Donnerstag, 17. Januar 2013

Neues aus Dimitrovgrad: Tschalga und die EU. Von Nora Hesse

Für diejenigen, die mich nicht so gut kennen – ich komme aus Dimitrovgrad, Bulgarien. Meine Heimatstadt ist klein; dort passiert auch nicht viel. Sie trägt immer noch den Namen des ehemaligen Generalsekretärs der Komintern und treuen Vasallen Stalins Georgi Dimitrov. Mittlerweile ist sie aber für etwas anderes bekannt: Dimitrovgrad ist auch die Heimat von Payner, dem größten Tschalga-Produzenten und Sender in Bulgarien. Was ist Tschalga? Eine besondere Musikrichtung, eine Mischung aus orientalischen und balkanischen Rhythmen mit leidenschaftlichen Liedtexten. Viele der berühmtesten Tschalga-Sängerinnen – die oft nur einen Namen und ganz wenig Kleidung tragen – sind bei Payner unter Vertrag. Sie singen von Liebe, Eifersucht und Leidenschaft. Es gibt auch Tschalga-Sänger. Sie haben wiederum zwei Namen und schon mehr Kleidung an. Sie sind stark und sehen manchmal gefährlich aus. Die Themen der Lieder bleiben aber ähnlich. All das kann man nicht nur hören, sondern auch sehen: Payners Fernsehsender Planeta TV  ist ein Augenschmaus.


Was haben Tschalga und die EU gemeinsam? Drei Sachen: Payner, Wettbewerbsfähigkeit und den Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung.
1) Ein Projekt von Payner Media (BG161PO003-2.1.11-0074-C0001: „Steigung der Wettbewerbsfähigkeit von Payner Media GmbH auf dem inländischen Markt durch eine Modernisierung der technischen Ausstattung“) wurde zugelassen für Finanzierung im Rahmen des operationellen Programms „Technologische Modernisierung in kleinen und mittleren Unternehmen“ (Ziel „Regionale Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung“ des EFRE).
2) Das Projekt soll durch eine Modernisierung der technischen Ausstattung die Wettbewerbsfähigkeit von Payner erhöhen. Mit dem EU-Geld soll Payner Media nachhaltig wachsen und seine führende Position in der Produktion und der Sendung eines hoch-qualitativen Medienprodukts gewährleisten. Die bessere Qualität der Sendung soll neue Zuschauer anziehen, mehr Geld aus Werbung einbringen, dadurch neue Arbeitsplätze schaffen und die regionale Wirtschaft unterstützen.
3) 1 918 233 Leva (fast eine Million Euro) kommen aus dem Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung – als verlorener Zuschuss. Steuergelder also für neue Technik, um Turbofolk/Popfolk/Tschalga besser zu produzieren.

Kulturelle Vielfalt ist unbestritten ein wichtiger Aspekt unseres Zusammenseins in der EU. Und über Geschmack lässt sich streiten. Aber wenn Geld von Brüssel in die Peripherie fließen muss, dann bitte nicht an (quasi) Monopolisten. Und vielleicht doch ein bisschen über Ästhetik, Qualität und Wertvorstellungen nachdenken, bevor man so schnell so großzügig mit fremdem Geld wird. Immerhin hat die EU-Kommission eine Untersuchung seitens der zuständigen Behörden in Bulgarien angefordert, um festzustellen, ob die Regeln des Zuschussprogramms befolgt wurden. 


Mehr zum Thema Regionale Förderung finden Sie in unserer Studie.

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