Ankündigungen, denen auch konkrete Taten folgen könnten, wenn die Kommission nur will. Die Staats- und Regierungschefs werden feststellen, dass Regulierungen der EU ein „Maximum an Transparenz und Einfachheit sowie ein Minimum an Kosten“ mit sich bringen sollen (Ziffer 25), dass es darum geht, „besonders für kleine und mittlere Unternehmen die Last der Gesetze zu mindern“ (Ziffer 26) und auch, dass Regulierungsvorhaben, die nicht mehr nötig oder nicht mehr zeitgemäß sind, zurückgezogen werden sollen.  Hier ist in der Tat eine Menge zu tun. Premierminister Cameron wird in Brüssel Druck machen und auf den vor wenigen Tagen veröffentlichten Bericht seiner „businesstaskforce“ verweisen, in dem „red tape“ – unnötige administrative Regulierungskosten ausführlich benannt sind 
Wettbewerbsfähigkeit wird hier wie folgt buchstabiert:

Competitiveness test - Überprüfung der Wettbewerbsfähigkeit
One-in, One-out - jede neue Richtlinie löst eine alte ab
Measure impacts - Messung der Auswirkungen
Proportionate rules - Angemessenheitsregelungen
Exemptions and lighter regimes - Ausnahmen und vereinfachte Regelungen
Target for burden reduction - Zielsetzung für Entlastungen
Evaluate and Enforce - Bewertung und Durchführung

Auch in Deutschland macht vor allem der Mittelstand Druck und fordert „regulatory fitness“ (Großunternehmen denken da anders: für sie sind komplexe und kostspielige Regulierungen, die sie oft genug selbst mitformulieren und mit ihren großen Rechtsabteilungen auch gut bewältigen können durchaus willkommen – als Marktzutrittshemmnisse für kleine und neue Konkurrenten: „raising rivals‘ costs“ …). Die Familienunternehmer dagegen haben auch gerade erst ein beachtenswertes Memorandum veröffentlicht: Europa – es geht auch andersDa geht es auch um mehr Flexibilität, Subsidiarität und Eigenverantwortung. In der Tat: Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit kann auch durch Deregulierung und Wettbewerb gefördert werden. Im Prinzip weiß man das – auch in der Kommission.

Heiße Eisen

Ich erwarte die längste und kontroverseste Diskussion beim dritten Tagesordnungspunkt, konkret beim Thema Bankenunion. Unsere Studie „Der lange Weg zur Bankenunion“  ist zwar schon etliche Monate alt, aber noch immer aktuell. Die wichtigsten Fragen sind noch weitgehend unbeantwortet. „Die Europäer haben ihre Bankenkrise verschleppt“ meint die FAZ in einer lesenswerten Übersicht. Das kann nicht lange so bleiben. Hier geht es um die Zukunft der Eurozone – und um Milliardensummen möglicher bail-out Steuergelder oder bail-in Eigentümer- und Gläubigerhaftung. 

Vor der Wahl und noch in den Sondierungsgesprächen zwischen CDU/CSU und SPD war das kein Thema: es ist wohl zu komplex und schließlich ist ja bis Weihnachten noch immer Wahlkampf – im Hinblick auf den Mitgliederentscheid in der SPD. Es wird aber für den neuen (oder alten) Finanzminister zur Bewährungsprobe. Nur in Stichpunkten die Knackpunkte:

Ziffer 34: Der Europäische Rat wird die beschlossene gemeinsame Bankenaufsicht unter dem Dach der EZB „begrüßen“ (obwohl Ordnungspolitiker das schon allein für bedenklich halten, s. hier  und hier)

