Donnerstag, 21. Februar 2013

„Bunte Republik“ Europa. Von Clemens Schneider

Die abendländische – mithin die europäische – Geistesgeschichte ist vor allem von einer Konstante geprägt: der Entwicklung des Individualismus. Das beginnt bei der Entdeckung der Eigenverantwortlichkeit durch die Dichter und Denker des alten Griechenland. Das Christentum mit seiner Idee eines ganz persönlichen Verhältnisses des Menschen zu seinem Gott hat diese Vorstellung entscheidend verfeinert. Gewichtige Philosophen haben im Laufe der Jahrhunderte diese Idee dann immer weiter entwickelt: Scholastiker, Renaissance und Aufklärung bis hin in unsere Tage. Gleichzeitig mit der zunehmenden Wertschätzung des Individuums lernte man folgerichtig auch immer mehr den Wert von Vielfalt zu schätzen. Das 19. Jahrhundert hatte eine geistig reaktionäre Gegenbewegung hervorgebracht, die unter wechselnden Vorzeichen – Nationalismus oder Sozialismus – eine Wiederherstellung des Kollektivs zu erreichen versuchte, um die versprengten Individuen wieder einzufangen. Zum Glück haben sich diese Kollektivismen nie ganz und nachhaltig durchsetzen können. Heute haben wir in Europa wirklich vielfältige Gesellschaftsformen. Die wenigsten Menschen wünschen sich zurück in eine Zeit, in der unterschiedliche Herkünfte, Identitäten und Lebensentwürfe nicht geduldet wurden. Alt-Bundespräsident Christian Wulff traf durchaus das Lebensgefühl einer großen Mehrheit unserer Gesellschaft, als er die „bunte Republik“ Deutschland lobte. Die vielfältigen Möglichkeiten, heutzutage in anderen Ländern und Regionen dieser Welt zu reisen, zu studieren und zu arbeiten, beschleunigen diese Entwicklung ebenso wie das rasante Zusammenwachsen der Welt mithilfe des Internets.

An dieser Entwicklung kann niemand vorbei, und so ist es auch für Politiker und offiziöse Intellektuelle unerlässlich, ihr Lob zu singen. Die Wertschätzung von Pluralismus und Individualität ist fast schon zu einer Staatsdoktrin geworden, prägt Medien und Schulbücher; eine völlig übereifrige political correctness sorgt rücksichtslos für ihre Einhaltung. Und dennoch propagieren die exakt identischen Menschen heute eine EU-Ideologie, die den Errungenschaften von Pluralismus und Individualismus Hohn spricht. Gleichmacherei wird als Harmonisierung verbrämt. Der Popanz der bedrohlichen Globalisierung wird aufgebaut, um über Angst und die daraus folgenden Zusammengehörigkeits- und Abgrenzungsgefühle Kollektivismus zu erzeugen. Und ein Meinungskartell aus Politikern, Medien und Schulbüchern versieht die EU mit einem Heiligenschein, der jeden Kritiker sofort in die nationalistische und kriegstreiberische Ecke rückt.

Die Diskrepanz ist himmelschreiend. Und doch fällt niemandem auf, dass es nicht zusammenpassen kann, Chancengleichheit herzustellen und Diskriminierung zu verhindern, und gleichzeitig für eine EU zu streiten, die alle Unterschiede nivelliert, somit aufs Äußerste diskriminierend ist und die Chancen, die sich aus dem Wettbewerb vieler verschiedener Identitäten ergeben, gerade verbaut.

Der Gegenentwurf zur derzeitigen (und insbesondere zur projektierten) EU ist nicht die Rückkehr zum kollektivistischen Nationalismus, sondern das Fortschreiten zu einem aufgeklärten und bunten Gemeinwesen Europa. Das Fortschreiten auf dem Weg zu einem friedlichen Miteinander, zu einem positiven Wettbewerb verschiedenster Lebens- und Gesellschaftsentwürfe. Ein modernes Europa ist ein Europa, das nicht aus Furcht handelt, sondern der Welt mit offenen Armen entgegentritt – keine Festung, sondern ein Hafen. Ist ein Europa, das jedem Bürger die größtmögliche Freiheit ermöglicht – kein Kollektiv, sondern ein befruchtendes Netzwerk, ein bunter, vielfältiger Blumenstrauß. Dann stellt es sich auch wieder in die großartige und begeisternde Tradition abendländisch-europäischen Denkens, die uns zu jener offenen, freiheitlichen Gesellschaft geführt hat, in der wir heute leben dürfen.

Clemens Schneider arbeitet an seiner Dissertation über den englischen Liberalen Lord John Acton, ist Stipendiat der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, dort Koordinator des Arbeitskreises Wirtschaft und Soziales sowie Ansprechpartner des Hayek-Kreises, und einer der Mitinitiatoren der Woche der Freiheit.


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