Dienstag, 6. November 2012

Wilhelm Röpke im Open Europe Berlin Interview (I). Von Michael Wohlgemuth


Vorbemerkung: Altes und Neues

Ich wurde in den letzten Tagen, seit Open Europe Berlin offiziell wurde, öfters gefragt – und nicht nur von Konservativen: „Neue Ideen für ein neues Europa“ – heißt das etwa, dass alle alten Ideen zu Europa falsch waren? Nein: viele, gute, alte Ideen, Konzepte und Rechtsprinzipien sind nur vergessen, ignoriert, gebrochen worden. Dabei sind oder wären sie heute so aktuell wie kaum zuvor. Sie verweisen auf eine gerade auch deutsche bzw. deutschsprachige Tradition des wohlverstandenen Föderalismus und der wohlverstandenen Sozialen Marktwirtschaft.

Unser Blog von Open Europe Berlin ist ehrgeizig: wir wollen aktuell, aber auch gründlich sein. Spontan und doch überlegt. Tagesaktuelle Kommentare sollen genauso vorkommen wie zu Unrecht vergessene philosophische Überlegungen.

Dabei bitte ich zu berücksichtigen: Open Europe Berlin – das sind im Moment Nora Hesse und ich, in einem 19qm Büro in Berlin. Zum Glück haben wir schon jetzt gute Freunde, talentierte Praktikanten und prominente Bekannte, die auch für den Blog viel liefern wollen oder können.

Und auch das sollte vielleicht noch einmal ohne Wehklagen betont werden: Wir verzichten,  um als unabhängige Stimme für eine offene Diskussion über die Zukunft Europas glaubwürdig zu sein, auf EU-Mittel und irgendwelche Steuergelder. Geld von Parteien oder Verbänden haben und wollen wir auch nicht.

Nun aber zur Aktualität alter Ideen für ein neues Europa. Als ersten befragen wir Wilhelm Röpke (1899-1966) – alle Antworten sind unten als Zitate belegt. Heute gibt er uns erste Auskunft zur aktuellen Krise. In weiteren Interviews zur Idee einer Europäischen Wirtschaftsregierung; danach zu den Aussichten einer „Helvetisierung“ Europas (und zum EU Beitritt der Schweiz) und am Ende zu seiner Sicht, wie ein offenes Europa aussehen sollte.

Wilhelm Röpke zu Europa (1): Krise heute – und damals

Herr Professor Röpke, Sie sind einer der geistigen Väter der Sozialen Marktwirtschaft und haben sich wie kein anderer deutscher Ökonom mit internationaler Ordnung und Europäischer Ordnungspolitik beschäftigt. Wo sehen Sie das europäische Integrationsprojekt heute?

Röpke: „Wir befinden uns … in diesem Augenblick, da der im ganzen so erfolgreiche Weg der europäischen Wirtschaftsintegration … beschritten worden ist, … in einer überaus ernsten Krise der europäischen Einigung, die paradoxerweise durch ein übereifriges Vorschnellen einer Sondergruppe … hervorgerufen worden ist“ [1]

Sie meinen etwa auch eine übereifrige Währungsunion?

Röpke: „Wir machen die wohlwollende Annahme, dass denjenigen, die für diesen Konflikt zuständig sind, nichts ferner gelegen hat, als der Gedanke, dass Europa im Namen eines betonten Europäismus aufs höchste gefährdet werden könnte. Obwohl man sich wundern kann, dass sie den frühzeitigen Warnungen

… den Appellen prominenter deutscher Ökonomen 1992 und 1998  …

Röpke: … nicht rechtzeitig Beachtung geschenkt haben, würden wir ihren Verantwortungssinn in beleidigender Weise in Zweifel ziehen, wenn wir ihnen ein anderes Motiv als gutgläubigen Irrtum zutrauen würden. Man ist sich offenbar zu spät darüber klar geworden, dass der Begriff der ‚europäischen Wirtschaftsintegration‘ eine Quelle von gefährlichen Konfusionen gewesen ist“´. [2]

Das Projekt „Euro“ war also ein ‚gutgläubiger Irrtum‘?

Röpke: „Was Mörtel sein sollte und uns als solcher angepriesen worden ist, hat sich in der Tat als Dynamit erwiesen … Schon jetzt … macht sich die Spaltung in sehr ernster Weise bemerkbar, vor allem durch die lähmende Unsicherheit über die weitere Entwicklung und durch die Sorgen, die man sich überall über die Zukunft machen muss.“ [3]

Und jetzt droht Gefahr sogar von Seiten der EZB, in der die Position der Bundesbank neuerdings regelmäßig überstimmt wird?

