Mittwoch, 21. August 2013

Freihandel, Frieden und Fortschritt: Hätte TTIP Hitler verhindern können? Von Christian Dominik Heinz

Durch die NSA-Abhöraffäre werden die Verhandlungen über das Transatlantische Freihandelsabkommen (TTIP) gefährdet. Viele europäische Politiker sehen die Grundlagen für Gespräche beeinträchtigt. Dabei verkennen sie die mögliche Bedeutung des Abkommens doch sehr.

Es geht nicht nur um irgendwelche ökonomischen Vorteile oder mehr westlichen Einfluss im Machtgefüge der Welt. Historisch hätte der Freihandel schon einiges zum Positiven wenden können. Der Wettbewerb einer offenen Gesellschaftsordnung, kultureller Austausch oder der Wohlstand durch den komparativen Vorteil führen zu zivilisatorischen Fortschritt, der vor Despotismus immunisiert. Es geht um Werte.

Das verdeutlicht eine kontrafaktische Betrachtung deutscher Geschichte. Freihandel wäre nämlich Hitler in die Quere gekommen. Auf jeden Fall hätte es seine Machtfülle gemindert.

Hugo Eckener als Reichspräsident?
Was wäre gewesen, wenn Hugo Eckener 1932 für das Amt des Reichspräsidenten gegen Hitler kandidiert und gewonnen hätte? Hugo Eckener war für seine Zeit in etwa das, was Bill Gates oder Warren Buffett heute ist: ein erfolgreicher, allseits anerkannter Unternehmer des großen, heute würde man sagen, Technologie-Konzerns Luftschiffbau Zeppelin GmbH mit vielen bekannten Unternehmen wie z.B. Luftschiffbau, Maybach Motorenbau, Zahnradfabrik Friedrichshafen, Dornier Flugzeugbau usw. Aber er war noch mehr: Eckener war die Koryphäe (Unternehmer, Pionier und Kapitän) der erfolgreichen Zeppeline, die damals einzigartig in ihrer Größe und Bedeutung waren. Er zog seine Kandidatur jedoch zurück, als Paul von Hindenburg seine Bereitschaft zur Wiederwahl trotz seines hohen Alters erkennen ließ. 

Es gab aber die Perspektive, dass sich Eckener mit dem US-Präsidenten Herbert Hoover damals über die Lieferung von Helium hätte einigen können. Die deutschen Zeppelin-Luftschiffe (es gab auch andere Erbauer von Luftschiffen z.B. Schütte-Lanz, Parseval) benutzten als Traggas immer Wasserstoff. Die Gefahren des brennbaren und explosiven Wasserstoffgases waren bekannt, jedoch gab es in Deutschland bzw. Europa keine Vorkommen des unbrennbaren Heliums als Ersatz. Aber durch die langjährige Handhabung und Erfahrung mit dem Fahren mit Wasserstoff führte zu erfolgreichen Fahrten bis zum Hindenburg-Unglück 1937.

Versäumte Lichtblicke in Zeiten der Weltwirtschaftskrise
Anfragen von deutscher Seite scheiterten daran, dass seit dem Jahre 1919 in den USA, die als einziger Staat größere Heliumvorkommen (in Erdöl oder Kohle) hatten, ein Gesetz bestand, dass Helium nicht an ausländische Staaten bzw. Unternehmen ausgeführt werden darf. Man hatte bis zum Bau des LZ 129 "Hindenburg" stets die Hoffnung, Helium aufgrund guter Beziehungen zwischen den USA und Deutschland auf dem Luftschiff-Sektor und auch wegen dem guten Verhältnis zwischen Eckener und den amerikanischen Präsidenten Coolidge, Hoover und Roosevelt zu bekommen. Doch die politische Entwicklung ab 1933 in Deutschland bestärkte dann noch zusätzlich die Entscheidung der Amerikaner, das Helium nicht zu liefern. Es wurde zuvor sogar angedacht, eine deutsch-amerikanische Luftverkehrs-Gesellschaft zu gründen, wobei dann die amerikanischen Luftschiffe mit Helium fahren konnten, und so ein evtl. geplanter Luftschiffverkehr mit Europa mit Helium als Traggas gemacht werden konnte.

Allgemein waren die politischen Rahmenbedingungen für den Zeppelin doch zu ungünstig und wurden es immer mehr. Ferner stand jedes internationalen Vorhaben im Schatten der Weltwirtschaftskrise. Ein vorzeitiger Erfolg der Verhandlungen von Eckener über das Helium hätte vielleicht eine andere Entwicklung in Gang gebracht als die ideologische Verengung im Dritten Reich. Eine andere Entwicklung wäre ein Lichtblick für die Weltöffentlichkeit damals gewesen.