Ziffer 35: Anfang 2014 beginnt die EZB dann mit einer Bilanzprüfung („asset quality review) der ca. 130 Großbanken unter ihrer Aufsicht. Dabei geht es um Risiken von Immobilienkrediten; aber auch für deutsche Banken um heikle Positionen wie etwa Schiffskredite und Windkraftparkfinanzierungen. Das soll Transparenz und Vertrauen wiederherstellen. Gute Idee. Nur: was passiert, wenn für viele Bankenbilanzen „transparent“ wird: „on the left there’s nothing right and on the right there’s nothing left“? Oder noch schlimmer: wenn sich Banken als “Zombies” erweisen, die nur durch billigen Kredit (auch vermittels der EZB) künstlich am Leben gehalten werden? Das ganze Dilemma verschärft sich beim danach anstehenden „Stresstest“ – hier steht die Bundesbank ziemlich allein da mit der Einsicht, dass Staatsanleihen schon jetzt und erst recht bei erneutem „Stress“ nicht schlicht als „risikolos“ einzuschätzen sind (und deshalb auch kein Eigenkapital vorzuhalten sei). Die Finanzminister sehen das aus eigenem Interesse anders. Die EZB wird hier zeigen müssen, ob sie wirklich unabhängig ist.

Ziffer 36 / 37: hier geht es jetzt ums Eingemachte. Die beiden anderen Säulen der Bankenunion: ein „gemeinsamer Abwicklungsmechanismus“ für gescheiterte Banken und eine „Harmonisierung von Guthabensicherungen“. All das soll bis zu Jahresende vereinbart werden. Welche Optionen und ökonomische sowie rechtliche Fallstricke diese heikle Frage mit sich bringt, hat gestern im unserem Blog Roland Vaubel ausführlich dargelegt . Hier geht es um die Frage: wer haftet wann für wen? Und: wer entscheidet darüber (Kommission, EZB, ein anderes Gremium)? Wie weit soll das bail-in (Eigentümer, Gläubiger und Einleger über 100 000 € Guthaben) gehen, ehe zum bail-out (nationale Sicherungssysteme, Abwicklungsfonds gefüllt durch Bankenabgaben, ESM) übergegangen wird? Die „bail-in“ Regeln sollen erst von Januar 2018 an gelten; die Bankenabgaben werden erst 2025 ein brauchbaren Volumen des Abwicklungsfonds erreichen. Die faulen Kredite wachsen derweil in Spanien auf Rekordwerte (12,12% aller Kredite). In Italien steigen sie auch (auf 7,3%).

Wenn beim morgigen Gipfel nur heiße Luft produziert wird, die heißen Eisen aber nicht einmal in den Koalitionsverhandlungen in Deutschland angefasst werden sollen, dann hat die Politik die Prioritäten wohl wieder einmal falsch gesetzt. Aber es gibt Hoffnung. Soeben meldet die Süddeutsche Zeitung, Kanzlerin Merkel habe einen Plan. Der ist zwar auch nicht neu (Begrenzung der Aufsicht auf ca. 130 Banken, Vorrang für „bail-in“ und parlamentarische Zustimmung ehe Steuergelder fließen). Aber er ist eine Grundlage. Nächste Woche wissen wir (vielleicht) mehr.

Dienstag, 22. Oktober 2013

Der Streit um die Abwicklung der Banken: Perspektiven nach der Wahl. Von Roland Vaubel

Nachdem Schäuble, Brüderle und die großen Banken- und Wirtschaftsverbände die bürgerliche Mehrheit im Bundestag verspielt haben und Verhandlungen über eine Große Koalition begonnen haben, könnte die europäische "Bankenunion" auch in der Frage der Bankenabwicklung auf ein falsches Gleis geraten [1]. Die nachfolgende Übersicht zeigt die Optionen für ein europäisches Restrukturierungs- und Abwicklungsregime:



A)    ohne gegenseitige/
gemeinsame Finanzierung
B)     mit gegenseitiger/
gemeinsamer Finanzierung
1.      Einheitliche Regeln für die nationalen Behörden
Abwicklungsrichtlinie der EU (im Juni 2013 vom Rat angenommen)
Richtlinienvorschlag der Kommission vom Juni 2012
2.     Europäisches Netzwerk der nationalen Behörden
Schäuble
Große Koalition I
3. Gemeinsame Abwicklungsexekutive
Große Koalition II
Kommissionsvorschlag einer Abwicklungsver-ordnung (Juli 2013), EZB, SPD, Deutsche Bank

Während Schäuble für ein "Netzwerk" der nationalen Abwicklungsbehörden der Eurozone eingetreten war, fordert die SPD eine gemeinsame Abwicklungsexekutive der Eurozone mit dem von der Kommission vorgeschlagenen gemeinsamen Abwicklungsfonds. Anders als die Kommission lehnt die SPD jedoch eine direkte Rekapitalisierung der Banken aus Mitteln des Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) ab. Nach ihren Vorstellungen soll der Abwicklungsfonds allmählich durch Beiträge der Banken und schon sehr bald über eine Finanztransaktionssteuer aufgefüllt werden. Eine gemeinsame Finanzierung der Abwicklung wird auch von der Deutschen Bank befürwortet – allerdings über den ESM, d.h., über Bürgschaften der Steuerzahler.

