Dienstag, 10. Dezember 2013

Enders' Rache an der Politik: Neue Airbus-Group wird zur Schlachtbank für Cassidian. Von Christian Dominik Heinz

Der Schatten der von der deutschen Politik verhinderten Fusion mit BAE ist lang. Damit wollte man das Verteidigungsgeschäft der EADS-Tochter Cassidian stärken. Jetzt werden Cassidian, Astrium und Airbus Military im Rahmen der Umstrukturierung zur neuen Airbus-Group (ab 1.01.2014) umgebaut und beschnitten.

Aufgrund der veränderten Situation, also des schwächelnden Heimatmarktes und zugleich torpedierten Internationalisierung des Geschäftes über BAE, wurden 2012 eigentlich schon 850 Stellen abgebaut. Nun werden zusätzlich ein ganzer Standort, die Konzernzentrale von Cassidian in Unterschleißheim, und mithin 5800 Stellen aufgegeben. Der CEO von EADS, Thomas Enders, macht mit seinen Drohungen wahr, deutsche Aktivitäten zu schwächen, weil die deutsche Regierung als einziges beteiligtes Land in Europa Airbus-Subventionen zurückhält – ungeachtet dessen, dass er sich selbst gerne marktwirtschaftlich gibt, insofern Enders weniger Staatseinfluss und betriebswirtschaftliche "Normalität" fordert (2600 Mitarbeiter in D, 1700 in F, 700 in GB, 600 in S).

© EADS
Diese zweifachen politischen Streitigkeiten werden also auf dem Rücken der Mitarbeiter ausgetragen. Derweil ist Cassidian längst selbst im Umbau begriffen. Die substanzielle Hinwendung von der Verteidigungstechnik zu Sicherheitslösungen ist schon fortgeschritten und zeigt Erfolge. Die Abhängigkeit vom reinen Verteidungsgeschäft ist gemindert.

Seit diesem Jahr ist der deutsche Staat an EADS direkt beteiligt. Vormals war Deutschland bloß  über Daimler Anteilseigner. Nach dieser Entwicklung hätte man gleich die deutsche Luftfahrtindustrie in ihrer schwersten Krise von 1993-1996 verstaatlichen können. Dann hätte man die Arbeitsplätze der Luftfahrtindustrie gesichert und sich viele Konflikte über Standorte und Nationalität der Führungsgremien mit Frankreich erspart. Die jetzigen Streitigkeiten über Subventionen, Arbeitsplätze usw. sind absurd vor diesem Hintergrund. Die Privatisierung des Luftfahrtsektors in Europa ist jedenfalls sowieso gescheitert.

Hauptsächlich die Zwietracht mit der Politik bringt den Konzern in diese Lage. Die politische Kaste in Deutschland ist anders als in anderen europäischen Partnerländern hier ähnlich wie bei den Versorgern in der Energiewende aufs Äußerste distanziert. Ein Kennzeichen dafür ist das Eurohawk-Debakel gewesen. Das Verteidigungsministerium hatte es unterlassen, Zweifel rechtzeitig zu kommunizieren – oder überhaupt angemessen zu kooperieren, sodass Bernhard Gerwert, CEO von Cassidian, von 200 Millionen für die Nachrüstung sprach und die Politik sie mit 600 Millionen Euro beziffert hatte. So weit wie diese Zahlen auseinanderliegen, so weit sind auch die politischen Subjekte von einer konstruktiven Industriepolitik entfernt.

Damit war der noch junge Markenname "Cassidian" (seit 2010) schon wieder früh verbrannt. Es halten sich beharrlich Gerüchte, dass Cassidian den Eurohawk (basierend auf der amerikanischen Globalhawk) künstlich verteuerte, um einen Auftrag zum Bau einer eigene Drohne zu bekommen. Dabei wird übersehen, dass gerade der Eurohawk mit seinen besonderen Leistungsmerkmalen Exportchancen zum Ersatz des Aufklärungsflugzeugs "Orion" erwarten ließ. Außerdem wäre eine solche Intrige unkalkulierbar gewesen. Das Debakel allein hat die Probleme solcher Projekte zureichend bewiesen. Gibt es hier Ressentiments seitens der deutschen Politik, weshalb sie die deutschen EADS-Mitarbeiter im Stich läßt? Ärgerliche Teuerungen vieler Projekte wie dem Eurofighter, A400M und dem NH90 legen dies nahe. Aber hier verhält es sich nicht anders. Erst durch politische Unklarheit und Ambivalenz fehlt die Solidität in den Beschaffungsprogrammen. Sie sollten nicht auf verdrehte Kuhhandel und Spezialwünsche hinauslaufen. Das Kompensationsgeschäft der Beschaffung einer Marine-Version des NH90 gegen Reduzierung der NH90 und Tiger-Bestellung ist ein Beispiel hierfür. Da kann es nicht verwundern, wenn sich ursprüngliche Vorstellungen unmittelbar nur teuerer oder technisch verändert realisieren lassen.