Vielleicht hätte das eben den notwendigen Aufwind für Eckener gebracht. Von dieser internationalen Reputation zu einer Zeit, in der sich Deutschland durch den Versailler Vertrag domestiziert und isoliert gesehen hat und in der die Great Depression durch die Finanzkrise von 1929 wütete, wäre ein politisches Signal ausgegangen. Die Weltläufigkeit Eckeners hätte Hitler womöglich überragt, da sie als Chance für Deutschland erkannt worden wäre. Der Weltwirtschaftskrise wurde aber leider mit Protektionismus begegnet.

Deutsch-amerikanische Freundschaft!
Eigentlich bestand seit 1924 mit der erfolgreichen Überfahrt über den Atlantik und der Ablieferung des Reparationsluftschiffes LZ 126 (in den USA ZR III „Los Angeles“) eine große Bewunderung für die deutschen Luftschiffe und insbesondere für Eckener. Gerade nach dem ersten Weltkrieg war dieses Ereignis in den USA ein Wandel in den (politischen) Beziehungen zu Deutschland.

Vielleicht hätte ein konstruktiverer Verlauf auch später noch Eckener ermöglicht, Hitlers Machtanspruch als selbstermächtigten Reichspräsidenten nach Hindenburgs Tod 1934 entschieden entgegenzutreten. Eckener war im Dritten Reich einer der wenigen unabhängigen Geister, der mit seiner offenen Meinung dann aber ab 1936 als Leiter des Fahrbetriebes der Zeppelin-Luftschiffe mehr oder weniger von der Öffentlichkeit ausgeschlossen wurde. Er wehrte sich gegen die Vereinnahmung der Luftschifffahrt durch die Propaganda. Damit machte er sich Goebbels zum Gegner. Dass er sich das als früherer Gegenkandidat erlauben konnte bezeugt seine Geltung.

Einstige Bedeutung der Luftschifffahrt
Nach dem Unglück des LZ 129 "Hindenburg" in Lakehurst ist das öffentliche Bild der Zeppeline verzerrt. Deswegen ist diese alternative Perspektive der Geschichte vielleicht nur schwer vorstellbar. Einst waren Zeppeline aber die hochtechnologische Zukunftsvision und das Höchstmaß der Ingenieurskunst. LZ 129 „Hindenburg“ und LZ 130 „Graf Zeppelin“ (gleiche Namen wie LZ 127) waren drei Mal so groß wie eine Boing 747. Die Luftschiffe verbanden seit 1928 die Kontinente und Völker miteinander. Neben vielen Fahrten in viele Städte Europas fuhr ohne größere Zwischenfälle ab 1931 der LZ 127 „Graf Zeppelin“ einen regemäßigen Passagier- und Frachtdienst nach Rio de Janeiro und ab 1936 fuhr LZ 129 „Hindenburg“ regelmäßig Non-Stop nach den USA (Lakehurst) und nach Brasilien (Rio de Janeiro). Drei weitere Luftschiffe waren geplant, diesen Verkehrsdienst auszubauen.

Die Geschichte der Zeppeline wäre ohne Nationalsozialismus eine andere gewesen und Zeppeline mit Helium vielleicht eine alternative Reisemöglichkeit noch heute. Zumindest wird der Zeppelin NT heute für wissenschaftlich, industrielle und vor allem  touristische Zwecke wieder eingesetzt. Die besagten Hindernisse und der Abbruch der technologischen Entwicklung dadurch verhindern jetzt eine kostenmäßig sinnvolle Verwendung von Luftschiffen (Cargolifter).

Also: Kurzsichtige Krisenpolitik oder ökonomische Weitsicht?
TTIP, ein transatlantisches Abkommen über freien Handel und Direktinvestitionen wäre eine Impfung gegen wieder aufkeimende Formen des Protektionismus, wie er sich durch Strafzölle der Solarindustrie oder im weltweiten Währungskrieg zeigt. Die dargestellte Analogie zur möglichen Rolle Eckeners und des Erfolgs der Zeppeline hier beweist, dass es kein tagespolitisches Thema, kein internationales Verhandlungsdetail unter anderen ist, sondern eine historische Dimension besitzt. Deshalb darf TTIP nicht fahrlässig unterschätzt und mit aktuellen Streitigkeiten vermischt werden.