Die obige Übersicht zeigt den Spielraum für Kompromisse zwischen Union und SPD. Die Große Koalition könnte entweder ein Netzwerk der nationalen Behörden mit gegenseitiger Finanzierung (d.h. Option 2.B.) oder eine gemeinsame Abwicklungsexekutive ohne gemeinsame Finanzierung (Option 3.A.) vereinbaren. Da die Bundesregierung bereits der Finanztransaktionssteuer und in begrenztem Umfang der direkten Rekapitalisierung aus Mitteln des ESM zugestimmt hat, ist Option 2.B. m.E. die wahrscheinlichere Lösung. Sie ist aber auch die gefährlichere, denn sie setzt falsche Anreize.

Soweit die Probleme der Banken durch eine falsche Wirtschaftspolitik bedingt sind, ist dafür eher die nationale als die europäische Wirtschaftspolitik verantwortlich. Die exzessive Förderung des Immobiliensektors in Spanien, Portugal, Zypern und Irland zum Beispiel war Teil der nationalen Wirtschaftspolitik. Die Krisenanfälligkeit der Banken ist daher von Land zu Land sehr verschieden. Das war in der Vergangenheit so, und es wird auch in Zukunft so sein.
© Bundesministerium der Finanzen, Foto: Ilja C. Hendel
Die EZB soll die Altlasten identifizieren, aber das ist nur zu einem geringen Teil möglich, denn die Verluste sind versteckt. Zumeist handelt es sich um Kredite, die verlängert worden sind, um Abschreibungen zu vermeiden. Wie soll die EZB diese faulen Kredite entdecken? Außerdem hat – wie die letzten 2 ½ Jahre gezeigt haben – im EZB-Rat eine Mehrheit überschuldeter Staaten das Sagen, die systematisch die Kollektivierung der Risiken betreibt und daher an einer korrekten Identifizierung der Altlasten kaum interessiert ist. Schließlich sieht die Übereinkunft der Euro-Finanzminister vom 20.06.13 ja bereits vor, dass die Altlasten "von Fall zu Fall" einstimmig vom ESM übernommen werden können. Wenn sich die SPD in den Koalitionsverhandlungen durchsetzt, wird jedoch nicht der ESM, sondern ein neuer europäischer Restrukturierungs- und Abwicklungsfonds für die Altlasten aufkommen.

Wenn sich die Große Koalition dagegen auf Option 3.A. einigt, liegen die Informations- und Anreizprobleme etwas anders. Zum einen kann eine europäische Institution weniger gut beurteilen, was zu tun ist, als eine dezentrale, die die Verhältnisse vor Ort besser kennt. Zum anderen betreffen die Probleme der einzelnen Banken den einzelnen Mitgliedstaat stärker als die gesamte Eurozone. Deshalb hat der Mitgliedstaat einen stärkeren Anreiz, das Richtige zu tun, als eine Euro-Behörde. Im Falle grenzüberschreitender Banken (wie Dexia und Fortis) ist bilaterale oder trilaterale Koordination der nationalen Behörden meist effektiver, als wenn sich die gesamte Eurozone einmischt.

Macht die Übertragung der Bankenaufsicht auf die EZB ein gemeinsames Abwicklungsregime notwendig? Wenn Aufsicht und Abwicklung in einer Hand oder zumindest beide auf der Ebene der Eurozone angesiedelt sind, scheut der Aufseher eher vor der notwendigen Schließung zurück, als wenn andere Institutionen die unangenehme und kostspielige Aufgabe der Abwicklung lösen müssen. Auch der European Banking Authority (EBA) wurde die Befugnis übertragen, Banken zu schließen, ohne dass eine EU-weite Abwicklungsbehörde eingerichtet worden wäre.

