Donnerstag, 1. November 2012

Vielfalt statt Einfalt - von John Kornblum

Die Europäische Union hat entscheidend dazu beigetragen, den Frieden in Europa zu sichern. Insofern ist der Nobelpreis dafür hochverdient. Die Entschlossenheit, mit der die Europäer ihre gewaltsame Vergangenheit überwunden haben, gehört ohne Zweifel zu den großen Errungenschaften der jüngeren Geschichte.

Aber reicht das? Eine historische Errungenschaft garantiert nicht unbedingt eine erfolgreiche Zukunft.

Für Beobachter außerhalb Europas ist die Lage auf dem alten Kontinent eher alarmierend. Sie mahnen ihre europäischen Partner, nicht zu vergessen, dass in einer global vernetzten Welt jeder wichtige Teilnehmer mitverantwortlich dafür ist, dass die Weltwirtschaft in Echtzeit funktioniert. Mit seiner mangelnden Entscheidungsfreude in der Staatsschuldenkrise riskiert Europa nicht nur, dass sein Einfluss in der Welt schwindet, sondern auch, dass die Stabilität der Globalisierung gefährdet wird. Der amerikanische Publizist Tom Friedman schrieb dazu vor kurzem in der "New York Times", die Euro-Krise habe klar gezeigt, dass man in einer Ära der Globalisierung durch seine Freunde genauso bedroht werden könne wie durch seine Feinde.

Der Beitrag Europas zu der neuen globalen Partnerschaft kann nicht in einem "Mehr Europa" liegen, auch wenn die politischen Eliten des alten Kontinents in diese Richtung weisen. Der große Vorteil Europas liegt eben nicht darin, seine Vielfalt durch eine stärkere Zentralisierung zu kontrollieren und zu begrenzen. Nein, Europa war in seiner Geschichte immer dann stark, wenn es den großen Reichtum seiner unterschiedlichen Kulturen genutzt hat. Das sollten die Europäer wieder als ihren größten Wettbewerbsvorteil erkennen.

Die führenden Politiker verstärken jedoch die Unbeweglichkeit des Kontinents noch, indem sie ihren Bürgern mit fast religiösem Pathos ein Mantra wiederholen, das vor beinahe 60 Jahren formuliert wurde. Sie vermitteln immer noch das Gefühl, dass Europäer in ihren Herzen gefährliche Nationalisten geblieben seien und man deshalb das Korsett einer Regulierung durch die Europäische Union nicht lockern könne. Das Zaudern der Europäer kann aber nicht mehr durch die Angst vor einer angeblichen Renationalisierung des Kontinents gerechtfertigt werden.

Die meisten Ökonomen sind sich nämlich einig, dass das größte Risiko für den Wohlstand in Europa nicht in diesen Gespenstern aus der Vergangenheit liegt, sondern im Mangel an Wettbewerb und Innovationskraft. Eine Europäische Union, die auf Konsens und Subventionen gebaut ist, unterdrückt genau die Kräfte von Freiheit und Initiative, die für eine dynamischere wirtschaftliche Entwicklung des Kontinents eine notwendige Voraussetzung sind. Vielleicht lagen wir ja nach Ende des Zweiten Weltkriegs alle falsch, und es war nicht der tiefsitzende Nationalismus, der Europa in den Abgrund stürzte, sondern die zerstörerischen Kräfte der industriellen Revolution.

Müssten wir uns dann aber jetzt auch nicht viel stärker als bisher mit den ebenfalls zerstörerischen Kräften der Zukunft auseinandersetzen? Der Verfall historischer Industriegebiete, die Auslagerung der Produktion in Niedriglohnländer, das Eindringen der globalisierten Finanzmärkte tief in unsere Gesellschaften - all das wird in den kommenden Jahrzehnten immer wichtiger sein als die Ängste aus einem alten Jahrhundert.

Die Geschichte lehrt uns, dass Menschen, die ihren unterschiedlichen Ideen frei nachgehen können, am Ende erfolgreicher sind als solche, die einem einheitlichen politischen Code folgen müssen.

So liegt Amerikas Stärke in seiner Fähigkeit, das Beste und die Besten aus vielen verschiedenen Kulturen anzuziehen und zu verschmelzen. Europa ist sogar noch vielfältiger als die Vereinigten Staaten. Aber die Illusion, dass eine konsensorientierte, harmonisierte Politik eine überlegene Regierungsform darstellt, hat dazu geführt, dass Debatten, Neuerungen und Ambitionen zugunsten einer falsch verstandenen Einheit unterdrückt oder verlangsamt werden. Es ist nicht ohne Grund, dass so viele Europäer in Kalifornien leben.

In einer Zeit der Ausweitung globaler Netzwerke kann Europa durch seine zentrale geografische Lage, seine hochentwickelte Infrastruktur und seine gut ausgebildete Bevölkerung der atlantischen Gemeinschaft zu wachsendem Einfluss auf der ganzen Welt verhelfen. Der Weg zu dieser Zukunft führt aber nicht über Brüssel und über "mehr Europa", sondern über die Freisetzung kreativer Kräfte im friedlichen Wettbewerb. Ebenso dazu gehören Anreize für lokale Initiativen, die auf die Bedürfnisse der Globalisierung gerichtet sind. Nur dann können die Europäer zusammen mit den USA eine zentrale Rolle in einer multipolaren, vernetzten Welt spielen.

Kreative Vielfalt statt monotoner Einfalt sollte deshalb die Richtschnur für Europa sein.

Der Autor war US-Botschafter in Deutschland.

1 Kommentar:

  1. Ich bin mit der Auffassung von Herrn Kornblum uneingeschränkt einverstanden, dass nur ein Europa des Wettbewerbs und der Vielfalt zukunftsfähig ist. Die Aufgabe der kommenden Jahre wird wohl sein, den Bürger von diesen Prinzipien zu überzeugen, und das wird nicht einfach sein, besonders im "alten" Europa. Die Nationalstaaten sind allerdings durch die allmächtige EU momentan geschwächt, und das ist auch gut so. Nur wie kommen wir dahin, dass die Machtballung in Brüssel, die ausschließlich zu mehr Einfalt führt, bei ihrem zu erkämpfenden Zurückstutzen nicht zu neuen Machtpositionen der Nationalstaaten, sondern zu Macht für den einzelnen Bürger überführt wird? Personen wie Vaclav Klaus singen ein hohes Lied vom Nationalstaat als Garant für ein liberales Europa. Ich glaube, das ist ein Trugschluss. Die Aufgabe wird meines Erachtens sein, den Bürger von seiner eigenen Gestaltungsfähigkeit zu überzeugen, damit er bei seinem Ruf nach einer Dezentralisierung der EU nicht den Nationalstaat, sondern sich selbst als Adressat für die Kompetenz zur Problemlösung benennt. Lassen sie uns deshalb weniger von einem Europa als handelndem Subjekt sprechen, welches seine Partner verrät, seine Wirtschaft nicht im Griff hat etc. Europa handelt nicht, Europa ist eine Idee, die den einzelnen Bürger zu bestimmten Prinzipien bewegen kann, damit er gemäß dieser Prinzipien handelt und sein Schicksal nicht der EU oder der eigenen Regierung überlässt, sondern zunehmend selbst in die Hand nimmt.

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