Dass ausgerechnet Barack Obama das Freihandelsabkommen wieder anstößt ist schon ein kleines Wunder. Denn vormals hatte er zu Protektionismus mit einer Buy-American-Klausel als Teil seines Konjunkturpaketes in der Wirtschaftskrise 2009 aufgerufen. Außerdem hat das merkwürdige Scheitern des Tankerauftrages an EADS Bedenken des Protektionismus erzeugt. Die wiederholten Ausschreibungen waren ein brisantes Wahlkampfthema 2008 in den USA gewesen. Der damalige Präsindentschaftskandidat gegen Obama, John McCain, hatte die erste Vergabe an Boeing wegen Korruption gestoppt. Wiegen Milliarden an Mehrkosten für den amerikanischen Steuerzahler weniger als die vermeintliche Schaffung von Arbeitsplätzen in den USA? Das war dann die Frage. Sind das die Mittel gegen eine Wirtschafts- und Staatsschuldenkrise: Protektionismus und Subvention der heimischen Industrie. Wirtschaftstheorien und Wirtschaftsgeschichte dagegen beweisen, dass Arbeitsplätze dadurch langfristig verloren gehen, weil die internationale Arbeitsteilung zum Nutzen aller zusammenbricht. Das wäre eine unglückliche Wiederholung der Maßnahmen nach dem Crash von 1929, die zur Weltwirtschaftskrise führten. In Vergessenheit geraten ist auch, dass allein Gerüchte um Protektionismus vor dem "Black Friday"-Börsencrash schon für Verunsicherung gesorgt hatten. Protektionismus schadet immer. Dennoch ist die Welt nicht frei davon geworden.

Wirbel durch die deutsch-amerikanische Konkurrenz
Der Protektionismus von heute versteckt sich nur besser hinter den Auswirkungen der unaufhaltbaren Globalisierung, die irgendwo alle zur Kooperation zwingt. Das zeigt zuletzt auch die Subprime-Krise, die sich doch schnell von einer lokalen Schwäche bei US-Hypothekenkrediten über die gesamten Weltmärkte ausgebreitet hatte. 

Auch hier bietet die Luftfahrtindustrie prominente Beispiele. Warum ist denn der Marktanteil von Airbus in den USA unter 20%, wenn gleichzeitig der Weltmarktanteil bei 64% liegt? Auch der Disput zwischen amerikanischen und europäischen Behörden bei der Zulassung des Airbus A380 um die sogenannten Wirbelschleppen erweckten schon den Verdacht des Versuchs von Protektionismus. Auf jeden Fall verteuerte es die Zulassung für den europäischen Luftfahrtkonzern EADS. Die Concorde hatte lange keine Landeerlaubnis in New York. Beides sind Produkte, die wie beim Zeppelin den Konkurrenten in den USA in den Schatten stellten. Daher kann man eine klare Absicht unterstellen. 

Ein Freihandelsabkommen mit den USA ist also von immenser Bedeutung. Ein Weg zu mehr Ehrlichkeit in den Beziehungen. Vorausgesetzt, dass die Verhandlungen auf Augenhöhe stattfinden und das Ergebnis gleiche Ausgangsbedingungen für die Unternehmen auf beiden Seiten dieser Zone schafft. Ansonsten verbergen sich dahinter bloß wieder neue Formen des Protektionismus. Der Währungskrieg zugunsten des jeweiligen Exportlandes bezeugt das momentan. Künstliche Währungsmanipulation ist eine mit Verbot im IWF-Abkommen geächtete Form des Protektionismus. Und die USA sind auf diesem Gebiet durch die FED-Politik Bernankes vorausgeeilt. 

Nie wieder Kalter Krieg!
Ärger um den NSA-Abhörskandal und die dadurch aufgedeckte Einstufung Deutschland als Partner dritter Klasse haben inhaltlich damit nichts zu tun. Die Empörung zeigt vielleicht eher das Desiderat, ohne Vorbehalte und Geheimniskrämerei gleichberechtigt näher zusammen arbeiten zu müssen. Was eine EU-Kommissarin, Viviane Reding, in ihrer politischen Profilierung kritisiert hat, ist in Bezug auf das Verhandlungsklima nachvollziehbar, aber im politischen Zusammenhang eine Borniertheit, eine unangemessene und unangebrachte, gekränkte Eitelkeit. "Partner spionieren einander nicht aus"? Heißt es Partner sollten nicht kooperieren? Muss man in Erinnerung rufen, dass die Attentäter vom 11. September 2001 ihre Brutstätte an einer deutschen Universität hatten? Und dass die Bundesrepublik an solchen Universitäten so wenig Anerkennung genießt, dass selbst ein Minister dort keine Rede mehr halten kann! So eine Einstufung kommt nicht von ungefähr und ist die Aufgabe der Sicherheitsdienste. Auch das belegt nur wieder, dass wir zusammen arbeiten müssen. Darum ist der Fall Edward Snowden eine Gefahr für den westlichen Zusammenhalt und Vladimir Putin ein gewollter Saboteur für dessen Erfolg. Aber das sind eben alte politische Machtspiele, die das Transatlantische Freihandelsabkommen für immer überstrahlen würde.

Ich möchte mich bei Manfred Bauer für wichtige Hinweise über die Zeit des Zeppelins in diesem Blogbeitrag bedanken. Er ist Autor des Buches "Mein Vater, Luftschiffkapitän Heinrich Bauer: (1902 - 1979)" oder (ISBN-10: 3861361612, ISBN-13: 978-3861361619)

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