Donnerstag, 31. Oktober 2013

„Europa – EU – Euro“ – der Open Europe Berlin Fragebogen. Antworten von Otmar Issing

Was bedeutet für Sie „Europa“? Können Sie dies kurz umschreiben?
Nach den furchtbaren Kriegen und Diktaturen der Vergangenheit bedeutet „Europa“ für mich: Kontinent des Friedens und der Freiheit. Freiheit zu reisen, insbesondere  für die jungen Leute zu lernen, zu studieren und Freunde zu gewinnen jenseits der nationalen Grenzen. Der einheitliche Markt, ein Markt ohne Barrieren für mehr als 500 Millionen Menschen, ist die wirtschaftliche Seite, die Voraussetzung für Wohlstand und Beschäftigung.

Was bedeutet für Sie die Europäische Union? Können Sie dies kurz umschreiben?
Die Europäische Union verkörpert den institutionellen Rahmen für die Erhaltung und Entwicklung der  eben genannten Errungenschaften. Sie kann den Erwartungen nur gerecht werden, wenn sie der Tendenz zur Zentralisierung und Bürokratisierung widersteht.

Was bedeutet für Sie der Euro, die gemeinsame Währung? Können Sie dies kurz umschreiben?
Der Euro ist das Versprechen einer stabilen Währung für die Bürger des Euroraumes. Dieses Versprechen hat die Europäische Zentralbank mit ihrer der Preisstabilität verpflichteten Politik in den ersten 14 Jahren erfüllt. Die Wirtschaftspolitik in vielen Ländern ist allerdings noch weit davon entfernt, die für eine dauerhafte Stabilität des Euro und des Währungsgebietes notwendigen Voraussetzungen zu gewährleisten.

„Scheitert der Euro, dann scheitert Europa!“ Inwiefern halten Sie diese Aussage für richtig, inwiefern für falsch?
Europa ist mehr als der Euro, mehr als Währung und Wirtschaft. Ein Scheitern des Euro, das ich nicht für wahrscheinlich halte, würde allerdings zu erheblichen wirtschaftlichen und politischen Turbulenzen führen und die europäische Integration weit zurückwerfen.

„Mehr Europa“ – welche EU? In welchen Politikbereichen sollte die Europäische Union (a) mehr tun; (b) Dinge anders machen und (c) weniger tun?
„Mehr Europa“ halte ich für ein Motto, dem es an konkretem Inhalt mangelt und das leicht zu einer fehlgeleiteten Zentralisierung Anlass geben kann. Will die EU ihrem Anspruch auf eine führende Rolle Europas in der Welt gerecht werden muss sie
  1. die ökonomischen Voraussetzungen für Wachstum und Beschäftigung  schaffen,
  2. die einzelnen Mitgliedstaaten in die Verantwortung für die erforderlichen Reformen nehmen,
  3. dem Subsidiaritätsprinzip Rechnung tragen und Kompetenzen nicht immer weiter auf die europäische Ebene verlagern.



Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Otmar Issing ist ehemaliger Chefvolkswirt und ehemaliges Direktoriumsmitglied der EZB.
Zum Thema „Mehr Europa – welches Europa?", s.a. den Vortrag zur Eröffnung von Open Europe Berlin und den Interviewband „Wie wir den Euro retten und Europa stärken“.

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