Weder für Option 2.B. noch für Option 3.A. gibt es in den europäischen Verträgen eine hinreichende Rechtsgrundlage. Die Kommission schlägt Art. 114 AEUV vor, und der Juristische Dienst des Rates ist ebenfalls zu Diensten. Art. 114 bezieht sich jedoch auf die EU, nicht die Eurozone, und selbst auf EU-Ebene könnte er nicht die Gründung einer Behörde legitimieren, die umfangreiche Ermessensspielräume hat. Der Gerichtshof hat in seiner Rechtsprechung zu Art. 114 nur die Errichtung ausführender Behörden erlaubt. Aber der Wortlaut von Art. 114 ist noch viel restriktiver als Kommission, Rat und Gerichtshof wahr haben wollen. Art. 114 gilt nur für "Maßnahmen zur Angleichung der Rechts- und Verwaltungsvorschriften der Mitgliedstaaten, welche die Errichtung und das Funktionieren des Binnenmarktes zum Gegenstand haben". Was die Definition des Binnenmarktziels angeht, verweist Art. 114 explizit auf Art. 26 und 27 AEUV. Danach umfasst der Binnenmarkt "einen Raum ohne Binnengrenzen, in dem der freie Verkehr von Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital gemäß den Bestimmungen der Verträge gewährleistet ist". Sowohl unterschiedliche nationale Restrukturierungs- und Abwicklungsvorschriften als auch nationale Restrukturierungs- und Abwicklungsfonds sind mit dem freien Verkehr von Dienstleistungen und Kapital vollkommen vereinbar. Art. 114 bezieht sich auf protektionistische Produktregulierungen (wie das deutsche Reinheitsgebot für Bier), aber nicht auf Prozessregulierungen. Unterschiede in den Prozessregulierungen sind keine Handelshemmnisse. Unterschiede zwischen den nationalen Restrukturierungs- und Abwicklungsvorschriften sind keine Produktregulierungen, sondern Prozessregulierungen. Sie schreiben nicht die Eigenschaften von Finanzprodukten, sondern Entscheidungsprozesse vor. Die Tätigkeit der nationalen Bankenfonds mag – je nach Finanzierung – der Beihilfenkontrolle der EU-Kommission unterliegen, aber die Beihilfenkontrolle kann offensichtlich nicht als Rechtsgrundlage für einen Fonds der Eurozone dienen.

Da Art. 114 nicht die Vereinheitlichung der Restrukturierungs- und Abwicklungsvorschriften rechtfertigt, scheidet er auch als Rechtfertigung für die Abwicklungsrichtlinie der EU (Option 1.A.) und für die EBA-Richtlinie aus. Als die Briten 1986 in der Einheitlichen Europäischen Akte dem Art. 100a EWGV, dem Vorgänger des Artikels 114 AEUV, zustimmten, haben sie nicht im Traum daran gedacht, dass er einmal dazu missbraucht werden könnte, die Regulierung der City of London in die Hände einer qualifizierten Mehrheit der Mitgliedstaaten zu legen. Sie fühlen sich hintergangen, und da sie auch dem Gerichtshof nicht mehr trauen, proben sie den Austritt aus der EU. Soll Artikel 114 nun auch dazu dienen, Deutschland in der Frage der Bankenabwicklung zu überstimmen?

Aus ökonomischer Sicht geht die geplante Verlagerung der Verantwortlichkeiten in die falsche Richtung. Die Haftung für Bankenprobleme sollte nicht zentralisiert, sondern dezentralisiert werden. Die Banken selbst sollten stärker haften – das ist die marktwirtschaftliche Lösung. Wenn eine Bank gestützt werden muss, war ihre Geschäftspolitik falsch. Anreizverträglich ist nur eine Haftung ihrer Eigentümer. Dazu bedarf es einer Verschärfung der Eigenkapitalvorschriften, die weit über das hinaus geht, was Basel III und die bisherigen nationalen Maßnahmen vorsehen. Die Ausfallquote der griechischen Banken liegt bei 25 Prozent. Geringer darf das Eigenkapital nicht sein. Die Deutsche Bank kam mit einer Eigenkapitalquote von 30 Prozent ohne Solvenzprobleme durch die Weltwirtschaftskrise (1929-33). Mehr ist nicht nötig.