Allererst zeitigt die Fragmentierung der Politik in Europa Konsequenzen in dem Unternehmen, das eigentlich europäisch integriert doch effektiver Beschaffungsvorhaben bedienen können sollte. Aber der Verteidigungsmarkt ist auf dieselben Weise fragmentiert wie die Sicherheitspolitik dahinter. Eine Studie des EU-Parlaments besagt, dass 73% der Beschaffungsvorhaben nicht europaweit ausgeschrieben werden und durch mangelnde Abstimmung der Staaten in der Europäischen Union Mehrkosten von bis zu 130 Milliarden Euro pro Jahr entstehen. 

Unterdessen soll durch eine künftige Staatsbeteiligung Polens die alte Idee einer gemeinsam europäischen Rüstungsindustrie in der verstaatlichten Version wieder vorangetrieben werden. Obwohl diese Strategie gerade durch die Unvereinbarkeit mit einer normalen Unternehmensführung und dem politischen Koordinationsversagen Europas unter vielen Opfern gescheitert ist (wie gegenwärtig zu sehen ist), wird gleichzeitig heimlich die Kungelei um nationale Aufträge und Standortsicherung fortgesetzt.

Die staatliche Schattenwirtschaft wird dem internationalen Kunden nicht schmecken und also nur in einem staatsmonopolistischem Kapitalismus enden. Dem zu entkommen war das Motiv der Fusion mit der privatwirtschaftlichen British Aerospace (BAE) oder ist noch das Ziel der Umstrukturierung zur Airbus-Group – mehr Unabhängigkeit und Internationalisierung (mit einem neuen Airbus-Werk in den USA z.B.). Fortschritte und Rückschritte vermischen sich auf verhängnisvolle Weise. Polen war auf diesem Sektor schon immer stark in den Fängen der USA.

Jetzt wirkt es so als wolle man durch diese Aktion neue Fakten schaffen und ins Management stärker als zuvor hineinregieren. Erst müssen aber die politischen Rahmenbedingungen stimmen, bevor nicht wieder die freien Kräfte der Wirtschaft überfahren werden. Die künstlichen Zwänge zerstören Know How. Es ist fraglich, ob der Wert einer Technologieentwicklung aus technokratisch-zentralistischer Sicht richtig erkannt und gefördert wird. Daran ist das Konzept eines integrierten Technologiekonzerns für Daimler-Benz in der Realität (1985-1996) gescheitert.

Normalerweise profitieren Generationen von Mitarbeitern von der sukzessiven Weiterentwicklung der Plattform eines erreichten Technologiestandes und der damit verbundenen über die Zeit ausgebildeten Kundenbindung in einem Unternehmen. Und auch bei wechselnden Kunden bleibt die attraktive Technologiebasis (beispielsweise eine Baureihe) bestehen. Das wird dem Unternehmen oder Standort genommen, wenn die Industrie politisch konstruiert und Standorte willkürlich mittels Staatsaufträgen und Subventionen fremdbestimmt werden. Das ist dann ungerecht gegenüber den Generationen. Der zuvor erreichte Technologiesprung kann nicht mehr weiter kultiviert bzw. vererbt werden (z.B. Fokker, Messerschmitt, Dornier). Und der dazu entsprechende Technologiestandard geht verloren, weil er nicht einfach verkauft oder transferiert werden kann.

Europa ist für solche zentralistischen Ziele der Politik viel zu heterogen. Die Unausgewogenheit und Unkoordiniertheit der europäischen Politik schlägt sich auf Gemeinschaftswerke wie dem Eurofighter oder Transporthubschrauber NH90 nieder, weil sich die unterschiedlichen politischen Vorstellungen darin zeigen. Es ist keine Frage der Macht, sondern es kommen sich die unterschiedlich wahrgenommene Rolle des Staates in der Industriepolitik oder Gestaltung der Außen- und Sicherheitspolitik in die Quere. Verteidigungspolitischen Großprojekten wird letztlich unterschiedliche Bedeutung beigemessen.

Konkret ziert sich beispielsweise Deutschland eher bei Rüstungsexporten als seine Partner, sodass Kooperationen in Beschaffungskonsortien erschwert werden, wenn Deutschland am Ende Geschäfte blockieren würde. Jeder Rüstungsexport ist aber ein Aspekt der Sicherheitspolitik. Sicherheitspolitik wird aber zunehmend verdrängt von einer Außenpolitik, die sich über Außenwirtschaft definiert (siehe Koalitionsvertrag S.15). Dementsprechend ist kein Platz für eine aktive Sicherheitspolitik. In einer "Kultur militärischer Zurückhaltung" ist das Militär nur noch dazu da, diplomatische Fehler zu begleichen. Das macht den deutschen Alleingang auch im Lybien-Konflikt aus, als sich Deutschland auf die Seite Russlands und Chinas gestellt hat. Deutschland verprellt seine europäischen Partnerländer. Für eine gemeinsame europäische Außen- und Sicherheitspolitik ist das sehr abträglich. Das schwächt das strategische Potential Europas. Und im Grunde ist das genau die einschlägige Veränderung für eine Rüstungsindustrie, die dafür vorgesehen war und jetzt unwiederbringlich demontiert wird.

Leider will die Politik das Schicksal der EADS bestimmen, obwohl sie selbst das Problem ist. Aber eine angemessene Selbstwahrnehmung und Alternativen sind nicht zu erwarten, wenn es um das große Thema Europa geht. Bei diesem Thema ist das Denken noch auf einer Einbahnstraße.

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