Dienstag, 10. September 2013

Lateinische Münzunion: Lehren für die Zukunft des Euro. Von Dominik Geppert

Nimmt man den geschichtlichen Vergleich zum Maßstab, fällt die Antwort auf die Frage nach der Zukunftsfähigkeit des Euro eindeutig aus. Eine Währungsvereinheitlichung war in aller Regel nur dann erfolgreich, wenn zuvor die staatliche Einigung gelungen war. Das galt nicht nur für Italien und die Schweiz, sondern auch für Deutschland. Das Deutsche Reich von 1871 besaß bereits Gestalt und Eigenschaften eines Bundesstaates, als es schließlich nach einem längeren Prozess, der sich von 1871 bis 1909 hinzog, auch über eine einheitliche Währung verfügte. Erst 1876, also fünf Jahre nach der Verwirklichung der politischen Einigung, erhielt das Reich eine gemeinsame Zentralbank. Und erst 38 Jahre nach der Reichsgründung, im Jahr 1909, gab es eine einheitliche Währung, die Reichsmark. Bis zu diesem Zeitpunkt zirkulierten mehrere Währungen innerhalb des Reichsgebietes parallel nebeneinander.

Krönungstheorie


Die staatliche Einigung war der Währungsunion vorausgegangen. Diese Entwicklung entsprach der so genannten Krönungstheorie, nach der die gemeinsame Währung als Krone der verfassungsmäßigen Errichtung eines Staatsgebildes aufgesetzt wurde. Gescheitert sind hingegen Versuche, eine Währungsunion entgegen der Krönungstheorie ohne vorherige staatliche Einigung dauerhaft durchzuhalten. Das galt nicht nur für die preußisch-österreichischen Bemühungen der 1850er und 1860er Jahre, sondern auch für die verschiedenen skandinavischen Münzunionen.

1865: Geld und Macht
Als historischer Präzedenzfall für den Euro noch relevanter ist die Lateinische Münzunion, zu der sich 1865 Frankreich, Belgien, die Schweiz, Italien und der Kirchenstaat, drei Jahre später auch Griechenland zusammenschlossen. Zwar gab es anders als im Euroraum keine gemeinsame Zentralbank. Dennoch lassen sich wichtige Strukturähnlichkeiten mit dem heutigen europäischen Währungssystem erkennen. So lag dem Zusammenschluss damals wie heute eine politische Motivation zugrunde. Sie war in den 1860er Jahren aus französischer Perspektive nur ein erster Schritt hin zu einem höheren Ziel. In der politischen Vision ihres Vordenkers, des französischen Ökonomen und Politikers Felix Parieu, sollte der Lateinischen Münzunion letztlich eine „europäische Union“ mit einer „europäischen Kommission“ und einem „europäischen Parlament“ folgen[1]. 

Frankreich verfolgte damit neben währungs- und handelspolitischen Zielen auch dezidiert machtpolitische Interessen. Ein größerer Währungsraum sollte durch den Zustand fester Wechselrelationen Verbesserungen im Währungsverkehr und im Handel zwischen den beteiligten Staaten bringen. Die kleineren Länder erhofften sich von der Teilnahme am französisch dominierten westeuropäischen Währungsraum wirtschaftliche Vorteile. Napoleon III. hingegen wollte die Münzunion als Instrument für die Gewinnung der französischen „Hegemonie über Kontinentaleuropa“ nutzen. Frankreichs machtpolitisches Interesse bestand darin, durch die Münzunion „die Maßstäbe französischer Währungspolitik […] in die ‚zivilisierte Welt‘“ zu exportieren und mit Hilfe eines französischen „Weltgelds“ währungspolitische Hegemonie zu erlangen[2].

Auch wenn die Münzunion für einige Zeit formal funktionierte, kam es während der 1880er und 1890er Jahre in dem volkswirtschaftlich höchst ungleichgewichtigen Währungsverbund zu Währungs- und Handelskrisen. Nationales Interesse, das wurde schnell deutlich, rangierte im Krisenfall über den Unionsregelungen. Haushaltsdefizite hatten in Italien und Griechenland Maßnahmen zur Folge, die zwar nicht gegen den Buchstaben, aber doch gegen den Geist des Vertrages verstießen.

Grexit 1908

Die italienische Regierung ging dazu über, zur Tilgung ihrer Haushaltslöcher eine weitgehend nicht konvertierbare Papierwährung herauszugeben. Griechenland, das ungedeckte Papier-Drachmen druckte und gleichzeitig Gold- und Silbermünzen aus anderen Unionsländern einzog, konnte seinen Staatsbankrott auch durch derartige Tricks nicht lange verbergen. 1908 schloss man das Land deswegen aus dem Währungsverbund aus. Schließlich wurde der Lateinischen Münzunion nach langem Siechtum Mitte der 1920er Jahre der Totenschein ausgestellt. Dass der Vertrag trotz der fast permanenten außen- und handelspolitischen Konflikte zunächst immer wieder verlängert worden war, bevor die Union 1926 endgültig zerbrach, lag in erster Linie daran, dass die Kosten der Auflösung der Währungsunion gerade für die Regierungen in Paris und Rom exorbitant hoch waren.

Vier Lehren aus der Geschichte

Die Geschichte der Lateinischen Münzunion enthält für unsere Gegenwart eine vierfache Lehre:

Erstens verdeutlicht sie, dass durch eine Währungsunion keineswegs automatisch alle Machtfragen bedeutungslos werden. Sie kann vielmehr, wie im Falle Frankreichs im späten 19. Jahrhundert, bewusst als Mittel des Hegemonialstrebens eingesetzt werden.

Zweitens deutet das Schicksal der Münzunion an, wie schwierig es für die beteiligten 
Länder ist, aus einer Währungsgemeinschaft, die keine Ausstiegsklausel kennt, wieder herauszukommen.

Drittens zeigt es aber auch, dass Währungsunionen aus souveränen Mitgliedstaaten fragile Gebilde mit begrenzter Lebensdauer sind. Weil das nationale Interesse in aller Regel vor den Anforderungen des Währungsverbundes rangiert, gibt es immer wieder Situationen, in denen einzelne Mitglieder aus Eigeninteresse gegen die Regeln verstoßen – seien sie, wie im Falle der Lateinischen Münzunion, ungeschrieben oder gar, wie jetzt im Falle der Europäischen Währungsunion, vertraglich fixiert.

Viertens legt die Geschichte nahe, dass es nicht die wirtschaftlich schwachen, sondern die starken Länder sind, die dem Verbund schließlich ein Ende bereiten. Jedenfalls gingen im Falle der Lateinischen Münzunion die Fliehkräfte eher von Belgien und der Schweiz als von Italien, Frankreich oder Griechenland aus.

Prof. Dr. Dominik Geppert lehrt Geschichte der Neuzeit an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

[1] Vgl. Niall Ferguson: Politik ohne Macht. Das fatale Vertrauen in die Wirtschaft, Stuttgart, München 2001, S 318.

[2] Siehe hierzu und zum Folgenden Guido Thiemeyer: Internationalismus und Diplomatie. Währungspolitische Kooperation im Europäischen Staatensystem 1865 bis 1900, München 2009, S. 37, 55, 224-225.

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