Gegen eine drastische Verschärfung der Eigenkapitalvorschriften wird eingewandt, dass die Banken dann weniger Kredite vergeben würden. Dafür bestünde jedoch kein Anlass, wenn das vorgeschriebene Eigenkapital nicht als Quote, sondern nur als absoluter Betrag angehoben würde.

Yves Mersch, das hauptamtlich für die Bankenaufsicht zuständige Mitglied des EZB-Direktoriums, hat erklärt: "Wir werden [mit der Prüfung der Bankbilanzen] nicht anfangen, bevor die Regierungen sich nicht über Backstops – also die Notfallfinanzierung von Kapitallücken – geeinigt haben, die wir  möglicherweise in den Bankbilanzen entdecken" (Handelsblatt, 23.09.13). Mario Draghi unterstützt diese Position. Die EZB versucht damit, der Kommissionsforderung nach einem Abwicklungsfonds Nachdruck zu verleihen. Die europäischen Institutionen wollen das Interesse der Bundesregierung an der EZB-Bankenaufsicht dazu nutzen, um im Gegenzug die deutsche Zustimmung und Finanzierungszusage für einen weiteren europäischen Fonds zu erhalten. Auf die SPD können sie dabei rechnen. Werden CDU und CSU nachgeben? Es würde Stimmen kosten.

[1] Misslungen ist bereits die Gemeinsame Bankenaufsicht, die auf einer unzulässigen Rechtsgrundlage der falschen Institution übertragen wurde. Vgl. dazu im Detail meinen Aufsatz "Probleme der Bankenunion: Falsche Lehren aus der Krise", Kredit und Kapital 46, 2013, Heft 3, S. 251-302.

Dienstag, 15. Oktober 2013

100 Blogs bei Open Europe Berlin: Ein erster Rückblick

Unser erster Blogbeitrag erschien am 30. Oktober 2012, einen Tag vor der offiziellen Eröffnung von Open Europe Berlin. Dies ist nun der hundertste – und damit Anlass für einen ersten Rückblick. Open Europe Berlin gGmbH ist eine Zweipersonen-Denkmanufaktur; deshalb sind wir besonders auch unseren Blog-Gastautoren dankbar für Ihre Beiträge. Dies sind: Ansgar Belke | Charles B. Blankart | Alexander Dietrich | Erik R. Fasten | Alexander Fink | Justina A.V. Fischer | Johannes Fischer | Dominik Geppert | Christian Dominik Heinz | Christoph Heuermann | Thomas Köster | Stefan Kolev | John Kornblum | Bernd Lucke (Interview) | Friedrich Lucke | Emanuel Mahrholdt | Dirk Meyer | Karl-Heinz Paqué | Clemens Schäfer |Frank Schäffler | Holger Schmieding | Gunther Schnabl | Clemens Schneider | Hans-Werner Sinn (Interview) | Oliver Treidler | Emma Tunney | Roland Vaubel | Carl Christian von Weizsäcker. 


Die meistgelesenen Blogs nach Themen:

Europäische Ordnungspolitik

„Wir wollen die Grundsätze einer marktwirtschaftlichen Ordnungspolitik, die Deutschland einst so erfolgreich gemacht haben, als Kern einer europäischen Ordnungspolitik durchsetzen – zum Wohle Europas“ (Zielsetzung Open Europe Berlin). So fing alles an. Was haben wir und unsere Gastautoren im vergangenen Jahr zur Diskussion rund um ordnungspolitische Themen in Europa beigetragen?

Der beliebteste Blog-„Autor“ in dieser Kategorie ist Ralf Dahrendorf. Sein Plädoyer für ein Europa à la carte ist heute genauso aktuell wie vor 35 Jahren. „Europe à la carte, that is common policies where there are common interests without any constraint on those who cannot, at a given point of time, join them, must become the rule rather than the exception, if European union is not to get stuck in a mixture of incomprehensible technicalities, systematic cheating on the part of some, demands for exceptions which destroy overly complex systems, and a sense of frustration and misery all around”, so Dahrendorf.  Unsere Rede!

