Mittwoch, 11. September 2013

Das Ende der EADS: Erster Teil eines Polit-Thrillers. Von Christian Dominik Heinz

EADS, der bedeutendste Technologiekonzern der Luft- und Raumfahrtindustrie Europas, der nach einer schwierigen 35-jährigen Geburt aus dem Airbus-Konsortium hervorgegangen ist, wird nach gut dreizehn Jahren umbenannt. Der neue überraschende Name: Airbus!

Airbus A380
Was steckt hinter dieser scheinbar rückwärts gerichteten Namensänderung? Zuletzt machte der Export, die Krise der Rüstungsindustrie aufgrund von Kürzungen der Verteidigungshaushalte und die politisch verhinderte Fusion mit BAE Schlagzeilen. Tatsächlich bestehen all diese Probleme im Zusammenhang mit dem technokratischen Konstrukt, das in der Bezeichnung "EADS" seinen Ausdruck findet. Das "E" für "European" in EADS ist zunehmend zur Belastung geworden. Es wirkt an den Weltmärkten selbstgefällig und während der Eurokrise für den Export schädigend. Das wurde gerade bei Auftragsangeboten in Brasilien oder Asien beispielsweise für den Eurofighter deutlich. Der "Eurofighter" als Kampfflugzeug hat dadurch einen unfreiwilligen Beigeschmack bekommen.

Damit ist ein politisches Prestige-Projekt gleichzeitig aufgegeben und vollendet worden. Auf der einen Seite ist die europäische Integration dieser Industrie zu Ende und eine gemeinsame Rüstungsindustrie im Hintergrund einer angestrebten europäischen Sicherheitspolitik am Ende. Hier ist man gescheitert. Andererseits ist EADS nun konkurrenzfähig mit den diesen Markt bis zur Gründung von EADS dominierenden Amerikanern. Der Eurofighter ist auf Augenhöhe mit den amerikanischen Kampfjets. In EADS ist genügend Kapitalkraft und Know-How zusammengekommen, um ein Großraumflugzeug wie dem A380 zu entwickeln und zu bauen. Das war das lange gehegte Ziel, weltweit der einzige Industriekonzern zu sein, der es mit der Spitzentechnologie einer F-16, F-22 oder der Boeing 747 "Jumbo" aufnehmen kann. Ohne EADS wäre das sicher nicht möglich gewesen.

Es ist also nicht bloß ein symbolischer Wandel, sondern die Umbenennung markiert eine Entwicklung vom politischen Interesse der europäischen Integration hin zu einem eher unabhängigen, internationalen Konzern. Allein der Name geht quasi auf ein politisches Ultimatum der Regierungen Frankreichs, Großbritanniens und Deutschlands vom 31. März 1998 zurück. Die am Airbus-Konsortium beteiligten Unternehmen sollten bis dahin ein Konzept zu einem vereinigten europäischen Unternehmen vorlegen. Der Projektname war "European Aerospace and Defense Company". Die multinationale Kooperation des Airbus-Konsortiums hatte viele doppelte Strukturen geschaffen und mußte betriebswirtschaftlicher ausgerichtet werden. Der Luftfahrtsektor war zu dieser Zeit in Europa sehr disparat und in den einzelnen Ländern unterschiedlich stark konsolidiert (wie etwa in Dtld. MBB und Dornier). Darum ging schon der Gründung von EADS ein Ringen um die stärkste Positionierung der beteiligten Unternehmen für das darauf aufbauende Anteilsverhältnis voraus, der die Beherrschung des künftigen Konzerns bedeuten würde. Es entstand ein Machtkampf aufgrund des politischen Drucks. Die DASA wollte 1998 mit BAE fusionieren, Aérospatiale fusionierte 1999 gemäß dem Willen der französischen Regierung mit Matra und im United Kingdom BAE mit GEC Marconi. Damit war der Deal von DASA und BAE hinfällig. Jetzt mußte die DASA einen anderen Partner finden, denn sonst würde Frankreich den größten Einfluss haben. Sie fand ihn in der im Privatisierungsprozess befindlichen spanischen CASA. Jean-Luc Lagadère und Jürgen Schrempp hatten am Zenit der Zusammenschlüsse dann nach wie vor das Motiv mit ihrem Fusionsplan von Aérospatiale-Matra und DASA zur EADS auch unter diesen Umständen einer zwanghafter Entgleisung weniger Politik und mehr Effizienz.

Doch all das ergab eine negative Begleiterscheinung, die sich ungewollt bis heute fortsetzte. Mit der DASA und BAE Fusion hätten privatwirtschaftliche Firmen das EADS-Projekt bestimmt. Das hätte den Druck auf die weitere Privatisierung der staatlichen Aérospatiale erhöht. Aber mit dem Alleingang der Briten kam eine unbeabsichtigte Wendung. BAE hatte sich somit dem Verteidigungsgeschäft zugewendet und als nun drittgrößter Konzern dieses Sektors weltweit die europäischen Verhältnisse einseitig verzerrt. Sie sind dadurch aus dem politischen EADS-Projekt ausgeschieden und behielten nur noch vorübergehend ihren alten Anteil an Airbus. Und EADS wurde ein Konzern mit direkter spanischen (SEPI) und französischen Staatsbeteiligungen (SOGEADE). Das hatte zur Folge, dass die Gleichgewichtung der politischen Interessen der Länder noch mehr in den Fokus rückten. Es erfolgte eben keine Harmonisierung industrieller und politischer Interessen in Europa.