„Wenn … die Länder des gemeinsamen Marktes sich nicht auf jenes Höchstmaß der monetären Disziplin einigen können, das wir voraussetzen und wünschen müssen, wenn sie dem Gesetz des geringsten Widerstandes folgen, wenn sie der Ansteckung erliegen, dann besteht die immense Gefahr, dass Gesamteuropa zu einem weltwirtschaftlichen Krisenherd wird, Gesamteuropa und nicht nur einzelne Länder, die es bereits sind“ [4].

Was halten Sie vom aktuellen Krisenmanagement der EU? Man kann den Politikern doch nicht vorwerfen, sie würden nicht alles tun, um der „Ansteckung“  Herr zu werden?

Röpke: „Das gewaltige Aufgebot an Rhetorik und Literatur wird uns in diesem Punkte ebenso stutzig machen wie die Folge von Konferenzen, Kommissionen und Proklamationen, die sich der Forderung bemächtigt, ihre Verwirklichung aber bisher kaum um einen einzigen Schritt weitergebracht haben. Es ist schwer, eine echte und starke historische Kraft in einer Bewegung zu erblicken, in der soviel Bereitschaft zur Selbsttäuschung, zur Phrase und zur Ignorierung der politischen Realitäten wie der Logik der Dinge zu erkennen ist.“ [5].

Zur „Phrase“ und „Logik der Dinge“ haben wir später noch eine Frage. Sind Sie also nun ein „Europa-Skeptiker“?

Röpke: „Auch für den europäischen Patriotismus – in dem ich mich für meine Person von niemandem übertreffen lassen möchte, am wenigsten von den patentierten Europäern  – gilt eben, dass  die wirtschaftliche Vernunft uns zwingt, manche Vorstellungen zu korrigieren, zu denen uns der bloße Enthusiasmus verleiten möchte. Gewiss ist, wenn Europa wirklich zu einer Einheit werden soll, der Enthusiasmus unentbehrlich, weil noch niemals ohne ihn eine große politische Idee verwirklicht worden ist. Aber auch für Europa gilt das berühmte Wort Edith Cavells, dass Patriotismus nicht genug ist.“ [6].

Herr Professor Röpke, wir danken Ihnen für diese Aussagen – und vermissen Sie.

Das Gespräch protokollierte Michael Wohlgemuth aus veröffentlichten Werken von Wilhelm Röpke (1899-1966).

Die Quellen der Zitate:
[1]: Wilhelm Röpke (1958): Gemeinsamer Markt und Freihandelszone – 28 Thesen als Richtpunkte, in: ORDO – Jahrbuch für die Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft, Bd. 10, S. 32.
[2]: ebd.
[3]:Wilhelm Röpke (1959): Zwischenbilanz der europäischen Wirtschaftsintegration. Kritische Nachlese, in: ORDO – Jahrbuch für die Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft, Bd. 11, S. 88.
[4]: Wilhelm Röpke (1964); Wort und Wirkung (Hrsg. v. Albert Hunold), Ludwigsburg: Hoch Verlag, S. 133.
[5]: Wilhelm Röpke (1979): Internationale Ordnung – Heute, Bern und Stuttgart: Haupt, S. 72.
[6] Wilhelm Röpke (1957): Europa als wirtschaftliche Aufgabe, in: Albert Hunold (Hrsg.), Europa – Besinnung und Hoffnung, Erlenbach-Zürich: Rentsch, S. 162.

Allgemein zu Wilhelm Röpke und dem Projekt europäischer Integration:

LarsFeld (2012): „Europa in der Welt von heute: Wilhelm Röpke und die Zukunft der Europäischen Währungsunion“:  

TimPetersen und Michael Wohlgemuth (2010): Wilhelm Röpke und die Europäische Integration, in: Heinz Rieter und Joachim Zweynert (Hrsg.), „Wort und Wirkung – Wilhelm Röpkes Bedeutung für die Gegenwart“, 2. Aufl., Marburg; Metropolis Verlag, S. 205-244.

Kommentare:

  1. Schönes Interview, aber fehlt da nicht die letzte Frage zur Phrase und die Logik der Dinge?

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  2. Das ist ein Interview in Blog-gerechten Abschnitten. Wilhelm Röpke wird sich zu "politische Phrase vs. ökonomische Logik" in Teil 2 (oder 3) des Interviews noch äußern ...

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