Bundesbankpräsident Jens Weidmann glaubt auch an Ordnungspolitik – und ist aus diesem Grund kein großer Fan der Euro-Rettungspolitik durch die EZB und den ESM. In seiner Rede am Walter-Eucken-Institut (das nicht nur Michael Wohlgemuth mit OEB gemeinsam hat) sagte Weidmann: „Das Ziel der Ordoliberalen war es immer, dem Wettbewerb einen stabilen Rahmen zu geben, nicht ihn aktiv zu steuern... Die entscheidende Frage ist also, wie dem Haftungsprinzip wieder mehr Geltung verschafft werden kann – sowohl auf Ebene der Finanzmärkte als auch auf Ebene der Staaten... Entweder verlagern wir im Rahmen einer Fiskalunion Kontroll- und Eingriffsrechte auf die europäische Ebene, oder wir stärken, im Sinne einer Rückkehr zum Maastricht-Rahmen, wieder die Haftung und Eigenverantwortung der Mitgliedstaaten. Dies bedeutet dann auch in letzter Konsequenz, dass Staatsinsolvenzen nicht ausgeschlossen werden können – und nicht ausgeschlossen werden dürfen... Geldwertstabilität ist die Grundlage für einen funktionierenden Wettbewerb, für die Marktwirtschaft und für allgemeinen Wohlstand. Aber ich bin auch überzeugt: Geldwertstabilität ist nur möglich mit unabhängigen Notenbanken, deren Mandat auf die Wahrung der Preisstabilität konzentriert ist. Die Krise jedenfalls rechtfertigt es meiner Überzeugung nach nicht, dieses durch Erfahrung und Wissenschaft bewährte Konzept zu den Akten zu legen.“ (Die Rede im Original). (Zum Thema Staatsinsolvenzen haben wir auch geschrieben). 

Weitere beliebte Blogs zu europäischer Ordnungspolitik:

• Wachstum schaffen ohne Waffen – und endlich den EU-Binnenmarkt für Dienstleistungen vollenden! 
• Mehr Europa, welches Europa? Wertvolle Anregungen aus der Heinrich Böll Stiftung! 
• Wohin steuert Europa? Claus Tigges (Deutsche Bundesbank),  Michael Wohlgemuth und Gerald Häfner auf dem Kolloquium von Humboldt Universität und Open Europe Berlin 
• James M. Buchanan (1919-2013) on European federalism 

Bankenunion, Geldpolitik, Fiskalpolitik und Euro-Krise

Prof. Ansgar Belke, Jean Monnet Professor an der Universität Duisburg-Essen und Mitglied des OEB Kuratoriums, hat auch zum Thema ESM und Bankenunion auf unserem Blog geschrieben. In seinem Beitrag „ESM and Banking Union - A German view of the Irish case“ nimmt er Irland unter die Lupe und vergleicht die zwei Rekapitalisierungsoptionen – über der ESM oder im Rahmen einer Bankenunion. Sein Schluss: „Angela Merkel has not been overall imprudent to suggest that a eurozone wide bank resolution fund may need to be set up before banks can receive direct support from the ESM. This must not be interpreted as a “Judas kiss” of Chancellor Merkel by intentionally building up additional hurdles for ESM support for Ireland. Nor do Germans think Ireland doesn’t deserve a deal. ... the Irish economy has enough substance – i.e. assets and liquidity – and the spirit to prepare for and contribute to the banking union to come. “ 

„Durch die verschiedenen Bankenrettungen in den letzten drei Jahrzehnten hat sich im Finanzsystem ein gewaltiges Moral Hazard Problem herausgebildet“, schreibt Johannes Fischer (Student der Politik, Philosophie und Ökonomie an der Universität Witten-Herdecke und wissenschaftliche Hilfskraft bei OEB) weiter zum Thema Bankenregulierung. „Eine Verlagerung der Kompetenzen auf die europäische Ebene wäre hier prinzipiell sinnvoll... Allerdings geben die bestehenden und geplanten Strukturen keinen Anlass zur Hoffnung, dass dadurch die Stabilität des Finanzsektors erhöht wird, wie Open Europe Berlin bereits im vergangenen Dezember feststellte... Schlechte Strukturen von der nationalen Ebene auf die europäische Ebene zu reproduzieren, ist keine Lösung des Problems.“