Von Anbeginn hatte schon die Verteidigungstechnik nur eine Nebenrolle bei EADS angenommen. Und gerade das wurde in den letzten Jahren deutlich. Die EADS Verteidigungssparte  "Cassidian" ist zu groß für Europa und zu klein für den Weltmarkt. Das wollte man durch den wiederholten Versuch einer Fusion mit BAE 2012 ändern. Mittlerweile gab es jedoch bei den Regierungen soviel Streitigkeiten und angestauter Argwohn über Standorte und Nationalität der Führungsgremien, dass diese sich nicht einigen konnte. Mit BAE ist es ein Drama, aber auch eine Ironie der Geschichte, dass daraufhin doch noch der direkte politische Einfluß zurückgedrängt worden ist und die staatlichen Anteile samt Mitspracherecht reduziert wurden. Erst hatte man aber noch den natürlichen Verlauf der Integration verhindert.

EADS ist nun gezwungen die Internationalisierung seines Geschäftsmodells von selbst voranzutreiben. Zunächst bedeutete das den Abbau von Arbeitsplätzen bei Cassidian. Da man dort das Geschäft nicht stark genug aufbauen durfte, wurde es gemäß der reduzierten Verteidigungshaushalte der Länder gekürzt. Es verdichtet sich das Bild, dass der Verdruss der europäischen Regierungen gegenüber Themen bei EADS und die Sonderbelastungen der Eurokrise industriepolitische Ziele verdrängt hat. Der Abbau hier ist nahezu ein technologischer Aderlass für die gesamte Luftfahrtindustrie. Die Flügelkonstruktion des Alpha Jets oder das computergeregelte Flugsteuerungssystem des Eurofighters sind beispielsweise prototypisch für jede neue Flugzeugentwicklung gewesen. Ferner zeigt das Eurohawk-Debakel ebenfalls, dass es Europa hier versäumt hat, eine eigene Entwicklung auf dem vergleichbaren Niveau des Eurofighters anzuschieben. Der Import der Globalhawk zum Bau des Eurohawks und der Heron zum Bau der Harfang machen die Abhängigkeit von fremder Technologie deutlich. Fraglich ist, ob man jetzt zurückbleibt und eher zu einem "Billigproduktland" wird.

Gleichwohl gehört ein Baustein der Zukunft der Luftfahrt zur Drohnenentwicklung. Dennoch schafft es Deutschland nicht einmal eine von den USA zahlreich eingesetzte Drohne zuzulassen. Teure Entwicklungszeit ist durch besagtes Versäumnis und zögerliche Initiative verloren gegangen. Der CEO von EADS, Thomas Enders, erklärte, dass es keine eigene Investitionen in Drohnen mehr geben wird. Scheinbar wird es so niemals eine europäische Drohne geben. Allerdings offenbaren sich Defizite auf allen Seiten. Europäische Regierungen haben den militärischen Bedarf der Drohnen erst durch den Ernstfall in Libyen zu spät (Frankreich) oder überhaupt nicht (Deutschland) erkannt. Und EADS hat selbst zu lange an bemannten Flugzeugen festgehalten. Insofern war es ein Managementfehler von EADS auf den Mako-Fighter als technologische Weiterentwicklung und dabei Vorstufe für einen möglichen Nachfolger des Eurofighters gesetzt zu haben. Das hätte man sich sparen können. Eine alternative Version des Eurofighters wäre womöglich strategisch sinnvoll für den Export gewesen. Zugute gehalten werden kann bei diesem aufgegebenen Projekt auch, dass es unzuverlässige Kunden in unberechenbaren Märkten gibt, die einen Erfolg erschweren.

Nimmt EADS nun seinen bekanntesten Produktnamen "Airbus" an, ist das eine strategische Neuausrichtung, ohne größeren Staatseinfluss das dargestellte Koordinationsversagen Europas hinter sich zu lassen und sich dem internationalen Kunden ganz zu widmen. Aber die Umstrukturierungsphase steht erst am Anfang. Die Situation deutet auf einen großen Wandel hin. Es gab seit Beginn der europäischen Einigung noch nie gar kein verteidigungspolitisches Großprojekt in Europa. Das bedeutet das Ende einer gemeinsamen Sicherheitspolitik, wenn die Regierungen sich jetzt nicht zusammentun und eins beschließen.

Ein zweiter Teil dieser Arbeit wird folgen. Er wird die Auswirkungen auf die Unternehmen beinhalten.

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