Weitere beliebte und Interessante Blogs in dieser Kategorie:
 GISZIPF! SMP, OMT, EZB, ESM, SKM: Wie aus Mörtel Dynamit wird   
• Abenomics: richtig oder falsch? Carl Christian von Weizsäcker vs. Gunther Schnabl  

Demokratie in Europa

Die Krise der Eurozone, das Ausmaß immer wieder neuer Rettungsschirme für Griechenland und die Gefahr der Ansteckung anderer Euro-Länder ziehen verständlicherweise viel Aufmerksamkeit in den Medien auf sich. In der deutschen Öffentlichkeit wurde bisher sehr viel mehr über einen „Grexit“ (das Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone) diskutiert als über einen „Brexit“ (das Ausscheiden Großbritanniens aus der gesamten EU).  Dabei wäre ein „Brexit“ nicht im „deutschen Interesse“ (auch 53% der Deutschen sehen dies so) – aus verschiedenen Gründen. Warum David Camerons Problem auch Europas Problem ist erklärt Michael Wohlgemuth.

Gerade in Deutschland hat man ein besonderes Interesse am Verbleib der Briten in der EU und auch ein gewisses Verständnis für Camerons Forderungen nach mehr „Flexibilität“ innerhalb der EU und mehr Wettbewerbsfähigkeit der EU auf den globalen Märkten. Welche Alternativen haben aber die Bundeskanzlerin und die nächste Bundesregierung sowohl zu Hause als auch auf der europäischen Bühne? Eine unangenehme Wahl steht Angela Merkel jedoch bevor: Die Auflösung des Euro-Trilemmas. „Angesichts der Alternative, entweder deutschen Steuerzahlern eine noch weitreichendere Transferunion zuzumuten oder deutschen Sparern und Gläubigern durch eine Inflationsunion zuzusetzen, um auf die eine oder andere Art die Eurozone vor dem Kollaps zu bewahren, wird die Kanzlerin eines Tages  eine überaus unpopuläre Entscheidung treffen müssen“, schreibt Michael Wohlgemuth zu den angenehmen und die unangenehmen Alternativen für Angela TINA) Merkel.

Auch Bulgarien ist ein Teil der EU. Und nicht alle Bulgaren suchen ihr Glück im Ausland. Seit über 100 Tagen protestieren besonders viele junge Bürger gegen die Regierung Oresharski und „wollen mit ihrem Protest nun tatsächlich die Geschicke des Landes in die Hand nehmen“. Was ist passiert? Stefan Kolev schreibt zu den Protesten der Bürgergesellschaft in Bulgarien gegen die Kleptokratie:  auf Deutsch und auf Englisch.   

Weitere beliebte und interessante Blogs zur Demokratie in Europa:
• Was wollen die Deutschen? Mehrheit skeptisch gegenüber “mehr Europa”
• John Kornblum: Vielfalt statt Einfalt!

EU-Budget

„Würde ein Archäologe in ferner Zukunft das gestern beschlossene EU-Budget ausgraben, könnte er sich denken: Das muss ein archaisches Land gewesen sein, das überwiegend von einer verstaatlichten Landwirtschaft lebte und aus 27 Provinzen bestand, deren Fürsten hauptsächlich darum stritten, wie das Geld ihrer Bürger zwischen den Provinzen hin und her verteilt werden solle. Er käme sicher nicht auf die Idee, dass es sich um ein Gebilde handelt, das einst beanspruchte, ‚zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt‘ zu werden.“ Michael Wohlgemuth erklärt die politische Logik des EU-Budget-Basars und definiert den „Kern“ der Europäischen Union: Freihandel, Subventionsabbau, Wettbewerbspolitik.

Die politische Diskussion um die Krisenbewältigung in der EU und vor allem in der Eurozone dreht sich vor allem um einen Begriff – den der „Austerität“. Die einen fordern Austerität ein, als einzig taugliches Mittel, die Schuldenkrise zu beenden. Die anderen halten Austerität genau für das falsche Mittel, da sie das Wachstum bremse. Die neue Studie von Johannes Fischer stellt zunächst die Frage: Wie sehr wird in welchen Ländern Europas tatsächlich Austerität betrieben? Und in welcher Form? Mehr dazu auf Open Europe Berlins Blog  und Webseite.

Die Debatte können Sie gerne haben, Herr Kommissar“, forderte Michael Wohlgemuth den EU-Kommissar für regionale Entwicklung Johannes Hahn auf. Der Grund war die angeblich fehlende Debatte über eine Reform der EU-Regionalfonds und die veröffentlichte Studie von Open Europe Berlin dazu. In dieser Studie fordert Open Europe Berlin eine Beschränkung der Strukturförderung auf die armen EU-Mitgliedsländer. Das würde echte Veränderungen statt eines bloßen Geldkreislaufmechanismus von der rechten Tasche in die linke Tasche mit sich bringen. Insgesamt könnten die EU-Strukturfondsmittel um etwa 15% gekürzt werden; sie würden zudem zielgenauer eingesetzt werden und ließen Gelder in den Ländern, um dort gemäß dem Subsidiaritätsprinzip Regionen bürgernah und demokratisch kontrollierbar zu fördern.

Und die  Debatte hatten wir tatsächlich.  Vor  über 260 Teilnehmern diskutierten Michael Wohlgemuth und Johannes Hahn über das Thema „Wachstumsmotor oder Geldverschwendung: Was bringt die EU-Regionalpolitik? “ Einen Video-Mitschnitt der Veranstaltung finden Sie hier.


Das EU-Budget muss man ernst nehmen – kann man aber nicht immer. Vor allem wenn es um die soziale Relevanz von Kaffee oder um den Austausch radikaler Momente rund um Europa geht (wie z.B. das Auftauchen einer transsexuellen Bühnenautorin in einem Hotelzimmer, die Umleitung eines Touristenzuges oder der Einbruch in ein in Amtsgebäude ein, um dort Tango zu tanzen). 

Interviews

Open Europe Berlin möchte ein Forum für Diskussionen über die Zukunft der EU sein. Eine Diskussion um die wichtigsten Fragen der europäischen Integration ist notwendig, um die demokratische Legitimierung der europäischen Institutionen zu stärken. Viele Themen haben uns während des vergangenen Jahres bewegt. Wir wollten unterschiedliche Meinungen dazu hören. Und hier sind sie:

• Prof. Bernd Lucke exklusiv im Open Europe Berlin Interview 
• Der Euro: unser gutes Geld. Eine Reaktion auf Bernd Lucke. Von Holger Schmieding 
• Plan B: Austritt und Parallelwährungen. Professor Dirk Meyer exklusiv im Open Europe Berlin Interview 
• Professor Karl-Heinz Paqué exklusiv im Open Europe Berin Interview 
• Carl Christian von Weizsäcker exklusiv im Open Europe Berlin Interview: Keynes - Friedman - Hayek (und die Euro-Krise)     
• Hans-Werner Sinn exklusiv im Open Europe Interview 
• Wilhelm Röpke im Open Europe Berlin Interview Teil (I) und Teil (II)

Sonstiges

Als Erinnerung an zahlreiche Themen, die uns im Alltag und bei der Forschungsarbeit beschäftigt haben (eine Auswahl):

• Die Europäische Zentralbank vor dem Bundesverfassungsgericht: Worum geht es und was könnte passieren?  
• Die Deutschen und die EU: deutliche Mehrheit für Dezentralisierung von Verantwortlichkeit. 
• „Bunte Republik“ Europa. Von  Clemens Schneider
• Die Hydra der (Finanzmarkt-) Regulierung. Von Johannes Fischer 
• Freihandel, Frieden und Fortschritt: Hätte TTIP Hitler verhindern können? Von Christian Dominik Heinz 
• Das Ende der EADS: Erster Teil eines Polit-Thrillers. Von Christian Dominik Heinz (Hier auch der zweite Teil)  
• Holland in Not? Von Johannes Fischer
• „Ein Europa, das es nicht gibt“. Michael Wohlgemuth zum Buch von Dominik Geppert 
• Krise, welche Krise? Sind dies die ödesten Bundestagswahlen aller Zeiten? 

Und nicht vergessen sei: es gibt inzwischen auch noch einen zweiten Blog bei Open Europe Berlin: "Pariser Platz". Hier berichtet Johanna Möhring aus Paris über französische Politik und Kultur in Bezug auf Europa und Deutschland. Auch sehr zu empfehlen!